Die Tra­gik ei­ner gro­ßen Mann­schaft

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Udo Mu­ras

Be­vor ich die­se Kolumne be­gon­nen ha­be, ha­be ich noch schnell den „Ki­cker“durch­ge­blät­tert. Das Fach­blatt, seit über 30 Jah­ren mein treu­er Be­glei­ter durchs Le­ben, hat mich dies­mal lei­der ein biss­chen ent­täuscht. Nicht mal dort wird sie ge­wür­digt, die ers­te deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft, die zum My­thos wur­de.

Die Re­de ist von der „Bres­lau-Elf“, die vor 80 Jah­ren zum ers­ten Mal auf­spiel­te. Sepp Her­ber­ger war der Bun­des­trai­ner – da­mals sag­te man Reichs­trai­ner – und war mit sei­ner Mann­schaft für die da­mals längs­te Sie­ges­se­rie in der DFB-His­to­rie ver­ant­wort­lich. Zehn Spie­le in Fol­ge! Sie hielt bis 1980, ehe Jupp Der­walls Eu­ro­pa­meis­ter sie bra­chen.

Die Bres­lau­er sind längst ver­schol­len und ver­ges­sen. Nicht nur, weil kei­ner mehr lebt, son­dern auch, weil sie Fuß­ball-He­ro­en in der un­se­ligs­ten Epo­che der deut­schen Ge­schich­te wa­ren und auf die des­halb, ob be­rech­tigt oder nicht, ein kol­lek­ti­ver Bann­strahl fällt. Und weil sie kei­ne Ti­tel ge­won­nen hat – was eben­so be­zeich­nend ist für un­se­re Zeit.

Her­ber­gers Elf, die sich am 16. Mai 1937 beim 8:0 ge­gen Dä­ne­mark fand und bis ins Früh­jahr 1938 kaum ver­än­dert auf­spiel­te, war sport­lich nicht zu schla­gen. „Nur Hit­ler konn­te sie stop­pen!“, war mein Text über­schrie­ben, der zum 100. Ge­burts­tag des DFB er­schien. Kurz vor der WM 1938 war Na­zi-Deutsch­land in Ös­ter­reich ein­mar­schiert, es kam zum „An­schluss mei­ner Hei­mat an das deut­sche Reich“, wie der Dik­ta­tor froh­lock­te. Ei­ne von vie­len Fol­gen – es gab na­tür­lich viel schlim­me­re – war das Dik­tat des Fach­amts für Fuß­ball, wie der DFB da­mals hieß, dass Her­ber­ger nun min­des­tens fünf Ös­ter­rei­cher auf­stel­len müs­se. „Aus zwei gu­ten mach ei­ne bes­se­re! Oh welch hei­li­ge Ein­falt!“, seufz­te der Chef in sein Ta­ge­buch und fühl­te sich „ein­sam, an ei­nem Klip­pen­rand“.

Dem jun­gen Trai­ner war es 1937 ge­ra­de erst ge­lun­gen, sich sei­nem Vor­gän­ger Ot­to Nerz, der im­mer noch sein Vor­ge­setz­ter war, als „Re­fe­rent der Na­tio­nal­mann­schaft“, all­mäh­lich die Fä­den aus der Hand zu neh­men. Wer die Um­stän­de der da­ma­li­gen Zeit be­rück­sich­tigt und mit heu­te ver­gleicht, kann nicht um­hin, Her­ber­gers Sie­ges­zug zu be­wun­dern.

Auf dem Ban­kett nach dem 1:0 in Zü­rich, dem Spiel vor Bres­lau, muss­te er sich die Auf­stel­lung von Nerz noch ge­neh­mi­gen las­sen und konn­te froh sein, dass nicht doch noch von ir­gend­wo­her ein Ve­to kam. Denn 1936, als noch Nerz re­gier­te, er­klär­te die „Fuß­ball-Wo­che“ih­ren Le­sern, wer in der Na­tio­nal­mann­schaft das Sa­gen hat­te: „Nicht Nerz stellt die Na­tio­nal­mann­schaft auf, son­dern der Reichs­fach­amts­sport­wart Prof. Gla­ser, der al­ler­dings auch viel auf den Rat von Nerz gibt, der aber auch die Rat­schlä­ge sei­ner Mit­ar­bei­ter, der Grup­pen­sport­war­te Knehe, Ra­ve, Hag­gen­mil­ler, Wolz, kei­nes­wegs in den Wind schlägt. Wenn die Mann­schaft auf­ge­stellt ist, dann muss Reichs­fach­amts­lei­ter Lin­ne­mann ihr erst sei­ne Zu­stim­mung ge­ben!“

