Der Bo­xer Schulz tau­melt

Kat­zen­jam­mer bei der Bun­des-SPD – „Der Hy­pe hät­te mit In­hal­ten un­ter­füt­tert wer­den müs­sen“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Bea­te Ten­fel­de

Der Bo­xer tau­melt, aber er gibt nicht auf. Die CDU hat mit dem Sieg in Nord­rhein-West­fa­len SPDKanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz ei­nen „Le­ber­ha­ken“ver­passt, von dem er sich mög­li­cher­wei­se nicht mehr er­ho­len wird. Er muss aber im Ring blei­ben, ei­nen Plan B hat die SPD nicht. Kann sich die Par­tei er­ho­len? Kann Schulz noch Kanz­ler wer­den?

SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley weicht die­ser Fra­ge ges­tern Abend aus. Es sei­en lan­des­po­li­ti­sche Grün­de, die zu der SPD-Nie­der­la­ge in Nord­rhein-West­fa­len ge­führt hät­ten, sagt sie. Han­ne­lo­re Kraft ha­be auf ei­nem NRW-spe­zi­fi­schen Wahl­kampf zwi­schen Rhein und Ruhr be­stan­den – und nun mit ih­rem Rück­tritt die Kon­se­quen­zen ge­zo­gen. Mit Schulz ha­be das Er­geb­nis nichts zu tun – so ist die Sprach­re­ge­lung der Ber­li­ner Wahl­kampf­stra­te­gen.

„Selbst­ver­ständ­lich“wer­de Schulz Kan­di­dat blei­ben, be­kräf­tigt die ge­schock­te Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin. Die SPD ste­he heu­te bei 29 Pro­zent nach 21 Pro­zent zu Jah­res­an­fang. 17 000 neue Mit­glie­der ha­be Schulz in die Par­tei ge­zo­gen. Das zäh­le nach wie vor.

Schulz selbst re­det nicht drum her­um. „Das ist ein schwe­rer Tag für die SPD und für mich selbst. Ich stam­me aus dem Land, in dem wir ei­ne kra­chen­de Wahl­nie­der­la­ge er­lit­ten ha­ben“, sagt er. Mehr­fach muss er sich räus­pern, als er un­mit­tel­ba­rer nach Be­kannt­wer­den der ers­ten Hoch­rech­nung im Wil­lyBrandt-Haus auf das Po­di­um steigt. „Ich bin heu­te Abend rich­tig ge­trof­fen“, gibt der Kan­di­dat zu, des­sen „Ich will Kanz­ler wer­den“plötz­lich schal klingt .

Im Foy­er der SPD-Par­tei­zen­tra­le, wo Schulz En­de Ja­nu­ar die Ge­nos­sen in ei­nen Rausch ver­setzt hat, herrscht ges­tern Abend nur noch ei­nes: Kat­zen­jam­mer. Nord­rhein-West­fa­len war der gro­ße Test­lauf vor der Bun­des­tags­wahl: 13,1 Mil­lio­nen Men­schen konn­ten in Nord­rhein-West­fa­len über ei­nen neu­en Land­tag ab­stim­men. Das sind mehr als ein Fünf­tel al­ler Wahl­be­rech­tig­ten in Deutsch­land. Die NRW-Wahl wird des­halb auch „klei­ne Bun­des­tags­wahl“ge­nannt. Und nun die­ser Ab­sturz!

Schulz tritt die Flucht nach vorn an und nimmt ei­nen als Vor­bild, der die ganz gro­ße Kar­rie­re ge­macht hat. „Mein Freund Em­ma­nu­el Ma­cron war vor fünf Mo­na­ten noch ganz un­ten, jetzt ist er ganz oben“, sagt der Mann aus Wür­se­len, der es vom Bür­ger­meis­ter die­ser klei­nen Stadt bis zum Prä­si­den­ten des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments ge­schafft hat.

