In­dus­trie­kul­tur zum An­fas­sen

Mu­se­um im Ha­se­schacht­ge­bäu­de prä­sen­tiert neue Dau­er­aus­stel­lung – Kin­der­spur als ro­ter Fa­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Von San­dra Dorn

Das Os­na­brü­cker Mu­se­um In­dus­trie­kul­tur hat sei­ne Dau­er­aus­stel­lung im Ha­se­schacht­ge­bäu­de auf links ge­zo­gen. Das neue Kon­zept ist kom­plett auf Kin­der aus­ge­rich­tet – und für Er­wach­se­ne nicht min­der span­nend. OS­NA­BRÜCK. Wer sich im Ha­se­schacht­ge­bäu­de über die Ent­wick­lung des Pies­bergs, über Koh­le- und St­ein­ab­bau und die in­dus­tri­el­le Ge­schich­te Os­na­brücks in­for­mie­ren möch­te, fin­det kei­ne tro­cke­nen In­fo­ta­feln vor, son­dern muss Schub­la­den auf­zie­hen, auf Knöp­fe drü­cken und Hö­rer in die Hand neh­men – auch als Er­wach­se­ner. Eta­ge für Eta­ge ha­ben die Mu­se­ums­ver­ant­wort­li­chen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wäh­rend des lau­fen­den Be­triebs über­ar­bei­tet. Jetzt sind sie so gut wie fer­tig. Die Pla­nun­gen be­gan­nen schon im Sep­tem­ber 2011.

Die Kin­der­spur mit 45 Sta­tio­nen zum An­fas­sen bil­det den ro­ten Fa­den – und war der An­lass, über­haupt ein Kon­zept für die Dau­er­aus­stel­lung zu ent­wi­ckeln. „Wir ha­ben ver­sucht, als Mu­se­um ei­nen neu­en Weg zu ge­hen“, er­klärt Mu­se­ums­di­rek­tor Rolf Spil­ker. „Wir ma­chen nicht wie vie­le an­de­re Mu­se­en ‚mal was für Kin­der‘ “, so Spil­ker: „Hier ist die Mu­se­ums­päd­ago­gik kein Spiel­bein, son­dern ein Stand­bein.“„Es gab schon im­mer viel zu se­hen, aber ein Ge­samt­kon­zept fehl­te“, sagt Franz-Jo­sef Hil­le­brandt, Vor­sit­zen­der des Ku­ra­to­ri­ums der Boh­nen­kamp-Stif­tung, die Haupt­geld­ge­ber da­für war. 225000 Eu­ro von ver­schie­de­nen Stif­tun­gen und Ver­ei­nen so­wie 48000 Eu­ro Ei­gen­mit­tel flos­sen in die Dau­er­aus­stel­lung.

Sen­dung mit der Maus

Der Rund­gang star­tet auf der obers­ten, drit­ten Ebe­ne – und zwar im Hier und Heu­te. Aus­ge­stellt ist et­wa ein Rei­fen der Las­ter, die ak­tu­ell durch den St­ein­bruch fah­ren, wo die Fir­ma Cemex noch die nächs­ten 15 bis 20 Jah­re Pies­ber­ger Kar­bon­quar­zit ab­bau­en wird. Mit ei­ner Ta­schen­lam­pe kön­nen Kin­der und Er­wach­se­ne in klei­ne Höh­len leuch­ten, in de­nen sich Mo­del­le der Am­phi­bi­en ver­ber­gen, die im St­ein­bruch le­ben. Der Kar­bon­quar­zit und wie er heu­te vor al­lem im Stra­ßen­bau zum Ein­satz kommt, ist eben­falls aus­ge­stellt – und darf an­ge­fasst wer­den. „Wir set­zen ein biss­chen auf den ‚Sen­dung mit der Maus‘-Ef­fekt“, sagt Spil­ker. El­tern sol­len mit ih­ren Kin­dern zu­sam­men das Mu­se­um be­su­chen und er­le­ben – und das scheint zu funk­tio­nie­ren. „Die be­schäf­ti­gen sich mit­ein­an­der, und das stun­den­lang“, sagt die Ku­ra­to­rin und wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin Bar­ba­ra Kah­lert. Sie küm­mer­te sich um die Um­set­zung der The­men in an­schau­li­che Ex­po­na­te und Er­klä­run­gen.

