Der My­thos der Ti­ta­nic lebt

For­scher ent­de­cken die Fund­stel­le des 1912 ge­sun­ke­nen Pas­sa­gier­schiffs

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Am 1. Sep­tem­ber 1985 ent­de­cken For­scher das Wrack der Ti­ta­nic. Das zu sei­ner Zeit größ­te Pas­sa­gier­schiff der Welt war auf der Jung­fern­fahrt am 14. April 1912 mit ei­nem Eis­berg kol­li­diert und ge­sun­ken. Bis heu­te lebt der My­thos der Ti­ta­nic, be­wegt die Men­schen und wird gut ver­mark­tet.

Von Berthold Ha­mel­mann

Für die Pas­sa­gie­re der ers­ten Klas­se gab es am Un­glücks­tag mit­tags Spe­zia­li­tä­ten aus al­ler Welt. Im An­ge­bot Eier auf Spar­gel, Hühn­chen à la Ma­ry­land, Glatt­butt-Fi­lets oder Pö­kel­fleisch. Wer woll­te, konn­te die Köst­lich­kei­ten mit eis­ge­kühl­tem Mün­che­ner La­ger Bier her­un­ter­spü­len. Bei ei­ner Ver­stei­ge­rung im Herbst 2015 brach­te es die ge­ret­te­te Spei­se­kar­te vom letz­ten Mit­tag­es­sen auf der Ti­ta­nic auf stol­ze 78 000 Eu­ro …

Rück­blick: Fast 900 Be­sat­zungs­mit­glie­der hat­te die bri­ti­sche Ree­de­rei Whi­te Star Li­ne an­ge­heu­ert, um den Pas­sa­gie­ren auf der fast 270 Me­ter lan­gen und gut 28 Me­ter brei­ten Ti­ta­nic das Rei­sen so an­ge­nehm wie mög­lich zu ma­chen. Die Be­geis­te­rung kann­te schon beim Sta­pel­lauf des Schiffs am 31. Mai 1911 kei­ne Gren­zen. Mehr als 100 000 Schau­lus­ti­ge be­völ­ker­ten die Ha­fen­an­la­gen in Bel­fast. Nicht ein­mal ein Jahr spä­ter sank der Oze­an­rie­se auf sei­ner Jung­fern­fahrt et­wa

300 See­mei­len süd­öst­lich von Neu­fund­land. Zwei­ein­halb St­un­den nach der Kol­li­si­on mit ei­nem Eis­berg ging das als un­sink­bar gel­ten­de Schiff am 14. April 1912 im Nord­at­lan­tik un­ter. 1514 der über 2200 Pas­sa­gie­re und Cr­ew­mit­glie­der star­ben, haupt­säch­lich we­gen ei­ner zu ge­rin­gen An­zahl an Ret­tungs­boo­ten.

Das Ent­set­zen über die­se Ka­ta­stro­phe rüt­tel­te die

Bran­che und die Po­li­tik auf. In der Fol­ge wur­den neue Si­cher­heits­stan­dards ge­schaf­fen. Das Wrack des Lu­xus­li­ners aber blieb zu­nächst un­auf­find­bar. Und die To­ten ei­ner der größ­ten Schiff­fahrts­ka­ta­stro­phen hat­ten ih­re Ru­he.

Die Ent­de­ckung der Ti­ta­nic durch den ame­ri­ka­ni­schen Ozea­no­gra­fen Ro­bert Ball­ard und sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen Je­an-Lou­is

Mi­chel am 1. Sep­tem­ber 1985 än­der­te al­les. Das Trüm­mer­feld in 3800 Me­ter Tie­fe be­flü­gel­te die Fan­ta­sie. Bug und Heck der Ti­ta­nic la­gen et­wa 600 Me­ter von­ein­an­der ent­fernt, da­zwi­schen Über­res­te feu­da­len Glan­zes und pri­va­te Hab­se­lig­kei­ten wie Res­te von Klei­dungs­stü­cken oder Kof­fern. „Es war ein un­glaub­li­ches Er­eig­nis“, be­schreibt Ball­ard 1986 sei­nen ers­ten Tauch­gang zum Wrack. Die sicht­ba­ren Über­res­te wur­den fo­to­gra­fisch sorg­fäl­tig do­ku­men­tiert. „Wir ha­ben ein kom­plet­tes Mo­sa­ik des Schif­fes er­stellt“, fass­te der Wis­sen­schaft­ler das Er­geb­nis zu­sam­men.

Doch dann be­gann ein re­gel­rech­ter Wrack­tou­ris­mus. 32 Ex­pe­di­tio­nen un­ter Füh­rung der RMS Ti­ta­nic Inc. (RMST), ei­ner pri­va­ten Ber­gungs­grup­pe, brach­ten über 5000 Fund­stü­cke an die Ober­flä­che, ob ver­kork­te Cham­pa­gner­fla­schen, Ra­sier­pin­sel oder Wrack­tei­le. Er­bit­ter­te Rechts­strei­te­rei­en um das ma­ri­ti­me Ber­gungs­recht en­de­ten erst 2006 zu­guns­ten von RMST. 2012 stell­te die Unesco das Wrack un­ter ih­ren Schutz. Es ge­hört da­mit zum Welt­kul­tur­er­be un­ter Was­ser. Wie lan­ge sich die Über­res­te der Ti­ta­nic noch hal­ten, ist un­klar. Denn ei­sen­fres­sen­de Bak­te­ri­en zer­stö­ren die Über­res­te. 2030 sol­len sie ihr Werk voll­endet ha­ben.

Dar­an dach­te Re­gis­seur Ja­mes Ca­me­ron wohl we­ni­ger, als er nach akri­bi­schen Vor­be­rei­tun­gen 1997 das Spiel­film­dra­ma Ti­ta­nic ab­schloss. Um den his­to­ri­schen Kon­text der Ka­ta­stro­phe rankt sich ei­ne fik­ti­ve Lie­bes­ge­schich­te. De­ren Haupt­dar­stel­ler, der ame­ri­ka­ni­sche Schau­spie­ler Leo­nar­do DiCa­prio und die Bri­tin Ka­te Wins­let, er­lang­ten Welt­ruhm. Mit ein­ge­spiel­ten 1,8 Mil­li­ar­den US-Dol­lar war Ti­ta­nic ei­ner der fi­nan­zi­ell er­folg­reichs­ten Fil­me, der zu­dem elf Os­cars er­hielt.

Der My­thos lebt wei­ter.

Fo­to: imago/Fu­ture Image

Der Bug der Ti­ta­nic liegt in 3800 Me­ter Tie­fe vor Neu­fund­land.

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