Le­ser auch über ra­di­ka­le Stand­punk­te in­for­mie­ren

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Dialog -

Zum Ar­ti­kel „Schock­bil­der aus Mast­stäl­len“(Aus­ga­be vom 5. Mai) und den Le­ser­brie­fen von Dr. med. vet. Ul­rich Brink­mann „Ra­di­ka­les Ge­dan­ken­gut“(Aus­ga­be vom 9. Mai) und Ar­nold Mid­del­kampf „Nicht land­wirt­schafts­freund­lich“(Aus­ga­be vom 10. Mai).

„Die Ak­tio­nen der Tier­recht­ler (nicht Tier­schüt­zer…) in deut­schen Groß­stäl­len mag man durch­aus un­ter­schied­lich be­ur­tei­len; sie be­we­gen sich hier in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne, und die Be­wer­tun­gen fal­len von Fall zu Fall und von Rich­ter zu Rich­ter ver­schie­den aus. Fol­gen­de Punk­te sind je­doch in der Beur­tei­lung zu be­rück­sich­ti­gen:

1. Bei der Viel­zahl von do­ku­men­tier­ten Fäl­len von Ver­stö­ßen ge­gen das Tier­schutz­ge­setz noch im­mer da­von aus­zu­ge­hen, dass es sich um Ein­zel­fäl­le han­delt und nicht um ein sys­te­mi­sches Pro­blem, ist schlicht­weg na­iv. Das un­ter­mau­ert zum Bei­spiel das kürz­lich von Gre­en­peace in Auf­trag ge­ge­be­ne und ver­öf­fent­lich­te Rechts­gut­ach­ten, das zu dem Schluss kommt, dass die Mas­sen­tier­hal­tung, wie sie in Deutsch­land prak­ti­ziert wird, ge­gen das Tier­schutz­ge­setz ver­stößt – auch wenn die Kri­te­ri­en für das von Land­wirt­schaft­mi­nis­ter Schmidt hoch­ge­lob­te ,Tier­wohl-La­bel‘ ein­ge­hal­ten wer­den.

2. Der ve­ga­ne Ge­dan­ke mag vor­der­grün­dig ra­di­kal er­schei­nen. Je­doch ist es ein Feh­ler an­zu­neh­men, Ve­ga­ner woll­ten den Men­schen et­was weg­neh­men – viel­mehr wol­len sie ei­nen Weg auf­zei­gen, wie mit für den ein­zel­nen ver­tret­ba­rem Auf­wand (Ver­zicht auf tie­ri­sche Pro­duk­te) ein le­bens­wer­ter Pla­net für ei­ne wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung er­hal­ten wer­den und ei­ni­ge der drän­gends­ten Pro­ble­me un­se­rer Ta­ge ge­löst wer­den kön­nen: Oh­ne Mas­sen­tier­hal­tung

– ver­lie­ren wir nicht täg­lich die Flä­che Mün­chens an Re­gen­wald für den An­bau von (Gen-)So­ja für die Fut­ter­mit­tel­in­dus­trie,

– zer­stö­ren wir nicht die lo­ka­len Märk­te zum Bei­spiel in Afri­ka, die wir mit den von uns ver­schmäh­ten Tier­tei­len über­flu­ten und da­mit Flucht­ur­sa­chen der dort le­ben­den Men­schen schaf­fen,

– nut­zen wir die vor­han­de­nen Acker­flä­chen und Was­ser­res­sour­cen we­sent­lich ef­fek­ti­ver (für die ,Er­zeu­gung‘ von ei­nem Ki­lo­gramm Rind­fleisch wer­den je nach Qu­el­le zwi­schen zehn Ki­lo­gramm und 16 Ki­lo­gramm Ge­trei­de und bis zu 15 000 Li­ter Was­ser ver­wen­det!).

3. Die Zer­stö­rung der Bo­den­frucht­bar­keit und der Hin­weis auf ei­ne an­geb­li­che Kreis­lauf­wirt­schaft ist ein Am­men­mär­chen – wür­den wir tat­säch­lich ei­ne Kreis­lauf­wirt­schaft be­trei­ben, müss­ten die Land­wir­te ihr Tier­fut­ter selbst er­zeu­gen oder zu­min­dest re­gio­nal be­zie­hen, an­statt Kraft­fut­ter, ba­sie­rend auf aus Süd­ame­ri­ka im­por­tier­tem So­ja, zu ver­wen­den [...].

