Wen Lu­ther be­ein­fluss­te

Na­tio­na­le Aus­stel­lung in Wit­ten­berg zeigt 95 Men­schen, auf die der Re­for­ma­tor Ein­druck ge­macht hat

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Klaus Grim­berg

Die Aus­stel­lung „Lu­ther! 95 Schät­ze – 95 Men­schen“in Wit­ten­berg the­ma­ti­siert, wie Lu­ther mit dem Glau­ben rang – und die Men­schen mit ihm. WIT­TEN­BERG. „Win­ne­tou ist ein Christ“, be­haup­tet Schrift­stel­ler Karl May. „Wie da je­des Wort nach Mu­sik ruft“, ju­bi­liert Kom­po­nist Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy. Und Preu­ßen-Kö­nig Fried­rich Wil­helm I. ver­merkt: „Der lie­be Gott hat Euch auf den Thron ge­setzt, nicht zu fau­len­zen, son­dern zu ar­bei­ten.“Nur drei Zi­ta­te von drei Men­schen im Kon­text Mar­tin Lu­ther – doch schon be­ginnt die Dis­kus­si­on: War­um war es dem Wild-West-Ro­man­ti­ker May so wich­tig, den In­dia­ner auf dem Ster­be­bett zum Chris­ten­tum zu be­keh­ren? Wie­so fühl­te sich das mu­si­ka­li­sche Wun­der­kind Men­dels­sohn Bar­thol­dy so sehr hin­ge­zo­gen zu sprach­li­cher Wort­ge­walt? Wo­her stammt das stren­ge Ar­beits­ethos des Sol­da­ten­kö­nigs?

Drei Men­schen von un­ge­zähl­ten Mil­lio­nen, auf die Mar­tin Lu­ther in den zu­rück­lie­gen­den 500 Jah­ren tie­fen Ein­druck ge­macht hat. Und drei von 95 Men­schen, die in der drit­ten Na­tio­na­len Son­der­aus­stel­lung zum Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um im Au­gus­te­um der Lu­ther­stadt Wit­ten­berg ge­gen­über­ge­stellt wer­den. Die­se 95 Men­schen ver­bin­det al­le ei­ne be­son­de­re Be­zie­hung zum gro­ßen Re­for­ma­tor: Man­che ver­eh­ren, an­de­re ver­ach­ten ihn, wie­der an­de­re ar­bei­ten sich ihr Le­ben lang an sei­nen Schrif­ten ab. Lu­ther be­freit und be­engt, er in­spi­riert und schüch­tert ein. Nur ei­nes macht er nicht: Er lässt nie­man­den kalt.

Die Aus­stel­lung ver­eint 95 sehr per­sön­li­che Hal­tun­gen zu Lu­ther, aus ganz un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven. In­mit­ten all die­ser Po­si­tio­nen steht der Be­su­cher als 96. Mensch, der sich selbst ver­or­ten muss: Wo ste­he ich? Was hat Lu­ther mir zu sa­gen? Wo über­zeugt er mich, wo stößt er mich ab? Man fin­det Ver­bün­de­te und Geg­ner im Geis­te un­ter den 95 Prot­ago­nis­ten, man trifft auf be­kann­te und über­ra­schen­de Blick­win­kel. Ge­wiss: Grö­ßen der deut­schen Geis­tes- und Kul­tur­ge­schich­te wie Goe­the, Nietz­sche oder Cas­par Da­vid Fried­rich konn­te man in ei­ner sol­chen Aus­stel­lung er­war­ten. Aber App­le-Mas­ter­mind Ste­ve Jobs? Oder gar Whist­le-Blo­wer Ed­ward Snow­den? Was ha­ben sie mit Lu­ther zu tun? Mehr, als man auf den ers­ten Blick er­war­tet.

Un­ter ver­schie­de­nen Über­schrif­ten wie „Ver­kün­di­gung“oder „Di­enst“, „Ge­setz“oder „Ge­wis­sen“sind die 95 Men­schen zu klei­ne­ren Grup­pen zu­sam­men­ge­fasst. Je­de die­ser Grup­pen wirkt wie ei­ne Dis­kus­si­ons­run­de, in der kon­tro­vers über Lu­thers Leh­re und Ein­fluss de­bat­tiert wird. Der Be­trach­ter ist auf­ge­ru­fen, in die Dis­kus­si­on ein­zu­stei­gen, mit Freun­den und Fa­mi­lie, viel­leicht so­gar mit an­de­ren Aus­stel­lungs­be­su­chern. Hier wird pro­vo­ziert zum Ge­spräch, zu Re­de und Ge­gen­re­de – und sei es nur zur stil­len Aus­ein­an­der­set­zung mit den prä­sen­tier­ten Män­nern und Frau­en, die je­weils über ein cha­rak­te­ris­ti­sches Ex­po­nat nä­her vor­ge­stellt wer­den. Bei Karl May ist es Win­ne­tous Sil­ber­büch­se, bei Men­dels­sohn Bar­thol­dy die Par­ti­tur ei­nes Lu­ther-Cho­rals, bei Fried­rich-Wil­helm I. ein Lehn­stuhl aus sei­nem be­rühm­ten Ta­baks­kol­le­gi­um.

