Pa­cken­des Ge­richts­dra­ma

Ron Zim­me­ring in­sze­niert Fer­di­nand von Schi­rachs „Ter­ror“im Thea­ter Os­na­brück

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Von Chris­ti­ne Adam

Ju­bel und Bei­falls­ge­tram­pel ei­nes schwer be­ein­druck­ten Pre­mie­ren­pu­bli­kums: Ein star­ker Thea­ter­abend un­ter der Re­gie Ron Zim­me­rings hat­te am Sonn­tag mit Fer­di­nand von Schi­rachs Ge­richts­dra­ma „Ter­ror“im Em­ma-Thea­ter der Städ­ti­schen Büh­nen Os­na­brück Pre­mie­re.

OS­NA­BRÜCK. Ocker­far­ben leuch­tet der Aus­schnitt ei­nes höl­zer­nen Ge­richts­saals, der vor­sit­zen­de Rich­ter stellt knapp, prä­zi­se und um Sach­lich­keit be­müht, sei­ne Fra­gen an den Zeu­gen, der so be­herrscht wie mög­lich ant­wor­tet, ob­wohl es doch um so viel geht: Wie ei­ne echte Straf­ver­hand­lung wirkt Fer­di­nand von Schi­rachs Ge­richts­dra­ma „Ter­ror“in der Os­na­brü­cker Ins­ze­nie­rung von Ron Zim­me­ring.

Wenn da nicht die­ser Rol­len­tausch wä­re, der die Schau­spie­ler an­fangs ih­ren Part für den Abend per Los zie­hen und noch man­chen Tausch zwi­schen­durch vor­neh­men lässt. Ob das nö­tig ist, um die Pu­bli­kums„Schöf­fen“von Sym­pa­thie­bin­dun­gen an ein­zel­ne Prot­ago­nis­ten fern­zu­hal­ten ist, die gro­ße Fra­ge. Denn die Os­na­brü­cker Schau­spie­ler ver­tre­ten ih­ren je­wei­li­gen Part so über­zeu­gend, dass ge­schah, was an an­de­ren Büh­nen sel­ten vor­kommt: Das Os­na­brü­cker Pre­mie­ren­pu­bli­kum vo­tier­te mehr­heit­lich für „schul­dig“.

Wie im­mer je­der in­di­vi­du­ell da­zu ste­hen mag, aber die­ses un­ge­wöhn­li­che Er­geb­nis ist das Ver­dienst ei­ner groß­ar­ti­gen Ins­ze­nie­rung. Es ge­lang mit ein­dring­lich vor­ge­tra­ge­nen Ar­gu­men­ten und

ge­wich­ti­gen neuen Aspek­ten das spon­ta­ne Rechts­emp­fin­den der Zu­schau­er zu er­schüt­tern und zu dif­fe­ren­zie­ren.

Denn bis­her stimm­ten die meis­ten „Ter­ror“-Zu­schau­er für Frei­spruch. Sie ga­ben dem des mehr­fa­chen Mor­des an­ge­klag­ten Ma­jor Koch recht, der ohne Be­fehl ein Pas­sa­gier­flug­zeug ab­ge­schos­sen hat­te, das von ei­nem Selbst­mord­ter­ro­ris­ten auf ein voll be­setz­tes Fuß­balls­sta­di­on ge­lenkt wur­de.

164 ge­tö­te­te Pas­sa­gie­re ge­gen 70 000 Sta­di­on­be­su­cher:

Das scheint in Zei­ten des Ter­rors das klei­ne­re Übel zu sein und der Kampf­pi­lot ein be­herz­ter Mann, der über­dies ge­nau für sol­che Fäl­le mit ge­rin­gem Ent­schei­dungs­spiel­raum gründ­lich ge­schult wor­den ist.

Staats­an­walt­schaft und Ne­ben­kla­ge stell­ten sol­che Au­to­ma­tis­men aus ein­leuch­ten­den Grün­den in­fra­ge, vor al­lem mit Be­ru­fung auf ein Ver­fas­sungs­ur­teil, das auf das Recht auf Le­ben und un­an­tast­ba­re Men­schen­wür­de selbst in sol­chen Aus­nah­me­fäl­len bis zur letz­ten Mi­nu­te

be­steht und uti­li­ta­ris­ti­sches Ab­wä­gen von Op­fer­zah­len nicht zu­lässt. Die Ver­tei­di­gung be­klagt plau­si­bel ei­ne wehr­los je­dem ter­ro­ris­ti­schen An­griff aus­ge­lie­fer­te De­mo­kra­tie.

Der Ju­rist von Schi­rach ver­steht es in sei­nem raf­fi­niert ge­bau­ten, aber ar­gu­men­ta­tiv nicht un­an­fecht­ba­ren Stück, die Zu­schau­er weit an kom­ple­xe et­hi­sche Grund­satz­fra­gen her­an­zu­füh­ren. Mit dem, was „Ter­ror“dem Zu­schau­er an In­for­ma­tio­nen und ge­leb­ter Rechts­pra­xis vor­ent­hält, wird aber auch

deut­lich, wie hei­kel und be­denk­lich Volks­ab­stim­mun­gen sein kön­nen.

In je­dem Fall ist Ron Zim­me­ring, sei­nem Re­gie­team und den sechs Schau­spie­lern ein um­wer­fend pa­cken­der Thea­ter­abend ge­lun­gen. Mit gro­ßer Sou­ve­rä­ni­tät und rhe­to­ri­schem Cha­ris­ma tau­schen Ni­k­las Bruhn, Chris­ti­na Dom, Tho­mas Ki­e­n­ast, Ja­nosch Schul­te und ei­nen Hauch zu emo­tio­nal noch Elai­ne Ca­me­ron als Ma­jor Koch Stand­punk­te und Rol­len aus. Klaus Fi­scher be­hält als rich­ter­li­che Au­to­ri­tät

auch dann noch die Zü­gel in der Hand, wenn er im Pu­bli­kum sitzt – ei­ner sei­ner ganz star­ken Auf­trit­te in Os­na­brück.

„Ter­ror“ist ein gro­ßer Wurf in die­ser Spiel­zeit des Os­na­brü­cker Thea­ters.

Wei­te­re Auf­füh­run­gen: 17., 18., 21. und 30. Mai. Kar­ten­tel. 05 41/7 60 00 76. Be­gleit­ver­an­stal­tun­gen mit Ex­per­ten sind ge­plant.

Wird vom Rich­ter in die En­ge ge­drängt: Ni­k­las Bruhn vorn als Oberst­leut­nant Lau­ter­bach, hin­ten (von links) Chris­ti­na Dom, Elai­ne Ca­me­ron, Klaus Fi­scher, Ja­nosch Schul­te und Tho­mas Ki­e­n­ast in der Os­na­brü­cker Ins­ze­nie­rung. Fo­to: Uwe Lewandowski

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