So wa­ren die Zu­stän­de auch noch 1937. Wes­halb bis heu­te un­ter Fach­leu­ten ei­ne De­bat­te tobt, wer ei­gent­lich der Va­ter der Bres­lau-Elf ist. Her­ber­ger hat die Va­ter­schaft in al­ler Be­schei­den­heit für sich re­kla­miert: „Die Bres­lau-Elf spiel­te nach mei­nem Kon­zept!“

Die Na­men der Spie­ler, die ge­trennt mit öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln an­reis­ten und ih­re Aus­rüs­tung selbst mit­brin­gen muss­ten, wur­den über Nacht po­pu­lär. Ob­wohl (oder weil?) es kei­ne Fern­seh­über­tra­gung gab. Was die Rea­li­tät nicht bie­ten kann, über­nimmt oft die Fan­ta­sie. So ent­ste­hen My­then. Am Pfingst­sonn­tag 1937 lie­fen sie auf: Hans Ja­kob (Jahn Re­gens­burg) – Paul Ja­nes (Fortu­na Düs­sel­dorf ), Rein­hold Mün­zen­berg (Ale­man­nia Aa­chen) – Andre­as Kup­fer (Schwein­furt 05), Lud­wig Gold­brun­ner (Bay­ern Mün­chen), Al­bin Kit­zin­ger (Schwein­furt 05) – Ernst Leh­ner (Schwa­ben Augs­burg), Ru­di Gel­lesch, Fritz Sze­pan (bei­de Schal­ke 04), Ot­to Siff­ling (Wald­hof Mann­heim), Al­f­red Ur­ban (Schal­ke). Fünf Stür­mer, zwei Halb­stür­mer hin­ter ei­ner Drei­er-Rei­he. Un­se­re Lap­top-Trai­ner von heu­te wür­den Angst­zu­stän­de be­kom­men. Wer, bit­te, macht denn da die Räu­me dicht? Wer ver­schiebt, steht kom­pakt, ar­bei­tet nach hin­ten?

Die Ka­ri­ka­tur der Bres­lauElf schied 1938 bei der WM in Frank­reich in der 1. Run­de aus, weil zwei Spiel­sys­te­me in ei­ner vier­wö­chi­gen Vor­be­rei­tung nicht zu ei­ne Ein­heit zu­sam­men­zu­schwei­ßen wa­ren und es auch mensch­lich nicht pass­te zwi­schen Schal­kern und Wie­nern.

Auch ih­re Tra­gik macht die Fas­zi­na­ti­on die­ser Elf aus. Vor je­der WM er­in­nern wir an die Sie­ger, auch an die tap­fe­ren Ver­lie­rer von Wem­bley oder Me­xi­ko – aber die Bres­lau­er im Dun­keln, die sieht man nicht. Für Her­ber­ger je­den­falls stand zeit­le­bens fest: „Kei­ner von uns konn­te ah­nen, dass wir ei­ne der bes­ten Mann­schaf­ten aus der Tau­fe ge­ho­ben hat­ten, die der deut­sche Fuß­ball je­mals ge­habt hat, wie bes­ser kaum ei­ne auf den eu­ro­päi­schen Fuß­ball­fel­dern ge­fei­ert wur­de: die Bres­lau­mann­schaft“. Ich bin über­zeugt: Er hat­te recht.

Am 16. Mai 1937 schlu­gen (von links) Sze­pan, Ja­kob, Gel­lesch, Leh­ner, Mün­zen­berg, Gold­brun­ner, Ja­nes, Siff­ling, Ur­ban, Kup­fer und Kit­zin­ger Dä­ne­mark mit 8:0. Fo­to: Ar­chiv

Aus den Er­in­ne­run­gen von Sepp Her­ber­ger: So ent­stand die Bres­lau-Elf. Fo­to: Ar­chiv

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