Thie­len: Bil­dungs­ar­mut be­trifft vie­le

Bun­des­wei­ter Stif­tungs­tag in Osnabrück – „Men­schen in neue Ar­beits­welt mit­neh­men“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Nordwest -

Sinn stif­ten für an­de­re, vom ei­ge­nen Glück et­was zu­rück­ge­ben – das ist es, was Stif­ter an­treibt, so Gun­ter Thie­len, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Wal­ter-Blü­chert-Stif­tung. Im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on sieht er gro­ße Auf­ga­ben für Stif­ter – un­ter an­de­rem im Be­reich der Bil­dung, die auch Leit­the­ma des Stif­tungs­ta­ges in Osnabrück ist.

Von Uwe West­dörp

Herr Thie­len, bun­des­weit gibt es mehr als 20 000 Stif­tun­gen bür­ger­li­chen Rechts, al­lein in Nie­der­sach­sen sind es ak­tu­ell 2265. Und es wer­den im­mer mehr. Wie er­klä­ren Sie sich die­ses Wachs­tum? Was treibt die Stif­ter und ih­re Un­ter­stüt­zer an?

Die In­ter­es­sen der Men­schen, aber auch die An­for­de­run­gen an sie wer­den – si­cher nicht zu­letzt durch das In­ter­net und die Me­di­en – im­mer viel­fäl­ti­ger und in­di­vi­du­el­ler. Sie er­fah­ren von neu­en, bis­lang nicht be­han­del­ba­ren Krank­hei­ten oder sind aus ei­ge­ner Be­trof­fen­heit mit spe­zi­el­len Bil­dungs­an­for­de­run­gen kon­fron­tiert, et­wa durch ei­ne Be­hin­de­rung. Oder sie ha­ben Kon­takt zu neu­en Ziel­grup­pen wie Flücht­lin­gen oder Mi­gran­ten. All die­se The­men spie­geln sich frü­her oder spä­ter in der Stif­tungs­land­schaft wi­der. Was die meis­ten Stif­ter dann an­treibt, ist der Wunsch, bei Pro­blem­lö­sun­gen zu helfen, Blei­ben­des zu schaf­fen und der Welt et­was vom ei­ge­nen Glück „zu­rück­zu­ge­ben“. Sinn stif­ten für an­de­re. Das ist der Kern­ge­dan­ke der Stif­tung.

Sie be­zeich­nen die Stif­tun­gen als „Schmier­stoff für ei­ne funk­tio­nie­ren­de Ge­sell­schaft“. Ist die wach­sen­de Zahl der Stif­tun­gen auch ein Hin­weis auf wach­sen­de staat­li­che De­fi­zi­te – et­wa im Be­reich der Flücht­lings­in­te­gra­ti­on? Als „De­fi­zi­te“wür­de ich es nicht un­be­dingt be­zeich­nen.

Wir stel­len in un­se­rer Ar­beit aber häu­fig fest, dass We­ge, die der Staat et­wa in der Bil­dung vor­gibt, plötz­lich ab­bre­chen und dass Über­gän­ge feh­len, zum Bei­spiel von der Schu­le in den Be­ruf. Oder dass Men­schen, die die­se We­ge be­schrei­ten wol­len, plötz­lich Hin­der­nis­se vor­fin­den, die sie aus ei­ge­ner Kraft nicht über­win­den kön­nen – sei es, weil sie erst seit Kur­zem bei uns und auf sich ge­stellt sind, oh­ne un­se­re Re­geln zu ken­nen, oder sei es, weil sie kein El­tern­haus ha­ben, das sie ent­spre­chend för­dert. Die­se Men­schen brau­chen Un­ter­stüt­zung.

Der Stif­tungs­tag in Osnabrück hat das Leit­the­ma Bil­dung. Was ist der Hin­ter­grund?