4. Dass ei­ne ,ge­sun­de, aus­ge­wo­ge­ne Er­näh­rung der Men­schen, ins­be­son­de­re der Kin­der, durch Ve­ga­nis­mus ver­hin­dert wird, ist eben­falls ei­ne nach dem ak­tu­el­len Stand der For­schung nicht zu hal­ten­de Aus­sa­ge. […]

Dass die­se Zei­tung – im Üb­ri­gen sehr neu­tral und nicht land­wirt­schafts­feind­lich – über die­se Tier­recht­ler be­rich­tet, ist ab­so­lut lo­bens­wert. Und nun mag je­der für sich be­ur­tei­len, was ra­di­ka­ler ist: der Ver­zicht auf Tier­aus­beu­tung oder das Fest­hal­ten am vor­han­de­nen Sys­tem, das so vie­le Pro­ble­me ver­ur­sacht. […]“

Kars­ten Mit­hö­fer Mel­le

„Ich den­ke, dass Herr Mid­den­kampf die Ver­öf­fent­li­chun­gen in der Zei­tung nicht rich­tig in­ter­pre­tiert. Es geht nicht um Bau­ern als ,bad boys‘ . Der Bau­ern­be­ruf ist mei­nes Erach­tens ei­ner der wich­tigs­ten Be­ru­fe, die wir ha­ben und ha­ben müs­sen. Die Ver­öf­fent­li­chun­gen in der Zei­tung zei­gen im All­ge­mei­nen Miss­stän­de bei den über­be­leg­ten Stäl­len auf (Mas­sen­tier­hal­tung); das heißt für mich Agrar­in­dus­trie und nicht Bau­er. Als Kon­se­quenz hal­te ich es für sehr wich­tig, den Bau­ern zu för­dern, das heißt im Kl­ar­text, we­ni­ger zu pro­du­zie­ren (art­ge­rech­te Hal­tung), und da­durch wer­den auch die land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­te teu­rer – An­ge­bot und Nach­fra­ge; der Bau­er hat auch wie­der ein aus­kömm­li­ches Ein­kom­men. Für mich ist der Bau­er auch der wich­tigs­te [...] Land­schafts­pfle­ger. [...] Üb­ri­gens: Miss­stän­de auf­zu­de­cken ist Auf­ga­be des Jour­na­lis­mus.“

Die­ter Hüb­ner Belm

„Dirk Fis­sers In­ter­view mit ei­nem Tier­rechts­ak­ti­vis­ten möch­te ich nach­drück­lich be­grü­ßen. Wie ei­ni­ge (kei­nes­wegs al­le) Mas­sen­tier­hal­ter mit der Krea­tur um­ge­hen, nen­ne ich aus christ­li­cher Sicht ei­nen ,Fre­vel an der Schöp­fung‘ ! [...] Zum Glück deu­tet sich zum The­ma Fleisch­kon­sum und Tier­hal­tung [...] ein vor­sich­ti­ges, hof­fent­lich nach­hal­ti­ges Um­den­ken an. Dirk Fis­ser pro­ble­ma­ti­siert das Vor­ge­hen ra­di­ka­ler Tier­schüt­zer (Ein­bre­chen/ Hauf­rie­dens­bruch), fragt nach Mo­ti­va­tio­nen und hebt Be­mü­hun­gen von Land­wir­ten, die Hal­tungs­be­din­gun­gen zu ver­bes­sern, her­vor. Wo es da an ob­jek­ti­ver Darstel­lung feh­len soll­te, wie es Herr Mid­del­kampf un­ter­stellt, er­schließt sich mir nicht.

Der Le­ser hat das Recht, zu ei­nem ge­sell­schafts­re­le­van­ten The­ma un­ter­schied­li­che und, wenn es sein muss, auch ra­di­ka­le Stand­punk­te zu er­fah­ren, um sich ei­ne ei­ge­ne Mei­nung zu bil­den. Man­che Zeit­ge­nos­sen wol­len halt die Au­gen vor der Wirk­lich­keit ver­schlie­ßen, um sich den Ge­nuss ih­res Schwei­ne­bra­tens nicht ver­der­ben zu las­sen. Das wird auf Dau­er nicht funk­tio­nie­ren.“

Kai En­gel­ke Sur­wold

Die De­bat­te um Tier­hal­tung in der mo­der­nen Land­wirt­schaft be­schäf­tigt un­se­re Le­ser wei­ter. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.