Der frü­he­re Buch­händ­ler muss drin­gend ein paar neue Wer­ke in sei­nem Schau­fens­ter aus­stel­len, die das Zeug zum Best­sel­ler ha­ben. Wo steht Schulz bei der In­ne­ren Si­cher­heit, in der Wirt­schafts­po­li­tik? War­um kom­men fast al­le Ide­en für ein neu­es Eu­ro­pa an der Sei­te des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten von Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el, und nicht vom lang­jäh­ri­gen Mis­ter Eu­ro­pa Schulz? „Ich bin auch kein Zau­be­rer“, lässt Schulz ziem­lich matt wis­sen.

Der drit­te Sieg der Uni­on – an der Saar, an der För­de und jetzt am Rhein – trifft die Ge­nos­sen wie ein Keu­len­schlag. Ein kol­lek­ti­ves Äch­zen hallt durch das Brandt-Haus. Wie wei­ter? Die von „Gott­kanz­ler“Schulz be­rausch­ten Ge­nos­sen sind ver­stört. Bei der Ber­li­ner Wahl­par­ty quit­tie­ren die Ge­nos­sen mit Bei­fall, dass NRW-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft nach dem Wahl­de­ba­kel ih­rer Par­tei vom SPD-Lan­des­vor­sitz so­wie als stell­ver­tre­ten­de Bun­des­vor­sit­zen­de zu­rück­tritt. Und da­mit die Ver­ant­wor­tung über­nimmt. Das ist ein letz­ter Di­enst für Schulz.

„Jetzt erst recht“, sagt Mat­thi­as Miersch, der Spre­cher der Par­la­men­ta­ri­schen Lin­ken der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on. Er zieht die Wahl­kampf­stra­te­gie in Zwei­fel. Es sei ein „Feh­ler“ge­we­sen, dass die SPD im nord­rhein-west­fä­li­schen Wahl­kampf nicht auch über Bun­des­po­li­tik ge­spro­chen ha­be, sagt Miersch.

Die Stra­te­gen in der Ber­li­ner Wahl­kampf­zen­tra­le räu­men selbst Pat­zer ein. Es sei fa­tal ge­we­sen, Schulz im April ab­tau­chen zu las­sen, wäh­rend Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel mit Ivan­ka Trump oder Wla­di­mir Pu­tin gro­ße Bil­der pro­du­zier­te. „Der Hy­pe hät­te mit In­hal­ten stär­ker un­ter­füt­tert wer­den müs­sen.“Schulz selbst sagt auf der Büh­ne, nun müs­se be­ra­ten wer­den, „was wir hier in Ber­lin än­dern müs­sen“. Die SPD müs­se zu­le­gen. Das gilt vor al­lem für ihn.

Mit dem De­ba­kel von Düs­sel­dorf ist der Schulz-Hy­pe nun end­gül­tig vor­bei. Die CDU lässt des­halb die Kor­ken knal­len. „Das ist ein Er­folg der ge­sam­ten Uni­on“, sag­te CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber auf die Fra­ge, wie stark der An­teil von Kanz­le­rin und CDU-Che­fin An­ge­la Mer­kel am CDU-Sieg in NRW sei. „Wenn die Uni­on ge­schlos­sen kämpft, kann sie viel er­rei­chen.“

Vor al­lem in der CSU, aber auch in Tei­len der CDU hat­te es bis zu den Er­fol­gen bei den jüngs­ten drei Land­tags­wah­len schar­fe Kri­tik am Kurs von Mer­kel vor al­lem in der Flücht­lings­po­li­tik ge­ge­ben. Al­les ver­ges­sen? Jetzt ist Mer­kel-Schub statt Mer­kelMü­dig­keit. Die Zah­len schei­nen dies zu be­le­gen.

Fo­to:imago/ ZUMA Press

Trost für den SPD-Kanz­ler­kan­di­da­ten: Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig (SPD) und Mar­tin Schulz im Wil­lyBrandt-Haus.

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