Re­den statt stra­fen

Was Er­zie­hung heu­te so an­stren­gend macht

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - In Der Familie -

Von Si­na Wil­ke

Ma­ma, darf ich Na­schi?“– „Nein, du hat­test schon Ku­chen.“– „Ma­ma, darf ich ein Eis?“„Nein, denn du hat­test ja schon...“– „Wäääääh!!!“Er­zie­hung ist an­stren­gend. Wohl je­de Mut­ter und je­der Va­ter wür­den das un­ter­schrei­ben. Selt­sam aber, dass die heu­ti­gen Groß­el­tern gern er­zäh­len, frü­her sei das an­ders ge­we­sen. Gar nicht so an­stren­gend. Es lief ein­fach. „Er­zie­hung ist kom­ple­xer ge­wor­den“, sagt Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­le­rin Tan­ja Pütz von der FH Kiel. Aber war­um?

Ein wich­ti­ger Grund sei der Wech­sel des Er­zie­hungs­stils vom Be­fehls- zum Ver­hand­lungs­haus­halt, so Tan­ja Pütz. „Frü­her hat­ten Kin­der zu ge­hor­chen, heu­te wer­den sie in vie­le – und sei es noch so klei­ne – Ent­schei­dun­gen mit ein­ge­bun­den.“Be­deu­tet: Was frü­her vor­aus­ge­setzt wur­de, wird heu­te dis­ku­tiert. Ob es um Hil­fe im Haus­halt geht, die Wo­che­n­end- Gestal­tung oder pas­sen­de Kla­mot­ten für den Tag – Kin­der be­stim­men mit. Fehl­ver­hal­ten wird be­spro­chen statt be­straft, Re­geln sind ver­han­del­bar. „Das ist an­stren­gend, aber auch ei­ne gro­ße Chan­ce, weil wir viel mehr mit­ein­an­der ins Ge­spräch kom­men müs­sen. Au­ßer­dem fes­tigt es das emo­tio­na­le Band zwi­schen El­tern und Kind“, sagt Tan­ja Pütz. Tat­säch­lich zei­gen Un­ter­su­chun­gen, dass das Ver­hält­nis von El­tern und Kin­dern noch nie so gut war. Ma­ma und Pa­pa sind für ih­ren Nach­wuchs eher Ver­trau­ens- als Re­spekts­per­so­nen und be­schäf­ti­gen sich auch in­ten­si­ver mit ihm.

Doch sie sind auch nicht mehr so un­be­schwert. „Es liegt ein wahn­sin­ni­ger Druck auf der Er­zie­hung“, sagt Tan­ja Pütz. Nicht we­ni­ger als ih­re Kin­der lie­be­voll auf die Leis­tungs­ge­sell­schaft vor­be­rei­ten und ih­nen ei­nen op­ti­ma­len Start ver­schaf­fen sol­len El­tern heu­te.

Hin­zu kommt mehr Stress. „Der Zeit­fak­tor in Fa­mi­li­en hat sich ver­än­dert“, sagt die Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­le­rin. Meis­tens sind bei­de El­tern­tei­le be­rufs­tä­tig, es gibt vie­le Al­lein­er­zie­hen­de, ver­än­der­te Fa­mi­li­en­mo­del­le und meist zahl­rei­che Hob­bys und Ver­ab­re­dun­gen der Kin­der. „Vie­le Fra­gen, die heu­te all­täg­lich sind, ha­ben sich El­tern frü­her gar nicht ge­stellt“, sagt Tan­ja Pütz. Wie lan­ge kann ich ar­bei­ten, be­vor die Ki­ta schließt? Wer holt heu­te das Kind ab? Wer be­treut es, wenn es krank ist? Viel Lo­gis­tik, vie­le Ab­spra­chen, viel Het­ze.

Durch die zu­neh­men­de In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung der Kind­heit er­gibt sich zu­dem ei­ne wei­te­re Ve­rän­de­rung: „Er­zie­hungs­fra­gen wer­den nicht mehr nur al­lein im El­tern­haus ver­han­delt, son­dern man ist mit mehr Ex­per­ten im Dia­log“, so die Wis­sen­schaft­le­rin. „Es ist zwar schön, bei Fra­gen und Nö­ten ei­ne Ein­schät­zung zu hö­ren, aber es er­leich­tert nicht nur. Das Bild vom Kind wird da­durch auch ir­ri­tiert.“Das Kind hat ge­bis­sen, ist schüch­tern, oder ob schon auf­ge­fal­len sei, dass es manch­mal so ro­te Fle­cken im Ge­sicht be­kom­me? Leh­rer und Er­zie­her lie­fern nütz­li­che In­for­ma­tio­nen, aber eben auch vie­le In­for­ma­tio­nen über das Kind.

Und El­tern glau­ben oft­mals, sie bräuch­ten nur aus­rei­chend In­for­ma­tio­nen, um ih­ren Spröss­ling per­fekt zu er­zie­hen. „El­tern hö­ren im­mer we­ni­ger auf ihr Bauch­ge­fühl“, so Tan­ja Pütz. „Al­le mög­li­chen Fak­to­ren wie sich wi­der­spre­chen­de Er­zie­hungs­ratge­ber grät­schen ih­nen rein. Sie su­chen nach Re­zep­ten, wie sie je­des noch so klei­ne Pro­blem lö­sen. So geht die Leich­tig­keit ver­lo­ren.“

Und nun? Es hel­fe schon, wenn El­tern „ih­re Rol­le re­flek­tie­ren“, so Tan­ja Pütz. Und sie soll­ten ja nicht weg von ei­ner Kul­tur der Ver­hand­lung, aber „nur in dem Ma­ße, in dem die­se ver­ant­wor­tet wer­den kann“.

Au­ßer­dem sei Ent­schleu­ni­gung häu­fig der bes­se­re Weg – al­so viel­leicht nicht mehr drei Nach­mit­tags­kur­se pro Kind. Und dann ist da noch ei­ne Sa­che: Viel­leicht ist die Sicht der Groß­el­tern auf frü­her auch ein klei­nes biss­chen ver­klärt: „An­stren­gung ist ein sub­jek­ti­ves Emp­fin­den“, sagt Tan­ja Pütz. „Wenn man äl­ter wird, neigt man da­zu, die Ver­gan­gen­heit zu idea­li­sie­ren.“

Groß­el­tern be­haup­ten ger­ne, frü­her sei Er­zie­hung we­ni­ger an­stren­gend ge­we­sen. Der Er­zie­hungs­stil scheint sich aber ge­än­dert zu ha­ben, mei­nen Ex­per­ten. „Er­zie­hung ist kom­ple­xer ge­wor­den“, sagt Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­le­rin Tan­ja Pütz Fo­to: imago/al­lO­ver-MEV

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