Der ers­te Teil der Wit­ten­ber­ger Aus­stel­lung, die „95 Schät­ze“, ist hin­ge­gen weit­aus klas­si­scher ge­stal­tet. Er il­lus­triert am Bei­spiel zeit­ge­nös­si­scher Ge­mäl­de und Skulp­tu­ren, Bü­cher und Schrif­ten Lu­thers Weg vom zwei­feln­den Mönch zum rast­lo­sen Re­for­ma­tor. Hier geht es dar­um, die re­li­giö­se Geis­tes- und Ge­dan­ken­welt im Spät­mit­tel­al­ter zu vi­sua­li­sie­ren. Lu­ther be­geg­net dem Glau­ben in ei­ner At­mo­sphä­re der Angst vor ir­di­schen und himm­li­schen Stra­fen, vor Pest und Tod, vor Fe­ge­feu­er und Ver­damm­nis. Am Bei­spiel her­aus­ra­gen­der Leih­ga­ben aus ganz Eu­ro­pa wird die­se all­ge­gen­wär­ti­ge Furcht ge­ra­de­zu spür­bar.

Der Be­trach­ter er­lebt dann, wie Lu­ther in ei­nem zä­hen Rin­gen mit der Kir­che und sich selbst zu ei­ner in­ne­ren und so­mit auch zu ei­ner re­li­giö­sen Be­frei­ung fin­det: Das Wort der Bi­bel al­lein wird für ihn ent­schei­dend, nicht die Ver­mitt­lung des Glau­bens durch Wür­den­trä­ger oder „äu­ße­re Wer­ke“wie den Ablass­han­del. An­hand her­aus­ra­gen­der Ex­po­na­te wird er­zählt, wie Lu­ther den gnä­di­gen Chris­tus für sich ent­deckt, was er als Mün­dig­wer­den ge­gen­über der be­ste­hen­den Kir­che emp­fin­det. Die­se Mün­dig­keit will er durch die Über­set­zung des Neu­en Tes­ta­ments ins Deut­sche al­len Gläu­bi­gen zu­bil­li­gen – so en­det der ers­te Aus­stel­lungs­teil mit dem Jahr 1522. Im Teil „95 Men­schen“wird dann da­nach ge­fragt, wie Lu­thers Schrif­ten in der Welt ge­wirkt ha­ben, durch die Jahr­hun­der­te hin­durch.

Schwer vor­stell­bar, die­se bei­den klug auf­ein­an­der be­zo­ge­nen Aus­stel­lungs­tei­le mit Kin­dern zu be­su­chen. Doch auch dar­an ha­ben die Ku­ra­to­ren ge­dacht: Im drit­ten Stock ent­führt Lu­thers Hund Töl­pel in ei­ner wun­der­ba­ren Mit­mach­aus­stel­lung in den Le­bens- und Glau­bens­all­tag am Be­ginn des 16. Jahr­hun­derts. Un­ter dem Ti­tel „Der Mönch war’ s“kön­nen Kin­der un­ter päd­ago­gi­scher Be­treu­ung in ent­fern­te Zei­ten ein­tau­chen, wäh­rend sich die El­tern mit den Wir­kun­gen von Lu­thers Leh­re be­schäf­ti­gen. So wird der Be­such in Wit­ten­berg zu ei­nem Lu­ther­tag für die gan­ze Fa­mi­lie.

Der The­sen­an­schlag ver­bin­det Mar­tin Lu­ther King mit sei­nem Na­mens­pa­tron. 1966 pran­ger­te der Bür­ger­recht­ler da­mit die mi­se­ra­ble Wohn­si­tua­ti­on der Men­schen im Schwar­z­en­get­to in Chi­ca­go an. Fo­to: John Tweedle Foun­da­ti­on/Po­well Photography

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