Das En­de ei­ner Ära

Fraun­ho­fer In­sti­tut lässt MP3-Li­zen­zen aus­lau­fen und ver­weist auf Al­ter­na­ti­ven

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen - Be­rich­te auf noz.de/di­gi­ta­les

Das Au­dio­for­mat MP3 ist Ge­schich­te – zu­min­dest aus li­zenz­recht­li­cher Sicht: Das Fraun­ho­fer In­sti­tut hat das Li­zenz­pro­gramm nach Aus­lau­fen ei­ni­ger Pa­ten­te be­en­det. Ist da­mit das En­de des einst re­vo­lu­tio­nä­ren Au­dio­codes be­sie­gelt? Was bedeutet das für den Ver­brau­cher?

Von An­na­le­na Klein

OS­NA­BRÜCK. Sei­ne Lieb­lings­mu­sik hö­ren, im­mer und über­all – beim Jog­gen, beim Zel­ten, bei der Bahn­fahrt. Das mach­te das Au­dio­for­mat MP3 mög­lich. Ab 1987 ent­wi­ckel­te das Fraun­ho­fer In­sti­tut mit Sitz in Er­lan­gen zu­sam­men mit der Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-Nürn­burg den Co­dec, der es er­laub­te, Mu­sik zu kom­pri­mie­ren und neu zu spei­chern.

Still und lei­se hat das In­sti­tut nun mit dem Ablauf ei­ni­ger MP3-Pa­ten­te En­de April das Li­zenz­pro­gramm zu­sam­men mit Tech­ni­co­lor be­en­det. Seit mehr als 20 Jah­ren li­zen­zier­te das In­sti­tut sei­ne Tech­no­lo­gie für MP3Play­er und er­laub­te ih­nen so, Mu­sik­da­tei­en in die­sem For­mat ab­zu­spie­len.

Doch seit En­de April ist da­mit Schluss. Dritt­an­bie­ter kön­nen den Co­dec zwar wei­ter­hin ver­wen­den, doch das Fraun­ho­fer In­sti­tut selbst gibt zu, dass es mitt­ler­wei­le qua­li­ta­tiv weit­aus bes­se­re For­ma­te gibt.

Die an­fangs von der Mu­sik­in­dus­trie be­lä­chel­te Vi­si­on der Fraun­ho­fer-Ent­wick­ler, mo­bi­le End­ge­rä­te zum Ab­spie­len der MP3-Songs zu ver­mark­ten, ent­wi­ckel­te sich spä­tes­tens mit dem iPod von App­le zum Welter­folg. Die Er­fin­dung des MP3-Au­dio­for­mats war nicht nur tech­nisch re­vo­lu­tio­när, es war ein kul­tu­rel­les Phä­no­men. Die Art, Mu­sik zu kon­su­mie­ren, ver­än­der­te sich. Man muss­te nicht mehr in den Mu­sik­la­den sei­nes Ver­trau­ens ge­hen, um ei­ne CD zu kau­fen. Ein

gan­zes Al­bum be­zah­len, ob­wohl man nur ei­nen Song wirk­lich gut fin­det? Ab so­fort un­nö­tig. An­bie­ter wie Naps­ter oder iTu­nes mach­ten es mög­lich, ein­zel­ne Lie­der zu er­ste­hen. Ganz ne­ben­bei wur­den MP3-Play­er, be­son­ders der iPod, zum Sta­tus­sym­bol. Und MP3 be­güns­tig­te noch ein wei­te­res Phä­no­men: den zu­meist il­le­ga­len Tausch­han­del mit Mu­sik im In­ter­net. Die auf we­ni­ge Me­ga­bytes ge­schrumpf­ten MP3-Da­tei­en lie­ßen sich oh­ne gro­ßen Auf­wand ko­pie­ren und tau­schen.

