„Men­schen fal­len re­gel­recht zu­sam­men“

Sui­zid­ver­su­che von Asyl­be­wer­bern in Nie­der­sach­sen neh­men zu

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Nordwest - Von Dirk Fis­ser

OS­NA­BRÜCK. Ker­zen, Blu­men und zwei Fo­tos ste­hen ne­ben der Haus­tür im Os­na­brü­cker Stadt­teil Schin­kel. Hier hat Mo­ham­med ge­wohnt. Ein jun­ger Mann aus Af­gha­nis­tan, der nach Deutsch­land floh. Mit­schü­ler ha­ben sich an ei­nem kal­ten No­vem­ber­tag im ver­gan­ge­nen Jahr vor sei­ner Haus­tür ver­sam­melt, um Ab­schied zu neh­men. Als nett be­schrei­ben sie ihn und gut in­te­griert in den Schul­all­tag. Aber rich­tig gut kann­te ihn wohl nie­mand. Mo­ham­med hat sich um­ge­bracht. Sein Selbst­mord im No­vem­ber schock­te die jun­gen Men­schen.

Mo­ham­med ist ein Fall – aber von wie vie­len? So genau weiß das nie­mand. Zwar wird im­mer wie­der von Sui­zi­den oder Selbst­mord­ver­su­chen von Asyl­be­wer­bern be­rich­tet, ge­naue Zah­len zum Aus­maß sol­cher Ver­zweif­lungs­ta­ten gibt es nicht. Im April 2015 steck­te sich bei­spiels­wei­se ein Ma­rok­ka­ner in Lin­gen auf of­fe­ner Stra­ße in Brand. Er soll­te ab­ge­scho­ben wer­den.

Ei­ne Ant­wort der Lan­des­re­gie­rung in Nie­der­sach­sen auf An­fra­ge der FDP lässt die Di­men­si­on er­ah­nen. 50 Selbst­mord­ver­su­che von Asyl­be­wer­bern mel­de­ten ins­ge­samt 13 von 49 an­ge­frag­ten Kom­mu­nen in Nie­der­sach­sen für das ver­gan­ge­ne Jahr, drei Men­schen star­ben. Die rest­li­chen Land­krei­se und kreis­frei­en Städ­te schwie­gen oder konn­ten kei­ne Zahl lie­fern. 2015 wa­ren es noch 19 Vor­fäl­le. Die stei­gen­de Ten­denz be­stä­tig­te zu­letzt die Lan­des­re­gie­rung in Bay­ern. Dort wa­ren es 162 Sui­zid­ver­su­che im Jahr 2016 – ei­ne Ver­drei­fa­chung ge­gen­über den Vor­jah­ren.

Als Haupt­aus­lö­ser für die Selbst­mor­de führt das nie­der­säch­si­sche Mi­nis­te­ri­um un­ter Be­ru­fung auf die Kom­mu­nen in 15 Fäl­len „aku­te Psy­cho­sen, psy­chi­sche Pro­ble­me, De­pres­si­on, Ta­blet­ten­miss­brauch und Dro­gen­sucht“an. Auch die Ab­leh­nung des Asyl­be­schei­des sei in meh­re­ren Fäl­len ur­säch­lich ge­we­sen.

Bernd Me­so­vic von der Or­ga­ni­sa­ti­on „Pro Asyl“sagt: „Die psy­chi­sche Ver­fas­sung von Asyl­su­chen­den wird im­mer pre­kä­rer.“Zum ei­nen sei­en vie­le trau­ma­ti­siert. „Sie wer­den schlicht­weg nicht fer­tig mit dem, was sie ge­se­hen und er­lebt ha­ben“, so Me­so­vic. Zum an­de­ren zer­mür­be sie die Si­tua­ti­on in Deutsch­land re­gel­recht. „Es dau­ert al­les ewig lan­ge. Die Er­war­tun­gen der Men­schen wa­ren ganz an­de­re.“Pro­ble­me beim Fa­mi­li­en­nach­zug oder der Ar­beits­platz­su­che sei­en sehr be­las­tend.

„Men­schen mit all ih­ren Hoff­nun­gen fal­len re­gel­recht in sich zu­sam­men“, be­schreibt Me­so­vic die La­ge der Asyl­be­wer­ber. Ei­ne ein­fa­che Lö­sung ge­be es je­den­falls nicht. Fest ste­he aber, dass das Pro­blem viel grö­ßer sei, als es Zah­len aus­drü­cken könn­ten.

Kai We­ber vom Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen be­stä­tigt die Ein­schät­zung. Er ver­weist be­son­ders auf die Pro­ble­me beim Fa­mi­li­en­nach­zug für Flücht­lin­ge mit ein­ge­schränk­tem Schutz­sta­tus. Im März 2016 hat­te die Bun­des­re­gie­rung be­schlos­sen, den Fa­mi­li­en­nach­zug bis Früh­jahr 2018 aus­zu­set­zen. Und selbst da, wo ein Nach­zug recht­lich mög­lich wä­re, schei­te­re er häu­fig an bü­ro­kra­ti­schen Hür­den.

„Es sind vor al­lem Fa­mi­li­en­vä­ter, die sich um ih­re Fa­mi­li­en in Her­kunfts- oder Tran­sit­län­dern sor­gen und schul­dig füh­len, weil sie hier in Si­cher­heit le­ben, wäh­rend ih­re Fa­mi­li­en wei­ter­hin in Not sind“, so We­ber.

Trau­er um Mo­ham­med: Schü­ler ha­ben Ker­zen vor die Haus­tür des Af­gha­nen in Os­na­brück ge­stellt. Fo­to: Jörn Mar­tens

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