Ga­b­ri­el warnt Tür­kei vor „Er­pres­sung“

Au­ßen­mi­nis­ter: Gren­ze des Er­träg­li­chen er­reicht

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Bea­te Ten­fel­de

Die Tür­kei „beißt auf Gra­nit“, wenn sie die Bun­des­re­gie­rung durch ein Be­suchs­ver­bot für Ab­ge­ord­ne­te bei Bun­des­wehr­sol­da­ten im tür­ki­schen In­cir­lik „er­pres­sen“wol­le. Das hat Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on klar­ge­stellt. Bil­dung steht im Mit­tel­punkt des Deut­schen Stif­tungs­tags in Os­na­brück, bei dem sich Stif­tun­gen mit Po­li­tik und Wirt­schaft aus­tau­schen. Wel­che zen­tra­le Bot­schaft ha­ben Sie als Au­ßen­mi­nis­ter an den drei­tä­gi­gen Kon­gress?

Zu­nächst will ich sa­gen, dass ich sehr gern zum Stif­tungs­tag nach Os­na­brück ge­kom­men wä­re, aber das hat we­gen mei­ner zeit­glei­chen Abrei­se zu ei­nem Be­such in die USA und Me­xi­ko lei­der nicht ge­klappt. Zu Ih­rer Fra­ge: Das Aus­wär­ti­ge Amt führt seit 2015 als ers­te staat­li­che In­sti­tu­ti­on in Deutsch­land ei­nen stra­te­gi­schen Dia­log mit pri­va­ten und ge­mein­nüt­zi­gen Stif­tun­gen, die sich in­ter­na­tio­nal en­ga­gie­ren. An­ge­sichts ei­ner Welt im Um­bruch mit ei­ner Viel­zahl von Kon­flik­ten geht es dar­um, die Stif­tun­gen, die über un­glaub­lich gu­te Netz­wer­ke und Ex­per­ti­se ver­fü­gen, noch stär­ker in un­se­re au­ßen­po­li­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­zu­bin­den. Vie­le er­folg­rei­che Pro­jek­te, die in pri­vat-öf­fent­li­cher Part­ner­schaft durch­ge­führt wur­den, zei­gen mir, wie wich­tig und wie wert­voll die­se Part­ner­schaf­ten sind. Das will ich aus­bau­en.

Vier gro­ße Bil­dungs­stif­tun­gen for­dern ei­ne Qua­li­täts­of­fen­si­ve für Ganz­tags­schu­len. Sie stim­men zu?

Wenn es nach mir gin­ge, hät­ten wir in Deutsch­land ei­nen Rechts­an­spruch auf Ganz­tags­be­treu­ung. Das ist üb­ri­gens nicht gleich­be­deu­tend mit der Pflicht zur Ganz­tags­schu­le. Aber dort, wo sie von den El­tern für ih­re Kin­der ge­wünscht wird oder wo wir ak­tiv An­ge­bo­te ma­chen müs­sen, weil Bil­dungs­fer­ne in­zwi­schen wie­der ver­erbt wird, da brau­chen wir Ganz­tags­schu­len. Die­se Schu­le ist et­was an­de­res als die Ver­län­ge­rung des Vor­mit­tags­un­ter­richts in den Nach­mit­tag. Son­dern an ihr sind So­zi­al­päd­ago­gen, Sport- und Thea­ter­päd­ago­gen ge­nau­so tä­tig wie Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter der Sport­ver­ei­ne oder an­de­rer Ver­bän­de und Ver­ei­ne. Sie al­le sind nicht ein „Add on“, wie man heu­te manch­mal an ei­ne Halb­tags­schu­le ei­ne hal­be So­zi­al­ar­bei­ter­stel­le hängt, son­dern sie sind gleich­be­rech­tig­ter und gleich wich­ti­ger Teil der Schu­le zu­sam­men mit den Lehr­kräf­ten. Gu­te Ganz­tags­schu­len sind päd­ago­gi­sche Ge­samt­kunst­wer­ke. Sie ver­mit­teln Bil­dung und Er­zie­hung zu Kom­pe­tenz und Ori­en­tie­rung. Und genau das brau­chen wir heu­te mehr denn je.

Müss­ten Ih­rer Mei­nung nach al­le Schu­len zu Ganz­tags­schu­len wer­den?

Ich hät­te nichts da­ge­gen. Aber so et­was braucht Zeit. Und kos­tet auch viel Geld. Um es of­fen zu sa­gen: Ich fin­de, statt jetzt in den Wahl­kämp­fen gro­ße Steu­er­sen­kun­gen oder an­de­re Ver­spre­chun­gen zu ma­chen, braucht Deutsch­land ei­nen „gol­de­nen Plan“für sei­ne Schu­len. Da ist das Geld am bes­ten auf­ge­ho­ben. Wenn jetzt nach dem Wahl­sieg von CDU und FDP in Nord­rhein-West­fa­len­schon wie­der der Ruf nach Steu­er­sen­kun­gen für be­son­ders Wohl­ha­ben­de laut wird, De­re­gu­lie­rung und we­ni­ger In­ves­ti­tio­nen ge­for­dert wer­den, dann fal­len wir zu­rück in den Still­stand der Bil­dungs­po­li­tik in Deutsch­land, den wir un­ter der „schwarz­gel­ben“Re­gie­rung von CDU und FDP zwi­schen 2009 und 2013 hat­ten. Des­halb ist der Deutsch­land­plan des SPDKanz­ler­kan­di­da­ten Mar­tin Schulz ein gu­tes Ge­gen­mo­dell. Wenn der Bun­des­tags­wahl­kampf sich um die bes­ten Kon­zep­te für Bil­dung dre­hen wür­de, wä­re es gut.

