Hier rat­ter­ten einst die Web­stüh­le

We­be­rei Ter­ber­ger pro­du­zier­te bis 1955 an der Lot­ter Stra­ße – dann kam die Po­li­zei

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Das klei­ne Ge­wer­be­ge­biet an der Lot­ter Stra­ße ist Ver­gan­gen­heit. Bus­de­pot und Cel­lu­loid­fa­brik Ha­ge­dorn wi­chen in den letz­ten Jah­ren der Wohn­be­bau­ung. Die Mecha­ni­sche We­be­rei Ter­ber­ger, die sich stadt­aus­wärts an Ha­ge­dorn an­schloss, stell­te schon 1955 die Pro­duk­ti­on ein. Von Joa­chim Dier­ks OS­NA­BRÜCK. Mitt­ler­wei­le tei­len sich die „Tech­ni­schen Fach­diens­te, Fach­be­reich Kfz“und die Au­to­bahn­po­li­zei die Räu­me zwi­schen Lot­ter und Au­gus­ten­bur­ger Stra­ße. Als die Au­to­bahn­wa­che Bis­sen­dorf an der A30 An­fang 2016 auf­ge­ge­ben wur­de und Mensch und Ma­te­ri­al hier­hin zo­gen, wur­de es im zwei­ge­schos­si­gen Bü­ro­trakt en­ger. Zu Strei­fen­fahr­ten auf der A 30 und der A 33 star­ten die Kol­le­gen nun von hier, wäh­rend die A1 im Os­na­brü­cker Ein­zugs­be­reich wei­ter­hin von der Au­to­bahn­wa­che Bram­sche be­treut wird. Lei­ter des über­ge­ord­ne­ten Au­to­bahn­po­li­zei­kom­mis­sa­ri­ats ist Man­fred Tap­ken. „Wir wol­len hier nicht weg, auch wenn wir al­le et­was zu­sam­men­rü­cken muss­ten“, stellt er un­miss­ver­ständ­lich klar. Die A 30 sei über die Auf­fahrt Hel­lern auch von hier aus schnell er­reicht, die an­fäng­li­chen Be­den­ken hät­ten sich er­le­digt.

Den grö­ße­ren Teil der Po­li­zei-Lie­gen­schaft neh­men die Kfz-Werk­stät­ten in den ehe­ma­li­gen Web­sä­len ein. Hier wer­den Po­li­zei­au­tos aus der ge­sam­ten Po­li­zei­di­rek­ti­on, die bis zur Nord­see reicht, re­pa­riert – bis hin zu Ka­ros­se­rie­und La­ckier­ar­bei­ten, wenn es mal wie­der wie bei „Alarm für Co­bra 11“ge­schep­pert hat. Auch po­li­zei­spe­zi­fi­sche Ein­grif­fe wie et­wa an der Funk­aus­rüs­tung, die man nicht gern pri­va­ten Werk­stät­ten über­lässt, wer­den hier vor­ge­nom­men.

Zu Zei­ten, als die Po­li­zei noch zu Fuß kam, be­gann Al­bert Ter­ber­ger 1849 in Wes­ter­kap­peln, Lei­nen bei den Bau­ern ein­zu­sam­meln und da­mit Han­del zu trei­ben. 1854 ver­än­der­te er sich nach Os­na­brück. Mit Kom­pa­gnon Prins zu­sam­men be­grün­de­te er 1854 ei­ne Hand­lung für „Co­lo­ni­al- und Ma­nu­fac­turWaa­ren“in der Gro­ßen Stra­ße 40. Die Ge­schäf­te lie­fen wohl nicht so, wie Ter­ber­ger sich das vor­ge­stellt hat­te. Um nicht mehr von den Lau­nen der Her­stel­ler ab­hän­gig zu sein, be­schloss er, sel­ber ei­ner zu wer­den. Er kauf­te das Grund­stück an der Lot­ter Stra­ße und be­gann um 1880 mit der Auf­stel­lung von Web­stüh­len für die Lein­wand­pro­duk­ti­on. Nach er­folg­rei­chem Start ver­grö­ßer­te er die Be­triebs­ge­bäu­de und gab ih­nen 1892 die Back­stein­ge­stalt, die bis heu­te in den Au­ßen­mau­ern er­hal­ten ist.

Ein Mit­ar­bei­ter, der es spä­ter zu An­se­hen und Ver­mö­gen brin­gen soll­te, war Ju­li­us Hey­win­kel. In den 1890erJah­ren ging er bei Ter­ber­ger in die Leh­re. Er er­warb hier den Grund­stock sei­nes web­tech­ni­schen Fach­wis­sens, das er Jah­re da­nach in die ei­ge­ne Fa­b­ri­ka­ti­on von Zel­ten, Ab­deck­pla­nen, Stof­fen für Au­to­sit­ze und Ca­brio-Dä­chern ein­brach­te. Der Au­to­bau­er Kar­mann war sein größ­ter Kun­de.

