520 Ki­lo­me­ter tren­nen Freud und Leid

Ho­mann zieht es nach Sach­sen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrücker Land - Von Je­an-Charles Fays

140 Jah­re Ho­mann sind in Dis­sen Ge­schich­te, 1200 Jobs im Land­kreis be­droht, die Re­gi­on ist fas­sungs­los. Das Kon­trast­pro­gramm in Wach­auLep­pers­dorf, wo Ho­mann ab 2020 erst­mals pro­du­zie­ren soll. Po­li­ti­ker und Un­ter­neh­mer freu­en sich über 1000 neue Ar­beits­kräf­te. Ein Orts­be­such.

Ei­ne Rei­se zwi­schen zwei Wel­ten. 520 Ki­lo­me­ter lie­gen zwi­schen Freud und Leid. Es ist der zweite Sonn­tag im Mai. Tau­sen­de ha­ben in Dis­sen ei­ne Wo­che zu­vor noch de­mons­triert und ei­ne ki­lo­me­ter­lan­ge Men­schen­ket­te um das Werk ge­bil­det.

Sa­bi­ne Ho­ner­mey­er ist ei­ne von Tau­sen­den aus der Re­gi­on, die ins­ge­heim noch auf ein Wun­der hofft, an­de­rer­seits aber ahnt, dass der Wi­der­stand

Kon­zern­chef Theo Mül­ler un­be­ein­druckt las­sen wird. Bei ei­ner Rad­tour ins na­he ge­le­ge­ne Lie­nen pas­siert sie das Werk und fragt sich, was aus dem mehr als 100 Jah­re al­ten und 28 Me­ter ho­hen Ho­mann-Was­ser­turm wird, der hier we­gen sei­ner leuch­tend gel­ben Hau­be nur lie­be­voll „But­ter­fin­ger“ge­nannt wird und un­ter Denk­mal­schutz steht. Die 64-Jäh­ri­ge be­dau­ert: „Ho­mann ge­hört für mich zur Hei­mat, und mein Herz hängt an der Hei­mat.“

Auch An­woh­ne­rin Pe­tra Ja­cob steht noch un­ter Schock. Als die Dis­se­ne­rin aus ih­rer Woh­nung vis-à-vis vom Werk auf die Bahn­hof­stra­ße läuft und ihr Blick auf den 63 Me­ter ho­hen Schorn­stein mit der Ho­mann-Auf­schrift fällt, ist ih­re Mi­mik wie ein­ge­fro­ren, der Blick klar und kalt. Ho­mann war für sie fast wie ein Teil der Fa­mi­lie, nicht weg­zu­den­ken. Ihr Vater und ih­re Mut­ter ma­loch­ten bei­de in der Ho­mann-Mar­ga­ri­nen­fa­brik. Sie selbst war zwölf Jah­re bei Ho­mann im Au­ßen­dienst: „Es hat mich um­ge­hau­en, als ich hör­te, dass das Werk nicht wie ge­plant ins Dis­se­ner Ge­wer­be­ge­biet zieht. Ich bin mit der Fir­ma groß ge­wor­den.“Un­vor­stell­bar, dass Ho­mann schon in drei Jah­ren weg ist. „Ho­mann ge­hört hier ein­fach hin“, be­tont sie. So wie Ja­cob den­ken hier vie­le. Ho­mann ist Dis­sen. Dis­sen ist Ho­mann. Den Spruch hört man hier im­mer wie­der. Die Re­gi­on ver­liert nicht nur die vie­len Ar­beits­plät­ze, son­dern auch ein gro­ßes Stück fest in der Re­gi­on ver­wur­zel­te Un­ter­neh­mens­ge­schich­te.

Ho­mann wirbt auf der ei­ge­nen Home­page selbst mit die­ser be­son­de­ren 141 Jah­re al­ten Ver­bun­den­heit: „Al­les be­ginnt in ei­nem be­schau­li­chen, klei­nen Städt­chen am Fu­ße des Teu­to­bur­ger Wal­des. Hier grün­det Fritz Ho­mann, ge­ra­de mal 28 Jah­re alt, ei­ne Fa­b­rik für Flei­schund Wurst­wa­ren. Auch wenn sich seit­dem man­ches ver­än­dert hat, ist Dis­sen noch heu­te un­ser Haupt­sitz.“

Un­er­wähnt lässt der In­ter­net­auf­tritt, dass der künf­ti­ge Haupt­sitz 520 Ki­lo­me­ter wei­ter öst­lich lie­gen soll. Bei den 1000 Ein­woh­nern aus dem Wach­au­er Orts­teil Lep­pers­dorf ist die Mar­ke un­be­kannt. Als am Mon­tag­mor­gen ein Mitt­sech­zi­ger da­nach be­fragt wird und hört, dass es sich um ei­nen Le­bens­mit­tel­her­stel­ler han­delt, der et­wa für sei­nen Fleisch­sa­lat be­kannt ist, er­wi­dert er: „Kenn ich nicht. Wir essen hier Dresd­ner Fleisch­sa­lat von Dr. Do­err.“

