Das Grau­en fass­bar ge­macht

Ol­ga Gr­jas­no­wa stellt Ro­man über sy­ri­sche Flücht­lin­ge vor

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional -

Von Ma­rie-Lui­se Braun

Was ist das für ei­ne Welt, in der ein flüch­ten­der Jun­ge den Tod nicht so sehr fürch­tet wie die Rück­kehr in das Land, in dem er auf­ge­wach­sen ist? Ol­ga Gr­jas­no­wa ver­mag es, genau das zu ver­mit­teln. Mit ih­rem neu­en Ro­man „Gott ist nicht schüch­tern“geht sie mit­ten hin­ein in die Welt der Flücht­lin­ge. Da­bei über­schrei­tet sie Gren­zen. Näm­lich die der Wor­te, die sich in üb­li­chen Be­schrei­bun­gen des As­sa­dRe­gimes auf Sub­stan­ti­ve wie Un­ter­drü­ckung, Ter­ror und Er­mor­dung be­schrän­ken und durch ho­he Zah­len Grau­en­haf­tes noch un­fass­ba­rer er­schei­nen las­sen.

Gr­jas­no­wa macht sol­che Wor­te und Zah­len fass­bar, in­dem sie Nä­he sucht und Amal und Ham­mou­di be­schreibt, die in Sy­ri­en le­ben oder dort­hin zu­rück­keh­ren müs­sen, um sich er­neut aus die­ser Welt zu be­frei­en. Für ih­ren Ro­man hat Gr­jas­no­wa ei­ne sehr schlich­te, sehr nüch­ter­ne Spra­che ge­wählt, durch die sie es ver­mag, bei­spiels­wei­se den Druck, den das As­sad-Re­gime

auf de­mons­trie­ren­de Sy­rer aus­übt, auf­zu­zei­gen und nach­voll­zieh­bar, ja er­leb­bar zu ma­chen.

Der Ro­man wirkt, als wä­re die Er­zäh­le­rin da­bei ge­we­sen. Als hät­te sie di­rekt da­bei ge­stan­den, wäh­rend Amal er­lebt, wie ne­ben ihr ei­ne Frau er­schos­sen wird. Die Welt der Flücht­lin­ge und des Krie­ges in Sy­ri­en hat sich Gr­jas­no­wa ge­öff­net, als sie im Jahr 2013 ih­ren Mann ken­nen­lern­te. Er ist Sy­rer. 2013, das war auch das Jahr, in dem sie ei­gent­lich vor­hat­te, ei­nen Ro­man über Re­stau­rants zu schrei­ben. Das Prak­ti­kum in ei­nem mit Ster­nen de­ko­rier­ten Re­stau­rant in Ba­den-Würt­tem­berg hat­te sie be­reits si­cher – als sich ihr durch die stei­gen­den Flücht­lings­strö­me ein an­de­res The­ma auf­dräng­te.

„Ich wuss­te kaum et­was über Sy­ri­en“, sagt Ol­ga Gr­jas­no­wa. Und so mach­te sie sich an die Re­cher­che. Reis­te in den Li­ba­non, nach Les­bos und At­hen, in die Tür­kei. Sie re­cher­chier­te vor Ort, be­frag­te Flücht­lin­ge und – per Sky­pe – Men­schen in Sy­ri­en. Sie tauch­te per Vi­deo ein in die Ge­scheh­nis­se in und um Da­mas­kus. Und sie las Exil­Li­te­ra­tur aus der und über die Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus.

„Es ist ein Ro­man oh­ne his­to­ri­schen Ab­stand“, be­tont sie. Und es ist si­cher­lich auch kein po­li­ti­scher Ro­man, der den An­spruch hat, Lö­sun­gen auf­zu­zei­gen. Aber es ist ein wich­ti­ger Ro­man, der vor Au­gen führt, wie es in ei­ner Welt zu­geht, von der wir hier weit ent­fernt sind. Ganz oh­ne gro­ße Zah­len. Aber mit stim­mi­gen Sze­nen. Das be­stä­tigt ein Mann, der selbst aus Sy­ri­en ge­flo­hen ist.

Las im Blue No­te aus ih­rem neu­en Ro­man: Ol­ga Gr­jas­no­wa. Fo­to: Jörn Mar­tens

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