Fir­men­grün­der Al­bert Ter­ber­ger (1823–1894) über­gab die Ge­schäf­te an sei­nen Sohn Fried­rich (1860–1931). In drit­ter Ge­ne­ra­ti­on wa­ren es die Zwil­lin­ge Theo (1903– 1983) und Al­bert Ter­ber­ger (1903–1987), die die Pro­duk­ti­on in der Zwi­schen­kriegs­zeit aus­bau­ten. Die Schä­den im letz­ten Krieg wa­ren ge­ring, so­dass die Her­stel­lung von Lei­nen-, Halb­lei­nen­und Baum­woll­pro­duk­ten wie Bett­wä­sche, Ti­sch­wä­sche und Ge­schirr­tü­cher nach 1945 mit bis zu 80 Mit­ar­bei­tern schnell wie­der an­lief. 1949 wur­de das hun­dert­jäh­ri­ge Be­ste­hen des Ge­schäfts auf­wen­dig ge­fei­ert. Al­le Ar­beits­plät­ze wa­ren mit Blu­men und Tan­nen­grün ge­schmückt, Fo­to­graf Kolt­zen­burg hielt Ge­bäu­de und Ar­beits­plät­ze in ei­ner Fo­to­se­rie fest. Im glei­chen Jahr wur­de Al­bert Ter­ber­ger als ei­ner der Ver­tre­ter der vier­ten Ge­ne­ra­ti­on ge­bo­ren. Der heu­te 67jäh­ri­ge Kunst­stoff­händ­ler hat nur noch ganz schwa­che Kind­heits­er­in­ne­run­gen an lär­mer­füll­te Hal­len mit rat­tern­den Web­stüh­len. Denn 1955 stell­te die Fir­ma den Be­trieb ein. „Va­ter und On­kel hat­ten früh­zei­tig er­kannt, dass ge­gen Bil­lig­im­por­te kein Blu­men­topf zu ge­win­nen war, und ver­kauf­ten recht­zei­tig“, stellt er rück­bli­ckend fest.

Käu­fer der Im­mo­bi­lie war das Land Nie­der­sach­sen, das ab 1960 hier die Vor­aus­set­zun­gen für den Ein­zug von Po­li­zei­ga­ra­gen schuf. Mehr­fach wur­de um­ge­baut und mo­der­ni­siert. Der jetzt er­reich­te Stand ei­ner zeit­ge­mä­ßen Werk­statt-In­fra­struk­tur wä­re an an­de­rer Stel­le nicht für klei­nes Geld neu zu schaf­fen. Das ist ei­ner der Grün­de, wes­halb das Land nicht auf den Wunsch der Stadt ein­ging, ihr das Po­li­zei-Are­al zu über­las­sen. Nach den Vor­stel­lun­gen der Stadt soll­te es in das Sa­nie­rungs­ge­biet „Quar­tier Lot­ter Stra­ße/ Ernst-Sie­vers-Stra­ße“ein­be­zo­gen und ana­log dem Stadt­wer­ke- und dem Ha­ge­dorn-Ge­län­de Teil der städ­te­bau­li­chen Ent­wick­lung „Mit­te-West“wer­den. Die grün­der­zeit­li­chen Au­ßen­mau­ern der Ter­ber­ger’ schen We­be­rei stan­den da­bei in kei­nem Fall zur Dis­po­si­ti­on. Sie gel­ten als „er­hal­tens­wert“, was ei­ne Schutz­ka­te­go­rie un­ter­halb des ein­ge­tra­ge­nen Denk­mal­schut­zes be­deu­tet. „Wir be­kom­men ver­mit­telt, dass die neu­en Nach­barn im Bau­ge­biet Mit­te-West zu­neh­mend dank­bar sind für den ‚Po­li­zei­schutz‘ “, kom­men­tiert der Ers­te Haupt­kom­mis­sar Tap­ken das ge­stie­ge­ne Si­cher­heits­be­dürf­nis der Be­völ­ke­rung.

Gro­ße über­re­gio­na­le Auf­merk­sam­keit er­hielt die Po­li­zei­sta­ti­on Au­gus­ten­bur­ger Stra­ße, als im Ja­nu­ar ein be­gna­de­ter Po­li­zei-Blog­ger Hu­mor be­wies und über die so­zia­len Me­di­en das „Falsch­par­ken“ei­nes klei­nen ro­ten Bob­by­cars vor der Schran­ke der Sta­ti­on „an­zeig­te“. Dut­zen­de Me­di­en in ganz Deutsch­land lie­ßen ih­re Le­ser schmun­zeln, als es schließ­lich über den drei­jäh­ri­gen Jim hieß: „Falsch­par­ker stellt sich! Of­fen­bar war er dem im­men­sen Fahn­dungs­druck nicht mehr ge­wach­sen.“

Die Süd­oste­cke der We­be­rei Ter­ber­ger im Jahr 1949. Der „Turm“be­her­berg­te un­ten das Kon­tor und oben die Meis­ter­woh­nung. Ganz links das Kes­sel­haus mit Dampf­ma­schi­ne und Schorn­stein. Fo­to: Kolt­zen­burg, Ar­chiv Ter­ber­ger

Das Au­to­bahn­po­li­zei­kom­mis­sa­ri­at ist heu­te in dem zwei­ge­schos­si­gen Bü­ro­trakt un­ter­ge­bracht. Fo­to: Joa­chim Dier­ks

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.