Den ehe­ma­li­gen Vor­sit­zen­den des Lep­pers­dor­fer Dorf­clubs, Klaus We­ber­sin­ke, in­ter­es­siert die Ho­mann-Ge­schich­te

nicht. Er sieht die Zu­kunft und die 1000 neuen Ar­beits­plät­ze. Da­her hält er die Werks­ver­la­ge­rung für ei­ne gute Idee: „Der ei­ne oder an­de­re be­schwert sich hier viel­leicht über den zu­neh­men­den Ver­kehr, aber der Ver­kehr wird über­all mehr. Für Lep­pers­dorf ist das wirt­schaft­lich ohne Zwei­fel ei­ne gute Ent­wick­lung.“Er er­in­nert dar­an, dass vie­le Be­trie­be im Os­ten dem Druck der Markt­wirt­schaft nach der Wen­de nicht stand­hal­ten konn­ten und schlie­ßen muss­ten. Dar­auf­hin sei­en vie­le der Ar­beit hin­ter­her in den Wes­ten ge­zo­gen. Der 75Jäh­ri­ge sagt tro­cken: „Nun ist das Dis­se­ner Werk nicht mehr wirt­schaft­lich zu be­trei­ben. Und jetzt läuft’ s eben mal an­ders­her­um.“

Auch die 45-jäh­ri­ge Lep­pers­dor­fe­rin Hei­ke Kai­ser, die im 25 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Dres­den ar­bei­tet, freut sich ei­ner­seits über die neuen Ar­beits­plät­ze vor Ort, gibt aber an­de­rer­seits zu be­den­ken, dass da­durch noch mehr Ver­kehr im Ort ent­ste­hen könn­te und noch mehr Wald ge­ro­det wer­den müss­te, als oh­ne­hin schon für das Sach­sen­milch-Werk ge­op­fert wer­den muss­te. Sie hofft dar­auf, dass der Bau der sie­ben Ki­lo­me­ter lan­gen Um­ge­hungs­stra­ße ins süd­lich ge­le­ge­ne Ra­de­berg in die­sem Jahr be­ginnt und die ver­spro­che­ne Ent­las­tung schafft.

Das Werk der Mül­ler-Toch­ter Sach­sen­milch, das 2500 Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt, hat et­wa die glei­che Grö­ße wie ganz Lep­pers­dorf. Cha­rak­te­ris­tisch für den Wach­au­er Orts­teil sind ei­ner­seits die länd­li­che Sied­lungs­form und seit den 90er-Jah­ren an­de­rer­seits auch die me­tal­lisch glän­zen­den Milch­tür­me der Sach­sen­milch. Ent­lang der längs durch den Ort ver­lau­fen­den Haupt­stra­ße lie­gen in der Re­gel ehe­ma­li­ge Bau­ern­hof­an­la­gen. Durch die so­zia­lis­ti­sche Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft und die Ab­schaf­fung in­ha­ber­ge­führ­ter bäu­er­li­cher Be­trie­be zu DDR-Zei­ten wur­den sie zu gi­gan­ti­schen Agrar­kom­bi­na­ten mit rie­si­gen Acker­flä­chen. Ehe­ma­li­ge Be­woh­ner der be­nach­bar­ten 20 000Ein­woh­ner-Stadt Ra­de­berg be­rich­ten, dass die länd­li­che Idyl­le sie an­ge­zo­gen hat, um sich hier mit ih­rer Fa­mi­lie nie­der­zu­las­sen.

Vol­ler Stolz und Pa­thos zeigt auch Orts­vor­ste­her Volkmar Leh­mann sein Lep­pers­dorf, ver­weist auf die für ein 1000-See­len-Dorf be­acht­li­che Zahl an In­sti­tu­tio­nen wie Schu­le, Sport­hal­le, Ki­ta mit Ganz­tags­be­treu­ung, Kir­che, Dorf­club, Po­sau­nen­chor, Feu­er­wehr, ei­nen Bau­ern­hof, der zum Dorf­ge­mein­schafts­haus um­ge­baut wird, und den di­rek­ten Au­to­bahn-An­schluss zur A 4 na­he dem Sach­sen­milch-Werk. Zum Ho­mann-Werk will er sich öf­fent­lich nicht äu­ßern. Er ge­hört kei­ner Par­tei, son­dern der Wäh­ler­grup­pe der „Of­fe­nen Bür­ger­lis­te“(OBL) an, die im CDU-do­mi­nier­ten Ge­mein­de­rat in der Min­der­heit ist. Der 65-Jäh­ri­ge setzt sich für ei­ne „Wirt­schaft im Ein­klang mit den Le­bens­ver­hält­nis­sen der Lep­pers­dor­fer“ein. Ein gu­tes Bei­spiel sei, dass die OBL ei­ne Bür­ger­initia­ti­ve bei dem Vor­ha­ben un­ter­stützt ha­be, ei­ne von Mül­ler im Ge­wer­be­ge­biet ge­plan­te Müll­ver­bren­nungs­an­la­ge durch ei­nen Bür­ger­ent­scheid zu stop­pen. „Heu­te wird er dar­über gar nicht so trau­rig sein, weil er da­für ein hoch­mo­der­nes Gas­kraft­werk mit Kraft-Wär­me-Kopp­lung bau­en ließ“, be­ton­te Leh­mann.

