Jazz ist ei­ne The­ra­pie­form

... und Till Brön­ners wich­tigs­te Lei­den­schaft

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Gespräch - Von Ralf Dö­ring

Trom­pe­ter Till Brön­ner ist viel un­ter­wegs: zwei Wohn­sit­ze, Kon­zer­te auf der gan­zen Welt; da kom­men Flug­mei­len zu­sam­men. Trotz­dem spricht er gern und aus­führ­lich über sei­ne Lei­den­schaf­ten: Jazz, Fo­to­gra­fie­ren, Ko­chen. Und über Cas­tin­gshows.

Herr Brön­ner, ein Wohn­sitz in Berlin, ei­ner in Los An­ge­les – hat das Ihr Le­ben ru­hi­ger oder auf­wen­di­ger ge­macht? Das hat es na­tür­lich auf­wen­di­ger ge­macht. Es ist ei­ne Her­aus­for­de­rung, die­se bei­den Kul­tu­ren über­ein­an­der­zu­be­kom­men. New York ist ja im­mer noch ei­ne Art di­rek­ter Nach­bar Eu­ro­pas, auch wenn ein Oze­an da­zwi­schen­liegt. Los An­ge­les hin­ge­gen ist so weit weg; das hat nichts mehr mit­ein­an­der zu tun. Man fragt in L.A. nicht nach Deutsch­land.

Was hat Sie über­haupt be­wo­gen, dort­hin zu zie­hen? Seit 2006 pro­du­zie­re ich dort mei­ne Plat­ten. Ich ha­be al­so im­mer wie­der sehr viel Zeit dort ver­bracht. Ir­gend­wann ha­be ich ge­merkt, dass die Men­schen, die dort le­ben, sehr in­spi­rie­rend für mich sind. Man kann dort sehr ge­sund le­ben, wird fast da­zu ge­zwun­gen: die vie­len Frau­en und Män­ner, die Yo­ga ma­chen – das färbt schon ab; man kann sehr gut ent­span­nen. Trotz­dem muss man ar­bei­ten! Sonst merkst du so­fort: Ich ha­be gar kei­nen Grund, hier zu sein. L.A. ist kei­ne Ur­laubs­stadt.

Wie wür­den Sie Ih­re Wahl­hei­mat Berlin cha­rak­te­ri­sie­ren? Berlin ist ei­ne Stadt, die sich im­mer wie­der und im­mer mehr pei­ni­gen­de und schmerz­haf­te Fra­gen zum The­ma Welt­stadt stel­len las­sen muss. Ich ha­be un­heim­lich oft das Ge­fühl, Berlin möch­te gar nicht Welt­stadt sein, kann aber nicht ver­hin­dern, es zu sein. Die Men­schen er­war­ten das, die Ber­li­ner selbst ha­ben aber eher die Hal­tung, lasst uns mal in Ru­he mit die­sem Hy­pe. Die Stadt tut aber gut dar­an zu ak­zep­tie­ren, dass man ihr die­ses Po­ten­zi­al bei­misst. Im Üb­ri­gen kann die Wirt­schaft nur in Gang kom­men, wenn man sich zur Kul­tur in der Stadt be­kennt. Kul­tur ist Ber­lins höchs­tes Gut, des­halb soll­te man dort das meis­te Geld in­ves­tie­ren.

