Das Ge­gen­teil von „Ali­en“?

„Ali­en: Co­venant“lässt auf das Frau­en-Du­ell des Sci-Fi-Klas­si­kers ein Va­ter-Sohn-Dra­ma fol­gen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Mit „Ali­en: Co­venant“zeigt Rid­ley Scott das zwei­te Pre­quel zu sei­nem Sci-Fi-Klas­si­ker. Es er­weist sich als Ge­gen­ent­wurf zum Ori­gi­nal.

Von Da­ni­el Be­ne­dict

„Ali­en“ist seit 1979 der Frau­en­film des Hor­ror­ki­nos. Mit Si­gour­ney Wea­ver tritt ei­ne weib­li­che Ac­tionHel­din an – ge­gen ein Mons­ter, des­sen Schä­del wie der größ­te Pe­nis im Wel­tall aus­sieht. John Hurt stirbt, als er ein Ali­en-Ba­by aus sei­ner Brust ge­biert. So­gar der Bord­com­pu­ter des Raum­schiffs Nostro­mo heißt „MU:TH:UR“– sprich: Mo­ther. Rid­ley Scotts Sci-FiKlas­si­ker in­sze­nier­te ein ma­tri­ar­cha­les Grau­en und spiel­te mit männ­li­chen Un­ter­le­gen­heits­ge­füh­len. Nach vier Fil­men un­ter wech­seln­der Re­gie („Ali­en vs. Pre­da­tor“nicht mit­ge­zählt) kehr­te Scott 2012 erst für die Pre­quel-Rei­he zu­rück. „Ali­en: Co­venant“ist der zwei­te Teil da­von – und ein Ge­gen­ent­wurf zum Ori­gi­nal.

Als Scott vor fünf Jah­ren die „Pro­me­theus“(2012) ins All schick­te, such­te die Cr­ew nach den au­ßer­ir­di­schen Schöp­fern der Mensch­heit; „Ali­en: Co­venant“fragt nun spie­gel­bild­lich nach der Evo­lu­ti­on des Mons­ters. Im Film­jahr 2104, ei­ne De­ka­de nach dem Ver­schwin­den der „Pro­me­theus“, star­tet ein neu­es Raum­schiff. Mit 2000 tief­schla­fen­den Sied­lern und ei­ner Kühl­kam­mer vol­ler Em­bry­os Va­ter-Sohn-Kon­flikt

soll die „Co­venant“-Mis­si­on ei­ne neue Er­de be­sie­deln. Funk­si­gna­le von ei­nem auf kei­ner Kar­te ver­zeich­ne­ten Him­mels­kör­per be­we­gen die Cr­ew zu ei­ner fa­ta­len Ab­wei­chung: Zwar er­fah­ren die Wis­sen­schaft­ler nun end­lich, wie die „Pro­me­theus“schei­ter­te. Sie sor­gen aber auch da­für, dass das Ali­en sei­nen Weg in die Wei­ten der Ga­la­xie an­tre­ten kann – und be­rei­ten da­mit den Schre­cken der „Nostro­mo“-Mis­si­on des Jah­res 2122 vor. Den Plot des Ori­gi­nal­films al­so.

Die zen­tra­le Fi­gur ist da­bei der An­dro­ide Da­vid, der schon die „Pro­me­theus“mit un­durch­sich­ti­gen Rän­ken un­ter­wan­dert hat­te. Dem Pro­to­typ Da­vid steht dies­mal Wal­ter ge­gen­über – äu­ßer­lich ein Zwil­ling, tat­säch­lich aber ein ent­schärf­tes Down­gra­de. Denn wie in „Bla­de Run­ner“(1982) hat auch der An­dro­id der „Ali­en“-Welt ein mensch­li­ches Be­wusst­sein ent­wi­ckelt, und mit ihm die ge­fähr­li­che Ein­sicht, sei­nem Er­fin­der über­le­gen zu sein. Die Dop­pel­rol­le ist ei­ne Meis­ter­leis­tung Micha­el Fass­ben­ders,

der aus der fast un­be­weg­ten Mie­ne zwei­er Ma­schi­nen­men­schen ein exis­ten­zi­el­les Du­ell ab­lei­tet.