Bil­dung ist un­ser Schick­sal, un­ser „Roh­stoff“, denn ein Land, das wie Deutsch­land arm an Roh­stof­fen ist, braucht gut aus­ge­bil­de­te Men­schen, um Wohl­stand und da­mit die Grund­la­ge für so­zia­len Frie­den und ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt zu er­wirt­schaf­ten. Doch die­ser „Roh­stoff“könn­te bald Man­gel­wa­re wer­den. Das be­droht un­se­re wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit und da­mit das Fun­da­ment des deut­schen So­zi­al­staats, ver­schlech­tert un­se­re Zu­kunfts­aus­sich­ten und ver­schärft die so­zia­le Spal­tung.

An wen ge­nau den­ken Sie? Bil­dungs­ar­mut und man­geln­de be­ruf­li­che Per­spek­ti­ven sind kein Pro­blem, das nur Mi­gran­ten trifft. Ganz im Ge­gen­teil. Rund 270000 Schul­ab­gän­ger sind der­zeit in Deutsch­land im so­ge­nann­ten Über­gangs­sys­tem „ge­parkt“.

Das sind vor al­lem vie­le Haupt­schü­ler oh­ne Ab­schluss, die kei­nen Aus­bil­dungs­platz ha­ben, aber noch der Schul­pflicht un­ter­lie­gen. Die­se Ju­gend­li­chen sind akut von Per­spek­tiv­lo­sig­keit be­droht. Dass sie über­haupt im Über­gangs­sys­tem ge­lan­det sind, hat meist nichts mit man­geln­der Be­ga­bung, aber viel mit feh­len­dem el­ter­li­chen Vor­bild und In­ter­es­se zu tun.

Wie kön­nen die Stif­tun­gen helfen?

Mit ih­ren Pro­jek­ten set­zen sie da an, wo Struk­tu­ren zwar vor­han­den, aber nicht durch­gän­gig sind. Sie ver­net­zen be­ste­hen­de Initia­ti­ven, brin­gen Pro­jekt­part­ner zu­sam­men und schaf­fen da­durch neue Hand­lungs­spiel­räu­me. Stif­tun­gen sind oft nicht die Lö­sung, aber sie ma­chen Lö­sun­gen mög­lich.

Wel­che gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen se­hen Sie für die Stif­tun­gen? Ge­hö­ren ne­ben der Mi­gra­ti­on und der De­mo­gra­fie auch die Di­gi­ta­li­sie­rung

und die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on da­zu?

Auf je­den Fall, denn die ge­nann­ten Phä­no­me­ne wer­fen ja neue Fra­gen ge­ra­de in der Bil­dung auf: Wie ge­lingt es uns, mög­lichst vie­le auf dem Weg in die neu ent­ste­hen­de Ar­beits­welt mit ten­den­zi­ell stei­gen­den Qua­li­fi­ka­ti­ons­an­sprü­chen mit­zu­neh­men? Wel­che Mög­lich­kei­ten schaf­fen wir für Ge­ring­qua­li­fi­zier­te, Äl­te­re oder Mi­gran­ten, sich im­mer wie­der neu in die­ses Sys­tem zu in­te­grie­ren? Oder wie ge­hen wir mit der Tat­sa­che um, dass Wis­sen im­mer schnel­ler ver­al­tet? Ich se­he da vie­le kom­ple­xe Auf­ga­ben auf uns zu­kom­men – und die Po­li­tik ist gut be­ra­ten, sich die Ex­per­ti­se von Stif­tun­gen zu­nut­ze zu ma­chen. Ich bin mir si­cher: Wenn Stif­tun­gen mit ih­rer Ar­beit neue Chan­cen und Platt­for­men schaf­fen und da­mit den Bil­dungs­auf­stieg von Be­nach­tei­lig­ten för­dern, müs­sen wir uns über ih­re ge­sell­schaft­li­che Be­deu­tung auch in Zu­kunft kei­ne Sor­gen ma­chen.

Fo­to: dpa

Haupt­the­ma des Stif­tungs­tags in Osnabrück, der vom 17. bis 19. Mai statt­fin­det, ist Bil­dung. Ziel­grup­pe sind da­bei auch Flücht­lin­ge, wie hier in ei­ner Aus­bil­dungs­werk­statt der Deut­schen Bahn in Er­furt.

Gun­ter Thie­len, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Wal­ter-Bü­chert-Sti­fung. Fo­to: Jan Voth

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.