Ein Land auf den Kopf ge­stellt

SPD geht in ih­rer tra­di­tio­nel­len Hoch­burg NRW un­ter – CDU reicht mä­ßi­ges Wah­l­er­geb­nis

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Florian Pfitz­ner und Lothar Schma­len

Ein po­li­ti­sches Erd­be­ben in Nord­rhein-West­fa­len. Die SPD ver­liert ihr Stamm­land. CDU-Spit­zen­kan­di­dat Ar­min La­schet tri­um­phiert. Sein Wahl­kampf­kon­zept ist auf­ge­gan­gen.

DÜS­SEL­DORF. Stür­mi­scher Re­gen peitscht durch die Düs­sel­dor­fer Alt­stadt, als um Punkt 18 Uhr die Pro­gno­se das Schick­sal von Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft be­sie­gelt. Selbst das Wet­ter macht deut­lich, was ge­ra­de im Lan­de pas­siert ist. Die Wäh­ler ha­ben die rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung in Düs­sel­dorf förm­lich hin­weg­ge­fegt. Und im Hen­kel-Saal des Quar­tier Bo­hè­me, wo die SPD ei­gent­lich ih­ren Wahl­sieg fei­ern will, herrscht To­ten­stil­le, als die Bal­ken der Er­geb­nis­gra­fi­ken auf den Groß­lein­wän­den deut­lich ma­chen, dass die CDU deut­lich vor der SPD liegt.

Orts­wech­sel: Als Ar­min La­schet das Po­dest in der Ge­schäfts­stel­le der nord­rhein­west­fä­li­schen CDU hin­auf­steigt, lässt er sich nur schwer zu ei­ner Sie­ger­po­se be­we­gen. „Ar­min! Ar­min!“, schallt es ihm von den Par­tei­mit­glie­dern ent­ge­gen, die dicht ge­drängt vor ihm ste­hen. Sei­ne Frau stimmt in den Chor ein, klatscht in die Hän­de, sein Va­ter winkt ihm zu, La­schet lä­chelt. Er hat es ge­schafft – und lässt sich dann doch vom Hoch­ge­fühl tra­gen, reißt bei­de Ar­me über den Kopf und schmet­tert in die Ju­bel­ru­fe hin­ein: „Wir ha­ben die­se Land­tags­wahl ge­won­nen.“

La­schet ge­nießt sei­nen Auf­tritt vor der Par­tei. Wie in ei­ner sei­ner Wahl­kampf­re­den rech­net er noch ein­mal mit den „schlech­ten rot-grü­nen Re­gie­rungs­jah­ren“ab. So­gar sei­ne ärgs­ten Kri­ti­ker in der Par­tei rei­hen sich ganz vor­ne in die gro­ße Ju­bel­schar ein.

Als Sie­ger hat man vie­le Freun­de, das zeigt der Abend ein­drucks­voll. Ei­ni­ge ein­fluss­rei­che Christ­de­mo­kra­ten in NRW hiel­ten den 56-jäh­ri­gen Aa­che­ner lan­ge nur be­dingt für taug­lich und emp­fah­len ih­rer Par­tei, sich lie­ber schon auf die Land­tags­wahl 2022 vor­zu­be­rei­ten.

In der Alt­stadt dau­ert der­weil der Auf­tritt von Han­ne­lo­re Kraft vor den Ge­nos­sen

gan­ze drei Mi­nu­ten. Um­ge­ben von ih­rer En­tou­ra­ge eilt sie in den Saal, um nach ih­rem State­ment am Mi­kro­fon eben­so schnell wie­der zu ver­schwin­den – be­glei­tet von nicht mehr als höf­li­chem Bei­fall der Par­tei­freun­de. Als sie kurz und knapp ih­ren Rück­tritt von al­len Par­tei­äm­tern ver­kün­det hat, da erst wird vie­len An­we­sen­den das Aus­maß der Nie­der­la­ge be­wusst.

Re­gel­rech­te Schock­star­re brei­tet sich im Saal aus. Wort­los um­ar­men sich füh­ren­de Ge­nos­sen, of­fen­bar noch nicht fä­hig, die Ent­täu­schung in Wor­te zu fas­sen.

Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks, die sich un­ter die Jour­na­lis­ten ge­mischt hat, bringt es ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter im­mer­hin auf den Punkt: „Die SPD in NRW wird sich neu sor­tie­ren müs­sen.“

Auch sie ist über­rascht von der schnel­len Rück­tritts­an­kün­di­gung der bis­he­ri­gen SPD-Lan­des­che­fin, fin­det das Ver­hal­ten der bis­he­ri­gen Mi­nis­ter­prä­si­den­tin aber den­noch kon­se­quent.

Und dass die füh­ren­den So­zi­al­de­mo­kra­ten für den jetzt ein­ge­tre­te­nen Fall be­reits ei­nen Plan in der Ta­sche hät­ten, kann man nun wirk­lich nicht be­haup­ten. Trotz­dem wird die SPD ei­nen neu­en Vor­sit­zen­den wäh­len und dann mög­li­cher­wei­se die Ent­schei­dung tref­fen müs­sen, ob sie sich als Ju­ni­or­part­ner an ei­ner von CDU-Mann Ar­min La­schet ge­führ­ten Gro­ßen Ko­ali­ti­on be­tei­li­gen soll.

Und dann wird es auch um die Ur­sa­chen der Nie­der­la­ge ge­hen. In den ver­gan­ge­nen Ta­gen schon war an der Par­tei­ba­sis im­mer wie­der die Wahl­kampf­stra­te­gie kri­ti­siert wor­den – ei­ne Kri­tik, die am Abend auch an vie­len Steh­ti­schen im Hen­kel-Saal zu hö­ren ist: Der SPD-Wahl­kampf sei zu sehr als Wohl­fühl-Wahl­kampf und zu we­nig mit In­hal­ten ge­führt wor­den.

In der Tat ist es der CDU ge­lun­gen, bei den Wäh­lern mit Si­cher­heits­fra­gen, Bil­dungs­und Ver­kehrsthe­men durch­zu­drin­gen. Die Vor­stel­lung von Wolf­gang Bos­bach wer­ten sie als Coup. La­schet hat­te die Idee, den po­pu­lä­ren CDU-In­nen­ex­per­ten in sei­ne Wahl­kampf­mann­schaft auf­zu­neh­men und sich da­mit ein schär­fe­res Pro­fil ver­pas­sen zu las­sen. Nun ge­hört Bos­bach zu den ge­frag­tes­ten Ge­sprächs­part­nern in der Par­tei­zen­tra­le. Bos­bach läs­tert nur kurz über den po­li­ti­schen Geg­ner von der SPD. Der „Schulz-Zug“kom­me „lang­sam aber si­cher zum Hal­ten“, sagt er und lacht. Kraft ha­be re­spek­ta­bel ge­han­delt. Es ge­be kei­nen Grund, nun noch ir­gend­wie nach­zu­tre­ten. „Der po­li­ti­sche Wett­kampf ist vor­bei.“

Fo­to: dpa

Vom po­li­ti­schen Erd­be­ben aus dem Amt ge­fegt: Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft räumt ih­re Nie­der­la­ge ein.

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