In jun­gen Jah­ren ha­ben Sie ge­kell­nert wie vie­le. Was ha­ben Sie da­nach an­ders ge­macht als Ih­re Kol­le­gen im Bun­des­ju­gend Jazz Orches­ter oder in der RIAS Big Band? Letzt­lich war es die Kom­bi­na­ti­on aus mei­nem un­be­ding­ten Wil­len und ein biss­chen Glück. Ich war schon früh­zei­tig in der glück­li­chen La­ge, von Leu­ten ge­för­dert zu wer­den, zum Bei­spiel von Horst Jan­kow­ski und all den Leu­ten, die mir schon mit zwan­zig die Chan­ce ga­ben, mich auf ei­ner gro­ßen Büh­ne zu zei­gen. In der Zeit wur­de der Ge­dan­ke ge­bo­ren, mei­ne ers­te CD zu ma­chen, und da bin ich sehr kom­pro­miss­los vor­ge­gan­gen. Vie­le Jazz-Ex­per­ten ha­ben die­se Kom­pro­miss­lo­sig­keit al­ler­dings als ei­ne Art Aus­ver­kauf in­ter­pre­tiert. Da­bei ha­be ich ein­fach nur ge­macht, wor­auf ich Lust hat­te. Das war schon falsch – aus de­ren Sicht. Für mich hat sich das aber amor­ti­siert: Ich wur­de in der Zeit zwei- oder drei­mal von Ro­ger Wil­lem­sen ein­ge­la­den, bei dem frei­tag­abends im ZDF die Ziel­grup­pe pur ein­schal­te­te. Da­mit wur­de ich den Leu­ten ein Be­griff. Das geht heu­te nicht mehr, selbst wenn man es woll­te. Heu­te müs­sen sich jun­ge Jazz­mu­si­ker fra­gen, wo sie über­haupt noch ei­ne Platt­form be­kom­men.

Von we­gen Platt­form: Wis­sen Sie, was Edi­ta Ab­dje­ski und Da­vid Pfef­fer heu­te ma­chen? (Brön­ner hat­te bei­den in der Cas­ting­show „X Fac­tor“zum Sieg ver­hol­fen, die Red.) Bei­de ma­chen noch Mu­sik; bei Da­vid Pfef­fer war es be­mer­kens­wert, dass er sei­nen Job bei der Po­li­zei auf­gab. Bei­de sind gro­ße Ta­len­te, die sich aber mit den Ge­setz­mä­ßig­kei­ten des Mark­tes aus­ein­an­der­zu­set­zen ha­ben. Das Fern­se­hen ist na­tür­lich hilf­reich ge­we­sen. Aber ei­ne Cas­ting­show be­schert kei­nen lang­fris­ti­gen Er­folg. Die Men­schen wol­len Fern­se­hen gu­cken und so bald wie mög­lich den nächs­ten Wett­be­werb se­hen.

Was wür­den Sie Ih­ren Stu­die­ren­den in Dres­den sa­gen, wenn die sa­gen, ich be­wer­be mich bei ei­ner Cas­ting Show wie X Fac­tor? Ich wür­de eher ab­ra­ten. Auch bei „The Voice“gibt es we­ni­ge Bei­spie­le von Ab­sol­ven­ten oder gar Fi­na­lis­ten, die am En­de die gan­ze Na­ti­on kom­plett be­geis­tern. Cas­tin­gshows sind nicht der rich­ti­ge Ort, um ech­ten Ta­len­ten und In­di­vi­du­en ei­ne gro­ße Platt­form zu bie­ten. Es sei denn, die Pres­se kann ein gro­ßes Schick­sal aus­schlach­ten. Andre­as Küm­mert war so ein Fall. Da wur­de ei­ne Neu­ro­se zum The­ma: War­um traut der sich nicht, war­um sagt der ab?

Vor hun­dert Jah­ren wur­de die ers­te Jazz­plat­te ein­ge­spielt – von der wei­ßen Ori­gi­nal Di­xi­land Jass Band. De­ren Trom­pe­ter Nick LaRoc­ca wird mit ziem­lich bö­sen Sät­zen über schwar­ze Mu­si­ker zi­tiert. Ist Jazz ei­ne po­li­ti­sche Kunst? Na­tür­lich ist sie das. Jazz ist aus po­li­ti­schen Grün­den und viel Leid ent­stan­den: In die­ser Mu­sik wur­den da­mals wie heu­te Miss­stän­de ver­han­delt. Es ist, wenn man so möch­te, ei­ne The­ra­pie­form ge­we­sen, und letzt­lich ist Jazz Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das hat er auch im­mer wie­der be­wie­sen, in je­der De­ka­de aufs Neue. In den 50ern war das we­ni­ger in­ter­es­sant als in den 60ern.

Mit Free­jazz und Fu­si­on?

