Clans mi­schen über­all mit

Flücht­lings­hil­fe, Ein­zel­han­del und An­ti-Ma­fia-Pro­jek­te be­trof­fen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Wolf H. Wa­gner

FLO­RENZ. Ita­li­en und Ma­fia – ein Ste­reo­typ, so üb­lich wie die Ver­bin­dung zu Spa­ghet­ti, Chi­an­ti, Son­ne und Meer. Dass das or­ga­ni­sier­te Ver­bre­chen im gan­zen Land – und über die Gren­zen hin­aus – ak­tiv ist, be­weist an­schau­lich ei­ne Rei­he von Fäl­len, die ge­ra­de in die­ser Wo­che an die Öf­fent­lich­keit ge­lan­gen. Ob im Ge­schäft mit der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik, im Groß- und Ein­zel­han­del oder gar in An­ti­ma­fia­or­ga­ni­sa­tio­nen selbst – die Clans von Co­sa Nos­tra, Ca­mor­ra und der ka­la­b­re­si­schen ’ Ndran­ghe­ta sind be­tei­ligt.

Ei­ne der ak­tivs­ten ’ Nd­ri­ne (Arm) der ka­la­b­re­si­schen Ma­fia ist der Are­na-Clan. Waf­fen­schmug­gel, Dro­gen­han­del und Schutz­geld­er­pres­sung ge­hö­ren zu den Stamm­ge­schäf­ten des nach sei­nem lang­jäh­ri­gen Boss Car­mi­ne Are­na be­nann­ten Clans. Sein Ope­ra­ti­ons­ge­biet ist Cro­to­ne, ins­be­son­de­re die Ge­mein­de Iso­la Ca­po Riz­zu­to. Hier be­fin­det sich auch das größ­te Flücht­lings­auf­nah­me­la­ger Eu­ro­pas, das von der Fra­ter­ni­ta del­la Mi­se­ri­cor­dia ge­lei­tet wird. 280 An­ge­stell­te ha­ben die Barm­her­zi­gen Brü­der vor Ort, mit ei­nem Bud­get von mehr als 17 Mil­lio­nen Eu­ro be­treu­en sie die hier un­ter­ge­brach­ten Flücht­lin­ge. Oder eben auch nicht, wie die jet­zi­gen Er­mitt­lun­gen der Ca­ra­bi­nie­ri-Ein­heit ROS zu­ta­ge brach­ten.

„Das Flücht­lings­la­ger ist ein Geld­au­to­mat für die ’ Ndran­ghe­ta“, re­sü­mier­te der die Ope­ra­ti­on „Jon­ny“lei­ten­de Ge­ne­ral Gi­u­sep­pe Go­ver­na­le. Im Er­geb­nis der lang­wie­ri­gen Er­mitt­lun­gen wur­den die­se Wo­che 68 Per­so­nen we­gen Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner ma­fiö­sen Or­ga­ni­sa­ti­on ver­haf­tet, 38 Mil­lio­nen ver­un­treu­ter Eu­ro be­schlag­nahmt. Zu den Ver­haf­te­ten ge­hö­ren der Gou­ver­neur der Mi­se­ri­cor­dia von Cro­to­ne, Leo­nar­do Sac­co, so­wie Don Edo­ar­do Scor­dio, Pries­ter der ört­li­chen Ge­mein­de.

Be­hör­den in­fil­triert

Dies zeigt sich auch in der Af­fä­re um den ita­lie­ni­schen Ab­le­ger der Su­per­markt­ket­te Lidl. Der si­zi­lia­ni­sche Clan Lau­da­ni ope­riert in der Lom­bar­dei. Er­mitt­lun­gen der aus den Jus­tiz­fäl­len ge­gen Sil­vio Ber­lus­co­ni be­kann­ten Mai­län­der Staats­an­wäl­tin Il­da Boc­cas­si­ni zeig­ten die Ak­ti­vi­tä­ten des Clans auf. So­wohl in der am Ge­richt von Mai­land tä­ti­gen Auf­sichts­be­hör­de als auch in den Chef­eta­gen von vier Re­gio­nal­ver­tre­tun­gen der Su­per­markt­ket­te wa­ren Ver­tre­ter der Lau­da­ni ak­tiv. Des Wei­te­ren stell­ten Boc­cas­si­ni und der ihr as­sis­tie­ren­de Staats­an­walt Pao­lo Sto­ra­ri fest, dass Lau­da­ni-Ver­tre­ter auch bei der Ver­ga­be von öf­fent­li­chen Auf­trä­gen im Auf­trag der Ge­mein­de Mai­land ih­re Hän­de im Spiel hat­ten. 15 Clan­ver­tre­ter – und auch Be­hör­den­ver­tre­ter Mai­lands – wur­den von der An­ti­ma­fia­ein­heit ver­haf­tet, die Lid­lZen­tra­len, die ei­nem Netz von über 200 Fi­lia­len vor­ste­hen, vor­erst kom­mis­sa­risch ver­wal­tet.

„Wenn ich zur Ge­mein­de ge­he und ein Kul­tur­pro­jekt prä­sen­tie­re, für das ich öf­fent­li­che Mit­tel be­kom­men möch­te, la­chen sie mich aus und set­zen mich vor die Tür. Prä­sen­tie­re ich je­doch ein An­ti­ma­fia­pro­jekt, so ste­hen mir die Kas­sen of­fen, und al­le ap­plau­die­ren“, be­schreibt Fran­co La Tor­re, Sohn des 1982 von der Co­sa Nos­tra er­mor­de­ten An­ti­ma­fia­par­la­men­ta­ri­ers Pio La Tor­re. Der Kampf ge­gen die Ma­fia, so der Sohn, wird zum Ge­schäft, die Clans in­fil­trie­ren die Or­ga­ni­sa­tio­nen, die ei­gent­lich dem or­ga­ni­sier­ten Ver­bre­chen Ein­halt ge­bie­ten sol­len.

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