In den Ver­hand­lun­gen mit Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) hat­te Ho­mann- und Mül­lerAuf­sichts­rats­chef Hei­ner Kamps auch dar­auf ver­wie­sen, dass die ge­mein­sa­me Nut­zung die­ses Kraft­werks durch Sach­sen­milch und Ho­mann ei­ner der Stand­ort­vor­tei­le für Lep­pers­dorf ist. Wei­te­re Stand­ort­vor­tei­le sieht Mül­ler auch bei an­de­ren Sy­ner­gie­ef­fek­ten wie et­wa bei der Lo­gis­tik oder der oh­ne­hin vor­ge­se­he­nen Er­wei­te­rung der Klär­an­la­ge. Die Ge­werk­schaft NGG hat­te zu­dem be­reits dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Lohn in Sach­sen laut Ta­rif­ver­trag et­wa 400 bis 600 Eu­ro ge­rin­ger sei. Sach­sen­milch ist dem Ta­rif­ver­trag laut NGG je­doch nicht ein­mal an­ge­schlos­sen. Ein wei­te­res Ar­gu­ment könn­te der Ge­wer­be­steu­er­he­be­satz sein, der in Dis­sen bei 360 Punk­ten liegt, wäh­rend er in Wach­au 30 Punk­te nied­ri­ger ist.

Der Wach­au­er Me­tall­bau­er Mat­thi­as Grahl hat Dut­zen­de Sach­sen­milch-Ak­ten­ord­ner in sei­nem Bü­ro und macht ein Drit­tel sei­nes Um­sat­zes mit der nach ei­ge­nen An­ga­ben mo­derns­ten Mol­ke­rei Eu­ro­pas. Der Un­ter­neh­mer sieht Ho­mann als Coup: „Mit knapp vier Pro­zent ha­ben wir hier zwar jetzt schon ei­ne der ge­rings­ten Ar­beits­lo­sen­quo­ten Sach­sens, aber der Wett­be­werb läuft wei­ter, und wir müs­sen uns für die Zu­kunft auf­stel­len. Au­ßer­dem sind die Ar­beits­plät­ze ge­ra­de für an­gren­zen­de struk­tur­schwä­che­re Ge­bie­te wie die Lau­sitz sehr wich­tig.“Grahl, der auch CDU-Frak­ti­ons­chef im Land­kreis Baut­zen ist, fügt hin­zu: „Nach der

Wen­de muss­ten vie­le Sach­sen in den Wes­ten. Es ist nach wie vor für uns all­täg­lich, dass ganz vie­le Men­schen aus un­se­rer Re­gi­on lan­ge Stre­cken zur Ar­beit in Bay­ern und Ba­den-Würt­tem­berg pen­deln müs­sen. Ich kann ver­ste­hen, wie schwie­rig das für die Familien in der Re­gi­on Os­na­brück ist, aber für uns ist Wo­chen­end­pen­deln nor­mal. 500 Ki­lo­me­ter zur Ar­beit sind für Fa­mi­li­en­vä­ter bei uns kei­ne Sel­ten­heit.“

Der Wach­au­er Bür­ger­meis­ter Veit Kün­zel­mann (CDU) pflich­tet ihm bei: „Trotz ei­ner der ge­rings­ten Ar­beits­lo­sen­quo­ten in ganz Sach­sen ist na­tür­lich je­der neue Ar­beits­platz für uns wich­tig.“Das Dis­se­ner und das Bad Es­se­ner Ho­man­nWerk sol­len bis 2020 ver­la­gert wer­den. Je­der der 1200 Mit­ar­bei­ter im Land­kreis Os­na­brück soll dann ein An­ge­bot be­kom­men, am neuen Stand­ort wei­ter­zu­ar­bei­ten.

In Wach­au-Lep­pers­dorf ist die Vor­freu­de auf 1000 neue Jobs durch die Ho­mann-Ver­la­ge­rung groß. Dis­sen hin­ge­gen ver­setz­te in kol­lek­ti­ve Schock­star­re, dass die 140-jäh­ri­ge Ho­man­nUn­ter­neh­mens­ge­schich­te so ein ab­rup­tes En­de fin­det und 1200 Jobs im Land­kreis Os­na­brück be­droht sind. Fotos: Je­an-Charles Fays

Di­rekt ne­ben dem Sach­sen­milch-Werk im Wach­au­er Orts­teil Lep­pers­dorf soll das neue Ho­mann-Werk ge­baut wer­den.

Die Dis­se­ne­rin Pe­tra Ja­cob schockt der Ho­mann-Ver­lust.

Der Wach­au­er Un­ter­neh­mer Mat­thi­as Grahl freut sich.

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