Der un­be­kann­te Held

Eis­ho­ckey­spie­ler Tif­fels war vor der WM selbst den meis­ten Ex­per­ten kein Be­griff

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Dem bis­lang bes­ten WMSpiel ge­gen Lett­land muss nun ein über­ra­gen­des ge­gen Ka­na­das Eis­ho­ckey-Künst­ler fol­gen. An die­sem Don­ners­tag (20.15 Uhr/Sport1) ist die deut­sche Mann­schaft im Vier­tel­fi­na­le kla­rer Au­ßen­sei­ter. Die Hoff­nun­gen lie­gen auch auf ei­nem jun­gen Mann, der im letz­ten Grup­pen­spiel sei­nen gro­ßen Mo­ment hat­te.

Von Mi­lan Sa­ko

KÖLN. Er­fri­schend ehr­lich, fast schüch­tern gibt sich Fre­de­rik Tif­fels im Sa­lon 15/Bonn des Ma­ri­tim-Ho­tels in Köln. Ei­nen Tag nach sei­nem gro­ßen Auf­tritt bei der Eis­ho­ckey-WM in Köln muss der jun­ge Stür­mer vie­le Fra­gen be­ant­wor­ten. Ob er den Er­folg schon rea­li­siert, ob man ihm schon gra­tu­liert und wel­che Freun­din er hat.

Der Rum­mel um sei­ne Per­son ist neu für ihn: „Völ­lig lo­cker ma­che ich das nicht. Es ist ein un­ge­wohn­tes Ge­fühl. Aber schön.“Mit sei­nem ver­wan­del­ten Pen­al­ty hat ein Auf­stei­ger in der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft den Gast­ge­bern das Tur­nier ge­ret­tet. Tif­fels traf als ein­zi­ger Schüt­ze zum 4:3 ge­gen Lett­land in ei­nem Spiel, das al­les bot, was die­sen Sport aus­zeich­net. Dra­ma­tik, ir­re Wen­dun­gen, ein Aus­gleich Se­kun­den vor Schluss und schließ­lich Ju­bel.

Selbst Mar­co Sturm, der über 1000 NHL-Spie­le be­strit­ten hat, schwärm­te: „Wer heu­te nicht be­geis­tert war, bei dem weiß ich auch nicht. Eis­ho­ckey ist ein­fach ein gei­ler Sport.“Der auch im Fern­se­hen zieht. Im Schnitt sa­hen 1,42 Mil­lio­nen Zu­schau­er das Match in Sport1, und im Pen­al­ty­schie­ßen stei­ger­te sich die Zahl auf 2,28 Mil­lio­nen Men­schen.

Die deut­sche Mann­schaft hat­te sich mit dem Tref­fer zum 3:3 kurz vor Schluss in die Ver­län­ge­rung ge­ret­tet, in der bei­de Teams oh­ne Tor blie­ben. Dann folg­te die gro­ße

Tif­fels-Show. Al­le fünf Schüt­zen wa­ren ge­schei­tert, auch die deut­schen Stars Le­on Drai­saitl und Do­mi­nic Ka­hun. Dann lief der Nie­mand von der Wes­tern-Mi­chi­ganU­ni­ver­si­tät an. „Ich ha­be zwei Va­ri­an­ten im Kopf, ei­ne hat funk­tio­niert“, schil­dert Fre­de­rik Tif­fels die ent­schei­den­de Sze­ne.

Mit dem 4:3 nach Pen­al­ty­schie­ßen steht Deutsch­land im Vier­tel­fi­na­le an die­sem Don­ners­tag. Geg­ner ist der Welt­meis­ter und Olym­pia­sie­ger Ka­na­da – schwe­rer geht es nicht. Mit ei­ner Aus­nah­me bie­ten die Nord­ame­ri­ka­ner aus­schließ­lich NHL-Pro­fis auf. Die deut­sche WM-Bi­lanz ge­gen Ka­na­da ist er­nüch­ternd: zwei Sie­ge, ein Un­ent­schie­den, 32 Nie­der­la­gen. Der letz­te Er­folg ge­lang 1996 in Wi­en mit ei­nem 5:1.

