Zwei Mi­nu­ten und 38 Se­kun­den pu­re Ma­gie

Do­ku­men­ta­ti­on zur Fuß­ball-Hym­ne „You’ll ne­ver walk alo­ne“– Joa­chim Król mo­de­riert

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Joa­chim Schmitz

Wenn am Sams­tag Bo­rus­sia Dort­mund am letz­ten Bun­des­li­ga-Spiel­tag Wer­der Bre­men emp­fängt und am Sonn­tag der FC Li­ver­pool den FC Midd­les­bo­rough zu Gast hat, wird sie wie­der aus Zehn­tau­sen­den Keh­len er­klin­gen: Die be­rühm­tes­te Fuß­ball­hym­ne der Welt. „You’ ll ne­ver walk alo­ne“ist an der An­field Road eben­so wie im Si­gnal-Idu­na-Park zum stimm­ge­wal­ti­gen Mar­ken­zei­chen der hei­mi­schen Fans ge­wor­den, das den Geg­nern Re­spekt ein­flößt und selbst beim un­mu­si­ka­lischs­ten Sta­di­on­be­su­cher ei­ne Gän­se­haut ver­ur­sacht.

Da­bei hat das Lied mit Fuß­ball ei­gent­lich über­haupt nichts zu tun, wie ei­ne 99-mi­nü­ti­ge Doku von An­dré Schä­fer zeigt, die heu­te ins Ki­no kommt. Viel­mehr ent­stammt es dem Thea­ter­stück „Li­liom“, das der un­ga­ri­sche Dra­ma­ti­ker Fe­renc Molnár 1909 auf die Büh­ne brach­te.

Durch Schä­fers se­hens­wer­ten Film führt ein Mann, der als lang­jäh­ri­ger BVB-Fan und be­kann­tes Fern­seh­ge­sicht für die­se Mo­de­ra­ti­on ge­ra­de­zu prä­des­ti­niert ist: Joa­chim Król. Der Schau­spie­ler hat­te zu­sam­men mit dem Re­gis­seur 2015 ei­ne Wein­rei­se durch Frank­reich für den Kul­tur­ka­nal Ar­te un­ter­nom­men. „Und dann sit­ze ich bei ihm im Au­to, hö­re ihn te­le­fo­nie­ren und mit je­man­dem über die Idee spre­chen, ei­nen Film über ,You’ ll ne­ver walk alo­ne‘ zu ma­chen“, be­rich­tet Król im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. „Als wir ste­hen blei­ben, fra­ge ich: An­dré, was macht ihr da? – Ja, wir ma­chen ei­nen Film über ,You’ll­ne­ver­wal­ka­lo­ne‘– und ich sa­ge: Hal­lo! Aber nicht oh­ne mich! Se­kun­den spä­ter war Król en­ga­giert.

Zu­sam­men mit dem Film­team star­te­ten die bei­den zu ei­ner Welt­rei­se auf den Spu­ren der Fuß­ball­hym­ne. Bu­da­pest, Wi­en, Li­ver­pool, New York, Los An­ge­les, Ham­burg, Dort­mund und Króls Ge­burts­stadt Her­ne stan­den auf dem Rei­se­plan. Her­aus­ge­kom­men ist ein glei­cher­ma­ßen in­ter­es­san­tes wie kurz­wei­li­ges Stück über die Kar­rie­re ei­nes Lieds, des­sen eben­so sim­ple wie er­grei­fend-kit­schi­ge Bot­schaft lau­tet: Du bist nie­mals al­lein.

Molnár, der vor den Na­zis nach Ame­ri­ka floh, wil­lig­te aus Geld­man­gel ein, dass die US-Musical-Le­gen­den Rod­gers & Ham­mer­stein aus „Li­liom“ein Musical mach­ten, das sich un­ter dem Ti­tel „Ca­rou­sel“zu ei­nem der er­folg­reichs­ten sei­ner Zeit ent­wi­ckel­te. Da ließ die Hol­ly­wood-Ver­fil­mung nicht lan­ge auf sich war­ten, auch wenn Frank Si­na­tra in letz­ter Mi­nu­te als Haupt­dar­stel­ler ab­sprang und der Film im grau­en Mit­tel­maß ver­sank. Den­noch: Auf die­se Wei­se kam das Stück zu­rück nach Eu­ro­pa.

In ei­nem Li­ver­poo­ler Ki­no war der Mu­si­ker Ger­ry Mars­den im Jahr 1963 ge­ra­de da­bei, in dem lang­wei­li­gen Strei­fen ein­zu­ni­cken, als plötz­lich „You’ ll ne­ver walk alo­ne“er­tön­te. Es war wie ein Weck­ruf. Mars­den, ein Freund von John Len­non und Sän­ger der er­folg­rei­chen Mer­sey­beat-Band „Ger­ry and the Pa­ce­makers“, spiel­te ei­ne ei­ge­ne Ver­si­on des Ti­tels ein und lan­de­te da­mit ei­nen Num­mer-eins-Hit auf der In­sel.

An der An­field Road, im Sta­di­on des FC Li­ver­pool, war es da­mals üb­lich, vor dem An­pfiff im­mer die ak­tu­el­len To­phits zu spie­len – und so schlos­sen die Fans der „Reds“den Song in ihr Herz, den sie bis heu­te vor je­dem Spiel sin­gen. Und zwar so lan­ge, wie sie wol­len – be­vor sie nicht auf­ge­hört ha­ben, pfeift in Li­ver­pool kein Schieds­rich­ter das Spiel an.

Schä­fers Do­ku­men­ta­ti­on braucht ei­ne ge­wis­se Zeit, bis sie nicht nur Kul­tur­freun­de, son­dern auch Fuß­ball­fans pa­cken kann. Sie ver­bringt reich­lich Zeit auf Molnárs Spu­ren in Bu­da­pest und Wi­en, be­vor sie – wie auch der Song – auf sei­nem Weg in die Sta­di­en die­ser Welt Fahrt auf­nimmt. Im Fach­jar­gon könn­te man auch sa­gen: Die ers­te Halb­zeit wird von Mit­tel­feld­ge­plän­kel ge­prägt, pa­cken­de Straf­raum­sze­nen sind Man­gel­wa­re.

Da­für ent­schä­digt die zwei­te Hälf­te um­so mehr. Dann er­zäh­len Schä­fer und Król ih­re Ge­schich­te auf ei­ne Art, die nicht nur Fuß­ball­freun­den das Herz öff­nen wird. Der Schau­spie­ler in­ter­view­te Molnárs En­kel, Ger­ry Mars­den den Li­ver­poo­ler Sta­di­on­spre­cher Ge­or­ge Se­ph­ton, ei­nen New Yor­ker Cho­reo­gra­fen, BVBLe­gen­de Lars Ri­cken, Cam­pi­no, den frü­he­ren BVB- und heu­ti­gen Li­ver­poo­ler Trai­ner Jür­gen Klopp und vie­le mehr. Lau­ter Men­schen, in de­ren Le­ben „You’ ll ne­ver walk alo­ne“ei­ne mehr oder we­ni­ger gro­ße Rol­le spiel­te. „Zwei Mi­nu­ten und 38 Se­kun­den pu­re Ma­gie“, wie Sta­di­on­spre­cher Se­ph­ton das Lied be­schreibt.

Nicht nur in Li­ver­pool, son­dern in Sta­di­en welt­weit sorgt das Lied für Gän­se­h­au­tMo­men­te.

Fo­to: dpa

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