Wo soll­te man an­set­zen?

Ich fän­de es ei­nen gu­ten Schritt, dort zu be­gin­nen, wo wir auf­grund der So­zi­al­struk­tu­ren viel zu vie­le Kin­der auf dem Weg in ei­ne gu­te Bil­dung und Aus­bil­dung ver­lie­ren. So sehr wir in Deutsch­land auf­grund des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels auch auf Zu­wan­de­rung an­ge­wie­sen sind, so sehr müs­sen wir uns doch zu­erst um die Kin­der und Ju­gend­li­chen küm­mern, die schon hier sind.

Und die ma­ro­den Schu­len?

In den Stadt­tei­len mit den größ­ten so­zia­len Pro­ble­men müs­sen die bes­ten und üb­ri­gens auch die schöns­ten Schu­len ste­hen. Sie müs­sen im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes „be­greif­bar“ma­chen, dass Bil­dung et­was wert ist in un­se­rer Ge­sell­schaft. Das ist ei­ne Fra­ge von Chan­cen­gleich­heit und so­zia­ler Ge­rech­tig­keit. Wir brau­chen in Deutsch­land ei­ne bil­dungs­po­li­ti­sche Wen­de. In kaum ei­nem Land ist Bil­dung so stark ab­hän­gig von der so­zia­len Her­kunft. Klar, in die Be­treu­ung und Aus­bil­dung un­se­rer Kin­der zu in­ves­tie­ren kos­tet Geld. Aber noch teu­rer ist, zu we­nig Kin­der zu ha­ben und dann auch noch zu we­nig gut aus­ge­bil­de­te.

Die Tür­kei hat Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten er­neut ei­nen Be­such bei den deut­schen Sol­da­ten auf dem Luft­waf­fen­stütz­punkt In­cir­lik un­ter­sagt. Be­für­wor­ten Sie ei­ne Ver­le­gung nach Jor­da­ni­en?

Der Ein­satz der Bun­des­wehr, der deut­schen Par­la­ments­ar­mee, ist ein wich­ti­ger Bei­trag im Kampf ge­gen den IS – die­ses In­ter­es­se ha­ben nicht nur wir, son­dern auch wich­ti­ge Nato-Part­ner, wie et­wa die USA. Die­se Sta­tio­nie­rung als po­li­ti­sches Pfand aus­zu­spie­len, wie die Tür­kei es of­fen­bar vor­hat, kann nur nach hin­ten los­ge­hen. Wer ver­sucht, uns da­zu zu er­pres­sen, dass deut­sche Grund­recht auf Asyl zu miss­ach­ten, und nur dann un­se­re Ab­ge­ord­ne­ten zur Bun­des­wehr ins Land lässt, wenn wir po­li­ti­sche Flücht­lin­ge der Haft und der Fol­ter aus­set­zen, der wird bei uns auf Gra­nit sto­ßen. Dar­auf ha­ben wir uns in der Ver­gan­gen­heit nicht ein­ge­las­sen, und dar­auf wer­den wir auch künf­tig nicht ein­ge­hen.

Das heißt genau?

Wenn ei­ne ver­nünf­ti­ge Ar­beit von In­cir­lik aus nicht mehr mög­lich ist – und da­zu ge­hört nun ein­mal auch, dass die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten ih­re Sol­da­ten be­su­chen kön­nen –, dann müs­sen wir Al­ter­na­ti­ven ins Au­ge fas­sen. Wir ha­ben in den letz­ten Mo­na­ten wirk­lich al­les ge­tan, um die Tü­ren für die Tür­kei nicht zu­zu­schla­gen. Wir ha­ben uns be­lei­di­gen las­sen und im­mer wie­der ver­sucht, auf die tür­ki­sche Re­gie­rung zu­zu­ge­hen. Aber wenn jetzt stän­dig deut­sche Staats­bür­ger mit nicht nach­voll­zieh­ba­ren Vor­wür­fen in Haft kom­men, ih­nen die kon­su­la­ri­sche Be­treu­ung ver­wei­gert wird, Deut­sche nicht aus­rei­sen dür­fen aus der Tür­kei und nun auch noch das deut­sche Par­la­ment er­presst wer­den soll, ist die Gren­ze des Er­träg­li­chen er­reicht. Ich kann nur hof­fen, dass die tür­ki­sche Re­gie­rung ih­re Mei­nung in den kom­men­den Ta­gen än­dert. Sonst wird der Deut­sche Bun­des­tag si­cher die Sol­da­ten nicht in der Tür­kei las­sen.

Zum Schluss: Sie be­kom­men viel Lob für Ih­re Ar­beit im Au­ßen­amt. Ha­ben Sie die Auf­ga­be Ih­res Le­bens ge­fun­den?

Die Auf­ga­be mei­nes Le­bens sind mei­ne drei wun­der­ba­ren Töch­ter. Aber Sie be­ob­ach­ten schon ganz rich­tig: Die Ar­beit als Au­ßen­mi­nis­ter ist nicht nur ei­ne sehr wich­ti­ge. Sie macht mir auch viel Freu­de.

Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) äu­ßer­te die Er­war­tung, dass die tür­ki­sche Re­gie­rung Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten die Ein­rei­se er­laubt. Fo­to: ima­go/photothek

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.