Der Free­jazz der 60er war auf ei­ne Art die höchs­te Wei­he: Sich von den letz­ten Ge­set­zen zu lö­sen und ganz frei zu spie­len. Jazz­rock war dann ei­ne ers­te Fu­si­on. Man muss tren­nen zwi­schen Stil­rich­tun­gen, die sehr ei­gen sind, und den Fu­sio­nen – die ja auch so hei­ßen. Die po­li­tisch in­ter­es­san­tes­te Zeit für den Jazz, wa­ren die frü­hen 40erJah­re...

War­um?

Die un­or­tho­do­xe Art des Be­bop hat Jazz erst­mals zu ei­ner Kunst­form weg vom grö­ße­ren Pu­bli­kum er­ho­ben. Er trenn­te die brauch­ba­ren von den wirk­lich aus­ge­zeich­ne­ten Mu­si­kern. Spä­ter ka­men die 60er-Jah­re, in de­nen die wich­ti­gen Avant­gar­dePlat­ten auf­ge­nom­men wor­den sind. Da sind die Deut­schen ganz vor­ne mit da­bei; die Über­prä­senz ame­ri­ka­ni­scher Mu­si­ker nach dem Krieg in Deutsch­land mün­de­te in ei­ne Umori­en­tie­rung in Rich­tung freie Mu­sik, und da wa­ren Al­bert Man­gels­dorff und Heinz Sau­er ganz vor­ne mit da­bei. Al­so er­neut sehr po­li­tisch.

Wie drückt sich die­ses po­li­ti­sche Mo­ment denn aus? Mu­sik be­wusst nicht mehr zur rei­nen Un­ter­hal­tung zu spie­len, son­dern um ih­rer selbst wil­len. Auf der Büh­ne Frei­heit an­zu­mah­nen, die uns im Le­ben ab­han­den­zu­kom­men droht. Das ist ei­ne po­li­ti­sche Di­men­si­on. Na­tür­lich ist Frei­heit ein Be­griff, der bei­spiels­wei­se in to­ta­li­tä­ren Re­gi­men ei­ne ganz an­de­re Be­deu­tung hat. Des­we­gen sind Mu­si­ker wie Gün­ter „Ba­by“Som­mer und an­de­re ehe­ma­li­ge DDR-Mu­si­ker aus heu­ti­ger Sicht viel län­ger mit ei­nem Auf­trag durch die Welt ge­reist als wir im Wes­ten. Jazz ist ei­ne Mu­sik, die Frei­heit aus­strahlt, und das ha­ben Dik­ta­to­ren stets ge­merkt.

Ihr ak­tu­el­les Al­bum „The Good Li­fe“swingt sehr lo­cker und cool. Aber so­bald Sie an­fan­gen zu sin­gen, setzt es Schel­te von Jazz­kri­ti­kern und -ken­nern. Na­tür­lich. Wie ge­hen Sie da­mit um?

Mitt­ler­wei­le sehr ge­las­sen. Ich bin ja selbst mein stärks­ter Kri­ti­ker, und ich mer­ke sehr ge­nau, wel­che Kri­tik an­ge­bracht ist und wel­che nicht. Mei­nen Ge­sang fin­de ich nicht be­son­ders si­gni­fi­kant oder be­son­ders gut. Des­halb ist das Ver­hält­nis zwi­schen Ge­sang und in­stru­men­ta­ler Per­for­mance un­ge­fähr 20 zu 80 im Kon­zert. Ich bin da Rea­list. Auf der Trom­pe­te ha­be ich ei­nen ho­hen An­spruch an mich, wäh­rend ich als Sän­ger eher so ei­nen sym­pa­thi­schen Paul-Kuhn-An­satz ver­fol­ge. Aber bei­des zu­sam­men: Das geht gut.

