Tri­umph der Fik­ti­on über die Rea­li­tät

An­net­te Pul­len in­sze­niert Re­bek­ka Kri­chel­dorfs „Don Qui­jo­te“-Ver­si­on im Thea­ter Osnabrück

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional -

In die Her­zen der Zu­schau­er ha­ben sich Ro­nald Fun­ke als Don Qui­jo­te und Oli­ver Mes­ken­dahl als San­cho Pan­za im Os­na­brü­cker Thea­ter ge­spielt. Es wur­de „Don Qui­jo­te“, ei­ne Be­ar­bei­tung des Cer­van­tes-Stof­fes durch Re­bek­ka Kri­chel­dorf, ur­auf­ge­führt.

Von Christine Adam

Ein klei­ner, aber gut sicht­ba­rer Bauch­an­satz quillt aus dem haut­engen, gel­ben Tri­kot, das der frü­he­re Post­bo­te San­cho Pan­za trägt. Schließ­lich ver­kör­pert er, das of­fen­ba­ren auch sei­ne staub­tro­cke­nen Ge­schich­ten, das Rea­li­täts­prin­zip. Im Ge­gen­satz zu sei­nem Herrn Don Qui­jo­te, der gänz­lich der Welt der Ein­bil­dung ver­fal­len ist. Doch der Knap­pe lernt schnell: So hat ihm sein Traum­job als Gou­ver­neur ei­ner In­sel „mit den Bunt­stif­ten der Vor­stel­lung ge­krit­zelt“weit­aus bes­ser ge­fal­len als die er­mü­den­de Wirk­lich­keit.

Die Rol­le der Fik­ti­on

Re­bek­ka Kri­chel­dorfs Be­ar­bei­tung von Mi­guel de Cer­van­tes’ Ba­rock­ro­man „Don Qui­jo­te“fei­ert schein­bar den Es­ka­pis­mus aus un­se­rer der­zeit von ham­mer­har­ten Fak­ten um­zin­gel­ten Rea­li­tät. Sie fragt aber zwi­schen den Zei­len, ob oh­ne das „Gro­ße, Eh­ren­vol­le, Zau­ber­haf­te, Wa­ge­mu­ti­ge, Ro­man­ti­sche“, das in Fik­ti­on und Selbst­in­sze­nie­rung be­hei­ma­tet ist, die Men­schen noch ge­nü­gend Le­bens­en­er­gie be­sit­zen, um die­se Rea­li­tät zu be­wäl­ti­gen.

Doch sol­che gro­ßen Fra­gen stellt man bes­ser mit ei­nem Au­gen­zwin­kern, setzt ih­nen ei­ne när­ri­sche Sup­pen­schüs­sel auf den Kopf. Schon Cer­van­tes hat das mit Er­folg ge­tan. Mit der Dra­ma­ti­ke­rin Kri­chel­dorf und der Re­gis­seu­rin An­net­te Pul­len ha­ben

sich zwei ge­trof­fen, die da­für die glei­che Spra­che spre­chen: Kri­chel­dorf mit Straf­fung und Ver­dich­tung des Mam­mut­werks und in­tel­li­gen­tem Wort­witz, Pul­len mit fei­nem, lie­bens­wer­tem sze­ni­schen Hu­mor, mit dem sie, dem Ap­plaus nach zu ur­tei­len, am Pre­mie­ren­abend die Her­zen der Zu­schau­er im Os­na­brü­cker

Thea­ter am Dom­hof ge­wann.

Oli­ver Mes­ken­dahl trap­pelt in herr­lich bei­läu­fi­ger Ko­mik wie sein Esel, den er hin und wie­der mit ei­nem saf­ti­gen Schlag auf sein ei­ge­nes Hin­ter­teil an­treibt, und lässt die „Met­ufern“und Re­de­wen­dun­gen ver­un­glü­cken, in de­nen er die ge­ho­be­ne Spra­che sei­nes Herrn und Meis­ters nach­ahmt. Ro­nald Fun­ke schleppt sich als hin­fäl­lig-grau­er Herr Al­fons durchs Le­ben, bis ihm sein Sprung in die Fik­ti­on, den Rit­ter­ro­man „Don Qui­jo­te“, neue Spann­kraft ver­leiht, bis die Au­gen sprü­hen.

Macht nichts, dass ganz wie bei Cer­van­tes mal die Chro­nik ab­bricht, erst wei­ter­ge­schrie­ben und über­setzt wer­den muss und auch noch schnö­de Büh­nen­tech­nik jeg­li­che Il­lu­si­on bricht. Denn Dul­ci­nea ist längst da, strahlt und winkt in Gestalt von Mo­ni­ka Vi­vell in al­ler­schöns­ter Ro­be und straft San­chos ver­ma­le­dei­ten Rea­li­täts­sinn Lü­gen, der sie für pu­re Er­fin­dung hält.

Im Netz der Fan­ta­sie

Auch Va­len­tin Klos als schwu­ler Bar­bier und Andre­as Mö­ckel als schein­hei­li­ger Pfar­rer – ein köst­li­ches Ge­spann – so­wie Ma­ria Gold­mann als un­ter­drück­te Nich­te oder Cor­ne­lia Kem­pers als Haus­häl­te­rin ver­fan­gen sich selbst im­mer mehr im Netz von blü­hen­der Fan­ta­sie, das sie doch aus­mer­zen woll­ten.

Doch schö­ne, über­ra­schen­de Re­giei­de­en und das im dop­pel­ten Wort­sinn zau­ber­haf­te Bühnenbild von Gre­gor Sturm ver­hin­dern nicht ganz, dass sich zwi­schen­durch mal ein we­nig Lan­ge­wei­le ein­schleicht in der der knapp zwei­ein­halb­stün­di­gen Auf­füh­rung. Re­bek­ka Kri­chel­dorfs wit­zi­ge „Don Qui­jo­te“-Ver­si­on, die ih­re Vor­la­ge beim Wort nimmt, dürf­te den­noch viel nach­ge­spielt wer­den.

Wei­te­re Auf­füh­run­gen: 20. und 21. Mai, 16. und 20. Ju­ni. Kar­ten­tel. 05 41/7 60 00 76

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Ha­ben ein neu­es Aben­teu­er im Blick: Oli­ver Mes­ken­dahl als San­cho Pan­za und Ro­nald Fun­ke als Don Qui­jo­te im Os­na­brü­cker Thea­ter am Dom­hof. Fo­to: Jörg Lands­berg

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