Zeit ist re­la­tiv

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - In Der Familie -

Von Clau­dia La­bu­de-Ge­ri­cke

Der Weck­ruf war so lo­gisch wie vor­wurfs­voll: „Es ist doch nicht mehr dun­kel, war­um steht ihr denn nicht auf ?“, frag­te der lau­fen­de Me­ter vor dem El­tern­bett. Das Pro­blem an der Sa­che war der Zeit­punkt – 6 Uhr an ei­nem Sonn­tag­mor­gen! Seit der letz­ten Zeit­um­stel­lung kop­pelt die Räu­ber­toch­ter ihr Schlaf­ver­hal­ten an die Au­ßen­be­leuch­tung. So­bald es noch nicht oder nicht mehr dun­kel ist, will sie nicht ins be­zie­hungs­wei­se schnell aus dem Bett. Was mit Blick auf den na­hen­den Som­mer zum Pro­blem wer­den könn­te. Denn die un­ge­fähr sie­ben St­un­den Dun­kel­heit, die dann blei­ben, rei­chen der Lüt­ten kei­nes­falls aus, um ge­nug Ener­gie für den Tag zu ha­ben.

Über­haupt hat sich seit der Ge­burt der Klei­nen das The­ma Zeit völ­lig ver­än­dert. Die Schwan­ger­schaft ging schnell vor­bei, das Auf­wach­sen der Räu­ber­toch­ter läuft so, als wür­de je­mand mit dem Fin­ger die Vor­spul­tas­te drü­cken.

Wenn wir es aber früh ei­lig ha­ben und der Ki­ta-Mor­gen­kreis drängt, dann kön­nen die Mi­nu­ten, in de­nen sich die Klei­ne sel­ber an­zieht, zu ge­fühl­ten St­un­den wer­den. Vor al­lem, wenn ihr das selbst ge­wähl­te Out­fit nicht ge­fällt.

Sehn­süch­tig er­in­ne­re ich mich manch­mal an die El­tern­zeit, als ich mit Ba­by im Wa­gen ewig spa­zie­ren ging und da­bei Ki­lo­me­ter schrubb­te. Jetzt schaf­fen wir manch­mal in ei­ner St­un­de gera­de den Weg vom Park­platz nach Hau­se. Das liegt nicht nur dar­an, dass sich je­der Stock in Lüt­tis Hän­den in ei­ne Bohr­ma­schi­ne ver­wan­delt, die aus­pro­biert wer­den muss, son­dern auch dar­an, dass aus St­ei­nen Tür­me wer­den und Blu­men und blü­hen­de Bäu­me be­wun­dert wer­den wol­len. Plötz­lich er­tönt „Ta­tü­ta­ta“– klar, dass wir su­chen müs­sen, wo die Feu­er­wehr lang­fährt. Al­len, die un­se­ren Weg que­ren, wird un­ge­fragt na­tür­lich auch gern noch er­klärt, was wir gera­de tun . . .

Ich muss­te erst ler­nen, den Din­gen und der Zeit ih­ren Lauf zu las­sen und die Fei­er­abend-St­un­den mög­lichst we­nig zu ver­pla­nen. Aber wäh­rend an­de­re für Ent­schleu­ni­gungs-Se­mi­na­re viel Geld be­zah­len müs­sen, gibt es die­se Er­fah­rung für Klein­kind-El­tern we­nigs­tens gra­tis.

Ih­re Mei­nung zum Bei­trag: wo­che­n­en­de@noz.de. Clau­dia La­bu­de-Ge­ri­cke liebt ih­re Toch­ter und das Schrei­ben.

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