Ne­ben dem Jazz ist Ih­nen die Fo­to­gra­fie ganz wich­tig ge­wor­den. Wie ha­ben Sie das für sich ent­deckt? Ich kann bis heu­te noch nicht so ganz fas­sen, wie das in mein Le­ben ge­kom­men ist. Ich bin ja nun oft ge­nug fo­to­gra­fiert wor­den und hät­te bei der Ge­le­gen­heit lo­cker sa­gen kön­nen, ich möch­te da mal sel­ber rein­rie­chen. Aber das hat mich nie in­ter­es­siert, auch bei den tolls­ten Fo­to­gra­fen: „Vie­len Dank, war toll, schön, dass du nicht so viel Zeit ge­braucht hast“, und dann bin ich ge­gan­gen. Ir­gend­wann hat mir ein deut­scher Ka­me­ra­her­stel­ler ei­ne Ka­me­ra leih­wei­se in die Hand ge­drückt und hat ge­sagt, hier, pro­bier die mal aus. Die war klein, und da ich durch die vie­len Rei­sen mei­nem Haupthob­by, dem Ko­chen, nicht mehr nach­ge­hen konn­te, ha­be ich die Fo­to­gra­fie ent­deckt. Das kann man so schön auf Tour­nee be­ar­bei­ten und die Zeit ef­fek­tiv nut­zen. Ich schla­fe mitt­ler­wei­le manch­mal zu we­nig, weil ich ver­su­che, bei­des un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men. Aber ich mer­ke: In der Fo­to­gra­fie ist es mir mög­lich, Din­ge zu schaf­fen, die ich in der schnell­le­bi­gen Sze­ne nicht mehr schaf­fe. Es ist ein An­hal­ten der Zeit. Das wün­sche ich mir manch­mal für mich und mei­ne Mu­si­ker, weil wir stän­dig an al­lem, was Sub­stanz hat, vor­bei­hu­schen.

Und wann kom­men Sie noch zum Ko­chen? Mitt­ler­wei­le wie­der ein biss­chen häu­fi­ger, weil ich mir die Zeit neh­me. Das ist ja et­was, was man nicht ver­lernt. Ich glau­be, man kann ko­chen, wenn man als Kind selbst be­kocht wur­de. Mei­ne Mut­ter hat, als wir die ers­ten fünf Jah­re in Ita­li­en ge­lebt ha­ben, den Leu­ten um sich her­um viel ab­ge­guckt, und ich ha­be pro­fi­tiert.

Bleibt da noch Pri­vat­le­ben?

Schon; auch da­zu neh­me ich mir mitt­ler­wei­le im­mer wie­der mal ei­ne Aus­zeit und ver­su­che, durch Nichts­tun In­spi­ra­ti­on zu er­fah­ren. Denn nur da kommt es her.

Sie hal­ten Ihr Pri­vat­le­ben aus der Öf­fent­lich­keit her­aus. Ist es schwer, das durch­zu­hal­ten? Ich war schon im­mer der Mei­nung, dass das nicht schwer ist. Klar gibt es Men­schen, die ach so sehr lei­den, weil man ih­nen nach­spio­niert. Es sind in der Re­gel Men­schen, die ei­ne Zeit lang zu frei­gie­big wa­ren mit ih­ren pri­va­ten In­for­ma­tio­nen. Wenn ich mein funk­tio­nie­ren­des Pri­vat­le­ben auf dem ro­ten Tep­pich breit­ge­tre­ten ha­be, kann ich im Fal­le des Schei­terns nicht plötz­lich sa­gen, sor­ry, privat. So ist das Ge­setz in Deutsch­land. Der wich­tigs­te Punkt ist aber, dass ich es künst­le­risch un­er­gie­big fin­de, wenn man of­fi­zi­ell über den Künst­ler auf­ge­klärt wird. Da geht oft ein Mys­te­ri­um ka­putt. Du hörst den Sän­ger, so wie du ihn hörst, und be­ginnst dir ein Bild von ihm zu zeich­nen. Und dann kommt er plötz­lich und gibt un­auf­ge­for­dert Fotos ei­ner Ho­me­sto­ry her­aus, auf der er sagt, mein blau­es oder ro­tes So­fa ist das Schöns­te, was ich mir an­ge­schafft ha­be, und beim nächs­ten Kon­zert musst du nur noch an das So­fa den­ken. Das wä­re schlimm, und das ver­su­che ich zu ver­mei­den.

Till Brön­ner li­ve:

15. 6., 20 Uhr Os­na­brück­hal­le. Kar­ten­te­le­fon: 05 41/34 90 24

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„An der Trom­pe­te ha­be ich ei­nen ho­hen An­spruch an mich“: Jazz­star Till Brön­ner. Fo­to: Andre­as H. Bi­tes­nich

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