Hard Rock trifft Hei­mat­film

Chris­ti­na Gro­ße als tra­gi­sche Hel­din in „Ein Dorf rockt ab“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen - ZDF, 20.15 Uhr

In der Komödie „Ein Dorf rockt ab“spielt Chris­ti­na Gro­ße ei­ne Frau, die mu­ti­ge Ent­schei­dun­gen tref­fen muss. Ei­ne Rol­le, die ihr auf den Leib ge­schnei­dert ist.

Von An­na­le­na Klein

Wie die Idyl­le trü­gen kann: Chris­ti­na Gro­ße ali­as Ca­ro Le­on­hard steht im Melks­tall ih­res Bau­ern­ho­fes und be­rei­tet die Tie­re für die Melk­ma­schi­ne vor, wäh­rend ih­re Te­enager­toch­ter mehr oder min­der ge­schickt den Stall aus­mis­tet. Va­ter Ro­man Kniz­ka ali­as Paul Leo­nard ver­staut Heu­bal­len, wäh­rend der klei­ne Sohn fröh­lich dar­über­hüpft.

Dass die Wirk­lich­keit vie­ler Milch­bau­ern in Deutsch­land schon lan­ge nicht mehr so aus­sieht, wie hier in an­ge­nehm war­men Far­ben ge­zeigt wird, ist auch beim ZDF an­ge­kom­men. Schnell wird klar: Die Leo­nards sind ver­schul­det, der Hof, den Ca­ro von ih­ren El­tern über­nom­men hat, ren­tiert sich nicht mehr. Die re­so­lu­te Land­wir­tin muss ei­nen Aus­weg fin­den. Und mu­ti­ge Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Pa­ra­de­rol­le für Gro­ße

Die Rol­le ei­ner Frau, die trotz wid­ri­ger Um­stän­de den Kopf hoch­hält, sich durch­kämp­fen muss, ist Chris­ti­na Gro­ße wie auf den Leib ge­schrie­ben. Schon bei Pro­duk­tio­nen wie „Al­ki, Al­ki“von Re­gis­seur Axel Ra­nisch oder im Spree­wald­kri­mi „Mör­de­ri­sche Hit­ze“be­wies sie, dass die­se Frau­en­fi­gu­ren ih­re Pa­ra­de­rol­len sind. Wie­so sie im­mer wie­der mit die­sen Rol­len

be­setzt wird, sieht die Schau­spie­le­rin ganz prag­ma­tisch: „Die Leu­te, die be­set­zen, schau­en, wo et­was gut funk­tio­niert hat, oder wo man glaubt, dass der- oder die­je­ni­ge das be­son­ders gut kann, und dann wird man eben wie­der ähn­lich be­setzt.“Trotz Rou­ti­ne ge­lingt es Gro­ße,

ih­ren Rol­len im­mer ein Ge­heim­nis zu ent­lo­cken. Der Zu­schau­er emp­fin­det Mit­ge­fühl, aber kein Mit­leid. „Je­de Ge­schich­te hat ein ei­ge­nes Al­pha­bet, das es zu ent­schlüs­seln gilt“, sagt Chris­ti­na Gro­ße im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Beim Le­sen des Dreh­buchs ent­de­cke

sie bei je­dem Le­sen im­mer wie­der Neu­es. „Man muss das Dreh­buch sehr, sehr oft le­sen. Ich sa­ge im­mer, das ist wie Zwie­beln schä­len.“Nicht im­mer las­se sich das dann al­les genau­so um­set­zen. „Mal ge­lingt es ei­nem bes­ser, und mal ge­lingt es ei­nem we­ni­ger gut. Aber es ist im­mer ei­ne span­nen­de Rei­se, und am schöns­ten ist es, wenn ich von be­stimm­ten Mo­men­ten oder Si­tua­tio­nen über­rascht wer­de und Ent­de­ckun­gen ma­chen darf, die ich mir in der Vor­be­rei­tung gar nicht vor­stel­len konn­te.“

Raum für Im­pro­vi­sa­ti­on, die Gro­ße bei ih­rer Ar­beit so schätzt, gibt es aber nicht im­mer: „Bei ei­nem Film wie ,Ein Dorf rockt ab‘ gab es ein Dreh­buch, das kaum Raum für Im­pro­vi­sa­tio­nen zu­ließ, son­dern wir ha­ben ver­sucht, dem ge­recht zu wer­den, was das Buch uns vor­gab.“

Und genau wie im Dreh­buch hat auch ih­re Rol­le kei­ne wirk­li­chen Al­ter­na­ti­ven: Die Bank ver­wehrt wei­te­re Kre­di­te, und von den Po­ny­hof-Plä­nen ih­res Man­nes hält die Land­wir­tin gar nichts. So scheint der ein­zi­ge Aus­weg, ih­re Wie­sen an ein Hea­vy-Me­tal-Mu­sik­fes­ti­val zu ver­mie­ten.

Dass Hea­vy-Me­tal-Fans in schwar­zen Kut­ten in die dörf­li­che Idyl­le ein­fal­len, da­bei mit ih­ren Mo­tor­rä­dern Gar­ten­zwer­ge platt­fah­ren und für den ul­ti­ma­ti­ven Kul­tur­schock auf dem Lan­de sor­gen, mag im Jahr 2017 et­was ana­chro­nis­tisch wir­ken. Im­mer­hin sind Fes­ti­vals in der deut­schen Pro­vinz schon lan­ge gang und gä­be. „Ein Dorf rockt ab“von Re­gis­seur Holger Haa­se lebt denn mehr von den sym­pa­thi­schen Fi­gu­ren, al­len vor­an Ca­ro Leo­nard als Frau, die sich nicht un­ter­krie­gen lässt.

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Streit in der länd­li­chen Idyl­le: Paul (Ro­man Kniz­ka) ist Luft für Ca­ro (Chris­ti­na Gro­ße), die sich bei Ro­xy (La­ra Man­do­ki) nach ei­nem Tat­too er­kun­digt. Fo­to: ZDF

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