Der Au­ßen­sei­ter macht sich den­noch Mut. „Wir müs­sen ru­hig blei­ben, wir kön­nen auch Eis­ho­ckey spie­len. Wenn wir un­ser Spiel spie­len, dann kön­nen wir auch mit­hal­ten“, meint Tor­wart Phil­ipp Gru­bau­er.

„In ei­nem Spiel ist al­les mög­lich“, sagt Tif­fels, der die schwe­re Auf­ga­be leicht nimmt: „Ich ge­nie­ße je­den Tag hier bei der WM.“Schließ­lich sei Köln sei­ne Hei­mat. Die El­tern kauf­ten sich frü­her Dau­er­kar­ten für die Köl­ner Haie, im Eis­sta­di­on an der Lent­stra­ße ging der jun­ge „Tif­fi“in die Lauf­schu­le. Beim Köl­ner EC wuchs er zu­sam­men mit Le­on Drai­saitl auf, bei­de Jahr­gang 1995. Über den Nach­wuchs in Kre­feld und Mann­heim ging Fre­de­rick Tif­fels schließ­lich nach Nord­ame­ri­ka.

Wer es im Eis­ho­ckey nach ganz oben schaf­fen will, muss sich in den Ju­nio­ren­li­gen jen­seits des At­lan­tiks durch­bei­ßen. An­ge­sichts sei­nes Ta­l­ents bo­ten mehr als zehn Uni­ver­si­tä­ten dem jun­gen Deut­schen ein Sti­pen­di­um an. Der ge­bür­ti­ge Köl­ner ent­schied sich für Wirt­schafts­öko­no­mie an der Mi­chi­gan Sta­te.

Die Ver­trags­rech­te si­cher­te sich der NHL-Klub Pitts­burgh. In den Com­pu­tern der nord­ame­ri­ka­ni­schen Ta­l­ent­spä­her ist der 21-Jäh­ri­ge längst ab­ge­spei­chert, vor der WM frag­ten je­doch selbst deut­sche Na­tio­nal­spie­ler: Fre­de­rik Wer? „Ehr­lich ge­sagt, kann­te ich ihn bis vor Kur­zem gar nicht“, ge­stand Fe­lix Schütz vor dem Tur­nier­start. Sturm be­wies, dass für ihn nicht der Na­me zählt. Ge­gen Lett­land saß der ge­stan­de­ne Na­tio­nal­stür­mer Phi­lip Go­gul­la nur auf der Tri­bü­ne.

Auch im Pen­al­ty­schie­ßen setz­te der Bun­des­trai­ner auf den Cen­ter, ge­gen den Wi­der­stand sei­nes Ko-Trai­ners Ge­off Ward. „Ich ha­be Tif­fi ver­traut, das war schon sen­sa­tio­nell“, lob­te Sturm. In der ent­schei­den­den Sze­ne gab der Nie­der­bay­er drei un­be­küm­mer­ten 21-Jäh­ri­gen das Ver­trau­en. Als Letz­ter lief Tif­fels auf El­vis Merz­li­k­ins zu und schob dem Tor­wart den Puck zwi­schen die Bei­ne.

Noch hat der Na­tio­nal­spie­ler kei­nen Pro­fi­ver­trag, doch sei­ne WM-Auf­trit­te wer­den auf dem Weg zum Be­rufs­spie­ler hel­fen: „Ich glau­be schon, dass die WM mir ei­nen Schub gibt, und sei es nur vom Selbst­ver­trau­en her“, be­ant­wor­tet Tif­fels die Fra­gen in Raum 15 des Ma­ri­tim. Ja, er hat ei­ne Freun­din, die aus der Do­mi­ni­ka­ni­schen Re­pu­blik kommt. Ja, Köl­ner Schul­ka­me­ra­den ha­ben ihm gra­tu­liert. Und ja, so lang­sam rea­li­sie­re er sei­nen Er­folg.

Schoss Deutsch­land ins WM-Vier­tel­fi­na­le: Eis­ho­ckey-Na­tio­nal­spie­ler Fre­de­rik Tif­fels. Fo­to: ima­go/Eib­ner

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