Lan­ge war MP3 der ef­fi­zi­en­tes­te ver­lust­be­haf­te­te Au­dio­stan­dard und bis heu­te qua­si Stan­dard im In­ter­net. Mitt­ler­wei­le gibt es aber weit­aus ef­fi­zi­en­te­re Al­ter­na­ti­ven,

wie et­wa Ad­van­ced Au­dio Co­ding (AAC) oder MPEG-H Au­dio. „Die­se bie­ten er­wei­ter­te Ein­stel­lungs­mög­lich­kei­ten und ei­ne bes­se­re Au­di­o­qua­li­tät bei viel ge­rin­ge­ren Bi­tra­ten im Ver­gleich zum MP3-For­mat“, sagt auch das Fraun­ho­fer In­sti­tut da­zu. Im Jahr 2012 be­zif­fer­te das In­sti­tut Li­zenz­er­trä­ge durch MP3, die sich nach ei­ge­nen An­ga­ben auf ei­nen „ho­hen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag“be­lau­fen.

Auch wenn MP3 beim End­ver­brau­cher sehr be­liebt sei, wür­den heu­ti­ge Me­di­en wie Strea­m­ing, Fern­se­hen oder Ra­dio doch die Al­ter­na­ti­ven nut­zen. MP3 wird al­so zum Aus­lauf­mo­dell. Das En­de der Li­zen­zen hin­dert na­tür­lich nie­man­den dar­an, das MP3For­mat

wei­ter­hin zu nut­zen. Vor­han­de­ne Da­tei­en ver­schwin­den ja nicht und kön­nen wei­ter­hin ab­ge­spielt wer­den. Der MP3-Stan­dard wird kos­ten­los. Ab­ge­se­hen da­von ha­ben das Smart­pho­ne und Strea­m­ing­diens­te den MP3-Play­er so gut wie er­setzt.

Wie funk­tio­niert MP3? MP3 kom­pri­miert und spei­chert Mu­sik. Ei­ne MP3-Da­tei be­nö­tigt im Ver­gleich zur Ori­gi­nal­da­tei nur rund 10 Pro­zent des Spei­cher­plat­zes. Das ist mög­lich, weil Mu­sik aus sehr vie­len Kom­po­nen­ten be­steht, die aber nicht gleich gut hör­bar und da­mit für das mensch­li­che Ohr wahr­nehm­bar sind. So wer­den bei­spiels­wei­se lei­se Gei­gen­klän­ge ver­bor­gen, wenn

gleich­zei­tig kräf­tig ins Horn ge­bla­sen wird. Zwar sind die Gei­gen im­mer noch vor­han­den, für das mensch­li­che Ohr aber nicht wahr­nehm­bar. Bei der MP3-For­ma­tie­rung wer­den nun die Gei­gen akus­tisch un­ge­nau­er dar­ge­stellt, das Horn da­für genau. Das spart Da­ten­vo­lu­men. Gleich­zei­tig wird die Qua­li­tät des Mu­sik­stücks her­un­ter­ge­bro­chen, denn durch die ver­än­der­te Darstel­lung des Mu­sik­stücks ent­steht ein Co­dier­ge­räusch. Je ge­rin­ger die Qua­li­täts­stu­fe der Da­tei, al­so je stär­ker das Stück kom­pri­miert wird, des­to stär­ker das Co­dier­ge­räusch.

Der re­vo­lu­tio­nier­te Mu­sik­markt:

Die Zei­ten sind vor­bei: MP3-Play­er, selbst ge­brann­te CDs, Tausch­bör­sen und „Wi­n­amp“-Me­dia­play­er sind durch Smart­pho­nes und Strea­m­ing­diens­te er­setzt wor­den. Das ha­ben auch die Er­fin­der der MP3-Co­die­rung er­kannt. Das Fraun­ho­fer In­sti­tut lässt die Li­zen­zen für den Au­dio-Stan­dard aus­lau­fen. Fo­tos: ima­go/Ac­tion Pic­tu­res/imagebroker/Jür­gen Rit­ter, dpa

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