Os­na­brü­cker zwingt VW in die Knie

Ur­teil des Land­ge­richts: Kun­de darf Schum­mel-Golf zu­rück­ge­ben

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Von Wil­fried Hin­richs

Im VW-Ab­gas­skan­dal hat ei­ne Zi­vil­kam­mer des Land­ge­richts Os­na­brück ei­nem Os­na­brü­cker Kun­den recht ge­ge­ben. Händ­ler und Au­to­bau­er müs­sen den vier Jah­re al­ten Schum­mel-Golf zu­rück­neh­men.

Der Klä­ger aus Os­na­brück hat­te 2013 bei ei­nem Au­to­händ­ler ei­nen Jah­res­wa­gen (VW Golf 1,6 Li­ter, TDI) zum Preis von 17 330 Eu­ro ge­kauft. Das Au­to hat­te beim Kauf 9761 Ki­lo­me­ter auf dem Ta­cho. Als 2015 der Die­selskan­dal auf­flog, er­klär­te der Kun­de sei­nen Rück­tritt vom Kauf­ver­trag.

Die 5. Zi­vil­kam­mer des Land­ge­richts gab dem Kun­den recht (Ak­ten­zei­chen 5 O 1198/16). Das Fahr­zeug ha­be ei­nen Sach­man­gel auf­ge­wie­sen, ent­schied die Zi­vil­kam­mer. Das Schum­mel­pro­gramm ha­be da­für ge­sorgt, dass die Eu­ro-5-Grenz­wer­te zwar auf dem Prüf­stand, aber nicht im rea­len Be­trieb ein­ge­hal­ten wor­den sei­en. Der Au­to­bau­er ha­be sit­ten­wid­rig ge­han­delt und dem Kun­den vor­sätz­lich ei­nen Scha­den zu­ge­fügt, so das Ge­richt.

Der Kun­de kann das Au­to ab­ge­ben und er­hält sein Geld zu­rück – ab­züg­lich ei­nes Nut­zungs­ent­gel­tes von 4445 Eu­ro. Der Be­sit­zer ist mit dem Golf gut 61 000 Ki­lo­me­ter ge­fah­ren.

Die Zi­vil­kam­mer geht in ih­rer Ur­teils­be­grün­dung da­von aus, dass die Ab­gas­ma­ni­pu­la­ti­on vom da­ma­li­gen Vor­stand des VW-Kon­zerns „an­ge­ord­net oder zu­min­dest ab­ge­seg­net wor­den ist“. Zu­min­dest ha­be der Au­to­bau­er in die­sem Ver­fah­ren nichts zur Auf­hel­lung der Hin­ter­grün­de bei­ge­tra­gen, „was in An­be­tracht des Zeit­ab­laufs seit der Ent­de­ckung der Soft­ware­ma­ni­pu­la­ti­on“und der wirt­schaft­li­chen Be­deu­tung der Ab­gas­af­fä­re für den Kon­zern nicht nach­voll­zieh­bar sei.

Die VW-An­wäl­te hat­ten ar­gu­men­tiert, die Emis­si­ons­wer­te im Stra­ßen­be­trieb sei­en ir­re­le­vant, weil der Ge­setz­ge­ber sich ent­schie­den ha­be, die Grenz­wer­te un­ter La­bor­be­din­gun­gen fest­zu­le­gen. Dem Klä­ger sei au­ßer­dem kein Scha­den ent­stan­den.

Das An­ge­bot von VW, den Golf nach­zu­rüs­ten, muss­te der Kun­de nach Mei­nung des Ge­richts nicht ak­zep­tie­ren, weil es lan­ge va­ge ge­blie­ben war und letzt­lich zu spät kam. Das Ge­richt sagt, VW ha­be den Kun­den mo­na­te­lang im Un­kla­ren ge­las­sen. Dem Käu­fer sei aber ein „Ab­war­ten ins Un­ge­wis­se“nicht zu­mut­bar ge­we­sen. Im Mai 2016 hat­te der Käu­fer sei­nen Rück­tritt vom Kauf er­klärt, erst im Ja­nu­ar 2017 hat­te VW ihm schrift­lich an­ge­bo­ten, ei­ne an­de­re Soft­ware auf­zu­spie­len.

Ju­ris­tisch be­ra­ten wur­de der Os­na­brü­cker Kun­de von der An­walts­kanz­lei Stoll & Sau­er aus Lahr im Schwarz­wald, die sich auf Ab­gas­kla­gen ge­gen VW spe­zia­li­siert hat. Zur­zeit be­ra­ten die Ju­ris­ten aus dem Schwarz­wald nach ei­ge­nen An­ga­ben et­wa 30 000 VW-Kun­den. In et­wa 3000 Fäl­len ha­ben al­lein Stoll & Sau­er Kla­ge er­ho­ben.

40 Kla­gen in Os­na­brück

Beim Land­ge­richt Os­na­brück sind nach An­ga­ben ei­nes Ge­richts­spre­chers et­wa 40 Kla­gen ge­gen VW oder VW-Händ­ler an­hän­gig. „Ten­denz stei­gend“, wie der Spre­cher sag­te. In drei Fäl­len hat es bis­lang ei­ne Ent­schei­dung ge­ge­ben, ge­trof­fen von drei ver­schie­de­nen Zi­vil­kam­mern. Im Ja­nu­ar wur­de ei­ne Kla­ge ge­gen ei­nen Os­na­brü­cker VW-Händ­ler zu­rück­ge­wie­sen, er muss das ver­kauf­te Au­to nicht zu­rück­neh­men. Im Fe­bru­ar gab ei­ne an­de­re Kam­mer der Kla­ge ei­nes Kun­den ge­gen ei­nen Händ­ler aus Bor­ken statt. Und nun das drit­te Ur­teil, auch das zu­guns­ten des Kun­den. „Die Ge­rich­te ur­tei­len im­mer ver­brau­cher­freund­li­cher“, wird Rechts­an­walt Ralf Stoll in ei­ner Stel­lung­nah­me sei­ner Kanz­lei zi­tiert. Er rät VWKun­den, sich zur Wehr zu set­zen, „be­vor En­de 2017 die ers­ten An­sprü­che ver­jäh­ren“.

Die Os­na­brü­cker Ur­tei­le sind nicht rechts­kräf­tig. In vie­len Fäl­len, so be­rich­ten Be­ob­ach­ter, kom­me es zu ei­nem Ver­gleich, ehe die Sa­che in die zwei­te In­stanz ge­tra­gen wer­de.

40 Ver­fah­ren ge­gen VW sind beim Land­ge­richt Os­na­brück an­hän­gig. In drei Fäl­len sind die Ur­tei­le ge­spro­chen. Fo­to: dpa

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