„Ali­en: Co­venant“fragt – auch im re­li­giö­sen Sinn – nach dem letz­ten Schöp­fer und dis­ku­tiert die Schaf­fens­kraft als am­bi­va­len­ten Im­puls, dem die Ka­ta­stro­phe im­mer schon in­ne­wohnt. Wo „Ali­en“im dunk­len Mut­ter­leib der Nostro­mo ein Schau­er­stück des Krea­tür­li­chen fei­er­te, geht es nun um geis­ti­ge Schöp­fungs­ak­te. Schon die Er­öff­nungs­se­quenz spielt im

Wey­land-Kon­zern, der Ge­burts­stät­te der An­dro­iden. Scott stat­tet das licht­durch­flu­te­te Bü­ro mit Meis­ter­wer­ken der abend­län­di­schen Kunst aus und macht es zum abs­trak­ten Raum. Eins der Wer­ke ist Pie­ro del­la Fran­ce­scas „Ge­burt Chris­ti“– sei­ne Re­nais­sance-Schön­heit er­scheint als di­rek­tes Ge­gen­bild zu den Schre­cken des Lei­bes, die „Ali­en“in sei­ner Mons­ter­ge­burt ze­le­brier­te.

In ei­ner dies­mal klas­si­schen Rol­len­zu­schrei­bung deu­tet Scott sein The­ma männ­lich; das weib­li­che Du­ell des Ori­gi­nal­films er­setzt er durch den Va­ter-Sohn-Kon­flikt von Da­vid und dem Ma­na­ger, der ihn bau­en ließ. Trotz­dem zeigt „Ali­en: Co­venant“wie­der ei­ne star­ke Schau­spie­le­rin in ei­ner tol­len Rol­le: Ka­the­ri­ne Wa­ters­tons als As­tro­nau­tin Da­ni­els. Dass die Fi­gur ih­ren Weg ins Grau­en als Trau­ern­de be­ginnt, hät­te dem Film die exis­ten­zi­el­len Dring­lich­keit ge­ben kön­nen, um die das Dreh­buch so an­ge­strengt ringt. Lei­der scheu­en Scott und sei­ne Au­to­ren die Kon­zen­tra­ti­on auf die­se Fi­gur und schwei­fen statt­des­sen in ei­nem teils är­ger­lich be­lang­lo­sen En­sem­ble um­her. Die Klaus­tro­pho­bie des Ori­gi­nals er­reicht das Pre­quel nie.

Pa­ra­si­ten sau­gen sich an Ge­sich­tern fest, Mons­ter wer­den ins All ge­sto­ßen: „Ali­en: Co­venant“greift ver­trau­te Bil­der auf. Größ­ter Schau­wert sind die evo­lu­tio­nä­ren Ali­enVor­stu­fen, mit de­nen Scott das be­rühm­te Mons­ter-De­sign H. R. Gi­gers her­lei­tet. Die Bio-Tech-Schmie­de, in der sie ent­ste­hen, ent­puppt sich als un­ste­ri­le Al­che­mis­ten­stu­be. Eins von vie­len Plau­si­bi­li­täts­pro­ble­men des Films, in dem As­tro­nau­ten auf ei­ner hoch­kom­ple­xen Mis­si­on Zwi­schen­stopps ein­le­gen, um sich in der At­mo­sphä­re völ­lig un­er­forsch­ter Pla­ne­ten mit üb­len Er­re­gern zu in­fi­zie­ren – weil sie arg­los den Helm ab­set­zen.

„Ali­en: Co­venant“. USA 2017. R: Rid­ley Scott. D: Micha­el Fass­ben­der, Ka­the­ri­ne Wa­ters­ton. 123 Min. Ab 16.

in abs­trak­ten Räu­men: „Ali­en: Co­venant“ist ein Ge­gen­ent­wurf zum Ori­gi­nal. Fo­to: 20th Cen­tu­ry Fox

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