„Der Chef hat­te bei sei­ner Frau nichts zu mel­den“

Tot­schlag­pro­zess ge­gen Os­na­brü­cker Gy­nä­ko­lo­gie­pro­fes­sor fort­ge­setzt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Im neu auf­ge­roll­ten Pro­zess ge­gen ei­nen Gy­nä­ko­lo­gie­pro­fes­sor aus Os­na­brück, der En­de 2013 sei­ne Ehe­frau um­ge­bracht ha­ben soll, ha­ben am Mon­tag vor dem Land­ge­richt Lands­hut frü­he­re Kol­le­gin­nen des An­ge­klag­ten aus ei­ner Erdinger Arzt­pra­xis aus­ge­sagt. Den Zeu­gin­nen zu­fol­ge hat­te in der Be­zie­hung des Chefs ein­deu­tig die Frau das Sa­gen.

In Er­in­ne­rung ge­blie­ben ist den Mit­ar­bei­te­rin­nen vor al­lem ei­ne Weih­nachts­fei­er. „Sie hat al­le un­ter­hal­ten, und er hat­te nichts zu mel­den“, fass­te ei­ne Arzt­hel­fe­rin zu­sam­men.

Der 57-jäh­ri­ge Me­di­zin­pro­fes­sor soll sei­ne Ehe­frau am 4. De­zem­ber 2013 ge­gen 12.30 Uhr im Bad des ge­mein­sa­men Rei­hen­hau­ses in Er­ding mas­siv ver­prü­gelt und dann er­stickt ha­ben. Die ers­te Straf­kam­mer des Land­ge­richts Lands­hut hat­te ihn vom Vor­wurf des Tot­schlags im Ja­nu­ar 2015 frei­ge­spro­chen. Nach­dem der Bun­des­ge­richts­hof das Ur­teil aber ein­kas­siert hat, wird der Fall seit En­de April vor der sechs­ten Straf­kam­mer neu ver­han­delt.

Der Gy­nä­ko­lo­ge hat­te zu Pro­zess­be­ginn sei­ne Un­schuld be­teu­ert und von gro­ßer Lie­be zu sei­ner an­geb­lich see­len­ver­wand­ten Frau ge­spro­chen. Dass die 60-Jäh­ri­ge of­fen­bar schwe­re Al­ko­ho­li­ke­rin war, will er nicht be­merkt ha­ben.

Ei­ner Arzt­hel­fe­rin ge­gen­über soll der 57-Jäh­ri­ge al­ler­dings we­ni­ge Ta­ge vor der Tat ge­sagt ha­ben, dass sei­ne Frau seit zehn Jah­ren trin­ke. Wenn nicht vie­le Pa­ti­en­tin­nen da ge­we­sen sei­en, so die Zeu­gin, ha­be er ihr dann schon mal er­zählt, dass er nicht mehr wis­se, was er mit sei­ner Frau ma­chen sol­le; er ha­be Ter­mi­ne bei Ärz­ten für sie ver­ein­bart, die sie nicht wahr­ge­nom­men ha­be. An ei­nen Satz er­in­ner­te sich die Zeu­gin vor Ge­richt be­son­ders: „Da liegt man nachts im Bett, wacht auf und kriegt mit, dass die Frau die Kel­l­er­trep­pe run­ter­ge­fal­len ist.“Am liebs­ten wür­de er sie „nach Tauf­kir­chen brin­gen“, ha­be der Chef zu ihr ge­sagt. Vom Vor­sit­zen­den Rich­ter Ralph Rei­ter dar­auf hin­ge­wie­sen, dass man in das Be­zirks­kli­ni­kum Tauf­kir­chen aber eher bei psy­chi­schen Pro­ble­men als bei Al­ko­hol­sucht kom­me, mein­te die Zeu­gin, sie ha­be da nie so ge­nau nach­fra­gen wol­len: „Er war ja mein Chef.“Am Nach­mit­tag des Tat­tags ha­be er sie je­den­falls noch da­mit be­auf­tragt, ei­nen Le­ber­spe­zia­lis­ten für sei­ne Frau zu su­chen.

Ei­ne Aus­zu­bil­den­de, die bei den Pa­ti­en­ten­be­hand­lun­gen häu­fig an der Sei­te des An­ge­klag­ten war, be­rich­te­te von „ir­gend­wie De­pres­sio­nen im Zu­sam­men­hang mit Al­ko­hol“. Und ei­ne wei­te­re Arzt­hel­fe­rin sag­te, dass den Kol­le­gin­nen und ihr gleich der ho­he Le­ber­wert auf­ge­fal­len sei, als die Er­geb­nis­se der Blut­ana­ly­se der Frau des Chefs am Tag vor der Tat in die Pra­xis ge­kom­men sind. „Da ha­ben wir na­tür­lich schon ge­mut­maßt.“Al­ko­hol sei da­bei durch­aus The­ma ge­we­sen.

Ein Pan­tof­fel­held?

Bei di­rek­ten Be­geg­nun­gen mit der Ehe­frau des An­ge­klag­ten ha­be da­ge­gen kei­ne der Pra­xis-Mit­ar­bei­te­rin­nen an ei­ne mög­li­che Al­ko­hol­sucht ge­dacht. Freund­lich und red­se­lig sei sie ge­we­sen; vie­le Zeu­gin­nen be­nutz­ten auch das Ad­jek­tiv lus­tig. Ihr ge­ne­rel­ler Ein­druck sei ge­we­sen, so ei­ne Zeu­gin, dass die Frau ex­trem do­mi­nant war. „Der Chef stand schon sehr un­term Pan­tof­fel.“

Eben­falls ge­hört wur­de am Mon­tag ei­ne Nach­ba­rin des An­ge­klag­ten, de­ren Kü­chen­fens­ter auf die Haus­tür des Ehe­paars hin­aus­geht. Die Frau hat­te in ih­rer ers­ten po­li­zei­li­chen Ver­neh­mung an­ge­ge­ben, dass sie den Arzt am 4. De­zem­ber 2013 beim Ver­las­sen sei­nes Hau­ses mit­tags ge­se­hen ha­be: Er ha­be sei­ner Frau noch zu­ge­winkt und sei dann auf sein Fahr­rad ge­stie­gen.

Die Zeu­gin hat­te al­ler­dings we­ni­ge Ta­ge nach ih­rer Aus­sa­ge bei der Kri­po an­ge­ru­fen und ge­sagt, dass sie sich doch nicht si­cher sei, ob dies auch wirk­lich am Tat­tag ge­we­sen sei. Die Frau wie­der­hol­te ges­tern ih­re An­ga­be und sag­te zur Be­grün­dung, sie ko­che je­den Tag um die­se Zeit das Mit­tag­es­sen und schaue wäh­rend­des­sen häu­fig aus dem Fens­ter. Es kön­ne da­her auch ein an­de­rer Tag ge­we­sen sein. Und nach mitt­ler­wei­le fast vier Jah­ren wol­le sie sich erst recht nicht mehr fest­le­gen.

Der Pro­zess wird am Mitt­woch fort­ge­setzt.

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