Al­le Ex­po­na­te be­fin­den sich auf Stahl­re­ga­len – ähn­lich de­nen, die auch in den De­pots des Mu­se­ums zu fin­den sind –, die In­fos in Holz­schub­la­den. Be­su­cher er­fah­ren an­hand ei­nes Vi­de­os, was die Berg­bau­ar­bei­ter beim Gestein­ab­bau noch in den 1950er-Jah­ren mit rei­ner Mus­kel­kraft leis­ten muss­ten.

Wie der har­te Kar­bon­quar­zit und die Koh­le­f­löz­schich­ten im Pies­berg in Mil­lio­nen von Jah­ren geo­lo­gisch über­haupt zu­stan­de ka­men, das er­fah­ren Be­su­cher ei­ne Ebe­ne tie­fer, wie genau sie dem Berg wie­der ab­ge­run­gen wur­den, eben­falls. Auch hier: kei­ne tro­cke­nen Er­klä­run­gen, son­dern schwe­re St­ein­klop­fer zum An­fas­sen und ein Pies­berg zum Zu­sam­men­puz­zeln. Und noch ei­ne Ebe­ne tie­fer, im ers­ten Ober­ge­schoss, the­ma­ti­siert das Mu­se­um, wie die In­dus­tria­li­sie­rung in Os­na­brück Ein­zug hielt: erst mit Wind- und Was­ser­kraft, spä­ter mit Dampf­ma­schi­nen und ei­nen An­schluss ans Ei­sen­bahn­netz.

Na­gel­neu rie­chen Schub­la­den und Re­ga­le in der Sek­ti­on, die schließ­lich die Kehr­sei­ten der Früh­in­dus­tria­li­sie­rung the­ma­ti­siert: Laut war es in Os­na­brück, wohl noch lau­ter als heu­te. Auf dem Grund­stück hin­ter dem heu­ti­gen Ka­chel­haus am Ne­u­markt et­wa be­fand sich ei­ne Na­gel­fa­brik. Per Knopf­druck star­tet ein Film mit Ton, der zeigt, wie in solch ei­ner Fa­b­rik Nä­gel ent­ste­hen – im Raum wird es laut. Ei­ne lie­be­voll ge­stal­te­te Animation ver­deut­licht auf ei­nem Touch­screen au­ßer­dem, um wie vie­les De­zi­bel lau­ter ein Zug ist als flüs­tern­de Men­schen.

Wer dann noch Zeit hat, kann sich im Erd­ge­schoss die seit 1997 dort ste­hen­de mecha­ni­sche Werk­statt vor­füh­ren las­sen oder im Fahr­stuhl in den 30 Me­ter tief lie­gen­den al­ten Stol­len fah­ren.

Of­fi­zi­el­le Er­öff­nung der Dau­er­aus­stel­lung ist am Mu­se­ums­tag am Sonn­tag, 21. Mai, um 11 Uhr. Das Mu­se­um In­dus­trie­kul­tur (Fürs­ten­au­er Weg 171) ist an­sons­ten zur­zeit mitt­wochs bis sonn­tags von 10 bis 18 Uhr ge­öff­net.

Die in­ter­ak­ti­ve Dau­er­aus­stel­lung im Mu­se­um In­dus­trie­kul­tur wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren suk­zes­si­ve um­ge­stal­tet und trägt die Hand­schrift von Ku­ra­to­rin Bar­ba­ra Kah­lert. Fo­to: Micha­el Gründel

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