Re­zept mit töd­li­cher Do­sis

Drei Ärz­te und ein Apo­the­ker we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung vor Ge­richt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrücker Land -

Ein tra­gi­scher To­des­fall hat Mitt­woch das Os­na­brü­cker Amts­ge­richt be­schäf­tigt: Im Au­gust 2011 ist ei­ne 54-jäh­ri­ge Frau aus Lot­te an Mul­ti­or­gan­Ver­sa­gen ge­stor­ben, nach­dem sie ei­ne von ih­rem Haus­arzt auf Emp­feh­lung ei­nes Herz-Spe­zia­lis­ten ver­ord­ne­te Me­di­ka­ti­on zu sich ge­nom­men hat­te. Die Do­sie­rung war töd­lich.

Von Wolf­gang El­bers

Das Amts­ge­richt hat nach vier­stün­di­ger Haupt­ver­hand­lung die Ver­fah­ren ge­gen drei der An­ge­klag­ten, den Wes­ter­kap­pel­ner Haus­arzt, ei­nen be­tei­lig­ten Ober­arzt aus Kre­feld und so­wie ei­nen Apo­the­ker aus der Re­gi­on nach Pa­ra­graf 153 a Straf­ge­setz ge­gen Geld­auf­la­ge von 10 000 be­zie­hungs­wei­se 7500 Eu­ro ein­ge­stellt. Das Ver­fah­ren ge­gen den Ärzt­li­chen Di­rek­tor ei­nes NRW-Kli­ni­kums, der in ei­nem Arzt­brief die Emp­feh­lung für die Be­hand­lung mit der gif­ti­gen Sub­stanz Col­chi­cin ge­ge­ben hat­te, wur­de ab­ge­trennt, da er nicht mit ei­ner Ein­stel­lung ge­gen Geld­auf­la­ge ein­ver­stan­den war. Schon der Zei­t­raum von mehr als fünf­ein­halb Jah­ren, die zwi­schen dem Ge­sche­hen und dem Ge­richts­ver­fah­ren lie­gen, macht deut­lich, dass es sich um ein Ver­fah­ren han­delt, bei dem die Schuld­fra­ge im Ge­gen­satz zur To­des­ur­sa­che kom­pli­ziert ist. Letz­te­re ist ein­deu­tig: Col­chi­cin-In­to­xi­ka­ti­on – ei­ne gif­ti­ge Sub­stanz, die üb­li­cher­wei­se bei Gicht­an­fäl­len zum Ein­satz kommt, aber auch in der Kar­dio­lo­gie, um Ent­zün­dun­gen am Herz­mus­kel zu be­han­deln. Im Fall der Ver­stor­be­nen ist aber ei­ne töd­li­che Do­sie­rungs­emp­feh­lung ver­ord­net wor­den, die um das Zehn­fa­che über der nor­ma­len Do­sis lag.

Vier St­un­den lang ist am Mitt­woch das Han­deln der drei Ärz­te, die an der Ver­ord­nung des Me­di­ka­ments be­tei­ligt wa­ren, so­wie des Apo­the­kers, der die Re­zep­tur nach der töd­li­chen Do­sie­rungs­emp­feh­lung her­ge­stellt hat, auf­ge­ar­bei­tet wor­den. Beim Be­hand­lungs­feh­ler, der zum Tod der Wer­sene­rin führ­te, ha­ben gleich meh­re­re Feh­ler­quel­len in­ein­an­der­ge­grif­fen. Da ist der 59-jäh­ri­ge Kar­dio­lo­ge, der als Ärzt­li­cher Di­rek­tor ei­nes NRW-Kli­ni­kums gro­ßes An­se­hen ge­nießt und in Kon­takt mit der Pa­ti­en­tin kommt, da er de­ren Le­bens­ge­fähr­ten von frü­her kennt und sich aus al­ter Freund­schaft ein Bild vom nach ei­ner Herz­schritt­ma­cher-OP nicht bes­ser wer­den­den Krank­heits­bild macht. Er emp­fiehlt we­gen der stark ein­ge­schränk­ten Be­las­tungs­fä­hig­keit der Frau dem Haus­arzt als letz­te The­ra­pie-Op­ti­on ei­ne mehr­wö­chi­ge Be­hand­lung mit Col­chi­cin. Be­ab­sich­tigt war ei­ne Do­sis von 0,25 be­zie­hungs­wei­se 0,5 Mil­li­gramm täg­lich. Im Brief fin­den sich aber die An­ga­ben 25 und 50 Mil­li­gramm – ei­ne ab­so­lut töd­li­che Do­sis. Da der Kli­nik-Chef nach dem Dik­tat in Ur­laub ge­fah­ren ist, und der Ober­arzt das Schrei­ben un­ter­zeich­net hat, bleibt un­ge­klärt, ob es sich hier um ei­nen Schreib­feh­ler der Se­kre­ta­rin oder ei­ne fal­sche An­ga­be des Chef­arz­tes han­del­te.

Mit dem hun­dert­fach hö­he­ren Wert der Be­hand­lungs­emp­feh­lung hat der Wes­ter­kap­pel­ner Haus­arzt dann das Re­zept aus­ge­stellt, das die Ein­nah­me von 2 mal 25 Mil­li­gramm des Mit­tels vor­sieht. Der Apo­the­ker wird an­ge­sichts der Do­sis stut­zig. Doch der Arzt vor Ort be­stä­tigt noch ein­mal die un­ge­wöhn­li­che Do­sie­rung. Als sich die Frau am Tag nach der Ein­nah­me der Ta­blet­te we­gen gra­vie­ren­der Ne­ben­wir­kun­gen wie Er­bre­chen und hef­ti­ger Bauch­schmer­zen in ein Os­na­brü­cker Kran­ken­haus be­ge­ben hat, war es be­reits zu spät. Auch In­ten­siv­me­di­zin konn­te sie nicht mehr ret­ten.

„Wir ste­hen hier vor der schwie­ri­gen Fra­ge, in­wie­weit die­se mit­ein­an­der zu­sam­men­hän­gen­den Ab­läu­fe straf­recht­lich auf­ge­ar­bei­tet wer­den kön­nen“, macht die Rich­te­rin deut­lich, als sie aus­lo­te­te, ob sich Staats­an­walt­schaft und die Ver­tei­di­ger der An­ge­klag­ten auf ei­ne Ein­stel­lung nach Pa­ra­graf 153 a ver­stän­di­gen kön­nen. Nach­dem hier erst Be­trä­ge zwi­schen 10000 und 15 000 Eu­ro im Raum stan­den, schlug das Schöf­fen­ge­richt dann ei­ne Hö­he von 7500 und 10 000 Eu­ro vor, die drei An­ge­klag­te ak­zep­tier­ten.

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