Can­nes: Die gro­ßen Kra­cher feh­len

In­ter­na­tio­na­les Film­fes­ti­val star­tet am Mitt­woch – Nächs­tes Jahr wie­der oh­ne Net­flix und Co.

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Die­ter Oß­wald

Das welt­weit wich­tigs­te Film­fes­ti­val fei­ert run­den Ge­burts­tag. Zum 70. Mal wird an der Cô­te d’ Azur ab 17. Mai elf Ta­ge lan­ge der ro­te Tep­pich aus­ge­rollt.

Die Vor­freu­de wur­de be­reits im Vor­feld et­was ge­trübt. Das Pla­kat, das ei­ne tan­zen­de Clau­dia Car­di­na­le vor ro­tem Hin­ter­grund prä­sen­tiert, soll Le­bens­freu­de pur ver­kör­pern. Doch schnell wur­de ein pein­li­cher Schön­heits­feh­ler pu­blik: Je­nes Fo­to aus dem Jahr 1959 wur­de of­fen­sicht­lich re­tu­schiert, um die Car­di­na­le für Can­nes auf­zu­hüb­schen und schlan­ker zu ma­chen.

Gra­vie­ren­der als die­se Pos­ter-Pan­ne dürf­te für die Gla­mour-Fei­er frei­lich das Feh­len der gro­ßen Kra­cher sein. Vor­bei die Zei­ten, als Hol­ly­wood sei­ne Block­bus­ter an die Croi­set­te schick­te. Das neue „Ali­en“-Spek­ta­kel von Rid­ley Scott star­tet wäh­rend des Fes­ti­vals lie­ber sang- und klang­los in den Ki­nos, auch die „Pi­ra­tes of the Ca­rib­be­an“ver­zich­ten auf das Entern der Cô­te d’ Azur. Selbst Frank­reichs Pomp-Re­gis­seur Luc Bes­son, der mit sei­ner Fan­ta­sy-Sa­ga „The Fifth Ele­ment“dem Film­fest einst ei­nen Block­bus­ter samt le­gen­dä­rer Par­ty in ei­nem ei­gens auf­ge­bau­ten Py­ra­mi­den-Zelt am Ha­fen be­scher­te, bleibt mit sei­ner ak­tu­el­len Co­mic-Ver­fil­mung „Va­le­ri­an – Die Stadt der tau­send Pla­ne­ten“dem Fes­ti­val fern.

Die mit gut 200 Mil­lio­nen Eu­ro teu­ers­te fran­zö­si­sche Pro­duk­ti­on al­ler Zei­ten gibt Can­nes ei­nen Korb – das mar­kiert ei­ne deut­li­che Zä­sur. Fes­ti­vals spie­len für die Mar­ke­ting-Ex­per­ten der gro­ßen Stu­di­os kaum noch ei­ne Rol­le. Die Be­kannt­heit be­kom­men die di­cken Pop­corn-Brum­mer ziel­ge­rich­tet über so­zia­le Me­di­en, Kri­ti­ken gel­ten für Kas­sen­er­fol­ge längst als un­be­deu­tend.

Strea­m­ing statt Ki­no

An­ders sieht die Sa­che bei den neu­en Spie­lern im Film­ge­schäft aus. Strea­m­ing-An­bie­ter wie Ama­zon und Net­flix set­zen nicht nur auf St­ar­be­set­zung in ih­ren am­bi­tio­nier­ten Fil­men, son­dern zu­dem auf me­dia­le Auf­merk­sam­keit. Im vo­ri­gen Jahr gin­gen gleich vier Ama­zon-Pro­duk­tio­nen in Can­nes an den Start. Dass sie sich künst­le­risch al­le­samt, in­klu­si­ve Woo­dy Al­len, als ziem­lich klei­ne Bröt­chen ent­pupp­ten, scha­det dem Trend kaum.

Dies­mal geht Net­flix gleich dop­pelt im Pal­men-Ren­nen an den Start. Re­gis­seur Bong Joon Ho prä­sen­tiert das Freund­schafts­dra­ma „Ok­ja“, für ihn be­reits sein fünf­ter Can­nes-Auf­tritt. Sein Star­auf­ge­bot reicht von Ja­ke Gyl­len­haal über Til­da Swin­ton bis Paul Da­no. Ähn­lich hoch­ka­rä­tig fällt die Be­set­zung beim Familiendrama „The Mey­e­ro­witz Sto­ries“von Noah Baum­bach aus. In die­ser Ge­schich­te um zwei er­wach­se­ne Ge­schwis­ter, die sich mit dem Ein­fluss ih­res al­tern­den Va­ters aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, tre­ten Adam Sand­ler, Ben Stil­ler, Dus­tin Hoff­man so­wie Em­ma Thomp­son auf – so lässt sich ein ro­ter Tep­pich al­le­mal blitz­licht­wirk­sam fül­len.

Al­ler­dings hat das Fes­ti­val die Rech­nung oh­ne die Film­wirt­schaft ge­macht. Ver­lei­her und Ki­no­be­trei­ber re­agier­ten em­pört, weil hier Wer­ken ei­ne Büh­ne ge­bo­ten wird, die nie das Licht der Lein­wand er­bli­cken wer­den. Der Pro­test hat­te Fol­gen: Ab nächs­tem Jahr heißt es für Net­flix und Co. in Can­nes: „Wir müs­sen drau­ßen blei­ben!“Nur was ins Ki­no kommt, darf auf das Fes­ti­val.

Wie üb­lich setzt man im Wett­be­werb auf ver­dien­te Film­kunst­ve­te­ra­nen. Auch der Lou­vre hän­ge ja nicht sei­ne Al­ten Meis­ter ab, um sich neu zu er­fin­den, ließ Can­nes-Chef Thier­ry Fré­maux ver­lau­ten. Mit den größ­ten Er­war­tun­gen geht der Ös­ter­rei­cher Michael Ha­n­eke an den Start. Für ihn be­deu­tet es das sieb­te Pal­men­ren­nen, mit „Das wei­ße Band“und „Amour“hol­te er Gold. Nun könn­te mit „Hap­py End“der Hattrick fol­gen – was noch kei­nem an­de­ren Re­gis­seur ge­lang. Er­zählt wird von ei­ner bür­ger­li­chen Fa­mi­lie in Ca­lais, in der sich ein al­ter Mann (Je­an-Lou­is Trin­ti­gnant) an sei­ne Ge­schich­te er­in­nert.

Als deut­scher Bei­trag geht „Aus dem Nichts“des Ham­bur­ger Re­gis­seurs Fa­tih Akin an den Start. Mit sei­nem His­to­ri­en­dra­ma „The Cut“war er vor zwei Jah­ren noch ab­ge­lehnt wor­den und prä­sen­tier­te sich dann in Ve­ne­dig. Dies­mal er­zählt er ei­nen Thril­ler um ei­nen frus­trier­ten Zug­be­glei­ter, der ein At­ten­tat plant. Für den in­ter­na­tio­na­len Star Dia­ne Krü­ger war es das ers­te Mal, in ih­rer Hei­mat­spra­che zu dre­hen.

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Das of­fi­zi­el­le Pla­kat zum Film­fes­ti­val in Can­nes zeigt die ita­lie­ni­sche Schau­spie­le­rin Clau­dia Car­di­na­le. Of­fen­sicht­lich wur­de das Bild re­tu­schiert. Fo­to: Clau­dia Car­di­na­le/Bronx (Pa­ris)/Ca­mer­a­pho­to Epo­che/Get­ty Images/Fes­ti­val de Can­nes/dpa

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