Ver­ga­be­af­fä­re: Lies in Be­dräng­nis

Mi­nis­ter ent­lässt Staats­se­kre­tä­rin – Neue Vor­wür­fe und Un­ter­su­chungs­aus­schuss

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite - Von Klaus Wie­sche­mey­er

In der Ver­ga­be-Af­fä­re im nie­der­säch­si­schen Wirt­schafts­res­sort hat Mi­nis­ter Lies (SPD) die Ent­las­sung sei­ner Staats­se­kre­tä­rin Beh­rens ver­kün­det. Aus­ge­stan­den ist die Sa­che da­mit nicht. Es gibt neue Vor­wür­fe und wohl ei­nen Un­ter­su­chungs­aus­schuss.

HAN­NO­VER. Nie­der­sach­sens Wirt­schafts­staats­se­kre­tä­rin Da­nie­la Beh­rens (SPD) stürzt über die Af­fä­re um fal­sche Ver­ga­ben im Mi­nis­te­ri­um. Wirt­schafts­mi­nis­ter Olaf Lies (SPD) kün­dig­te die Ent­las­sung sei­ner „engs­ten Mit­ar­bei­te­rin“und „sehr gu­ten Freun­din“am Don­ners­tag­mor­gen im Nie­der­säch­si­schen Land­tag an. Beh­rens ha­be ihn am Mitt­woch­abend um ih­re Ab­lö­sung ge­be­ten, sag­te Lies. Aus­ge­stan­den ist die Af­fä­re da­mit aber noch lan­ge nicht: Der Mi­nis­ter muss­te am Don­ners­tag wei­te­re Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten ein­räu­men. Die Op­po­si­ti­on for­dert Au­f­ar­bei­tung.

Der Mi­nis­ter zieht mit der Ab­be­ru­fung von Beh­rens die zwei­te per­so­nel­le Kon­se­quenz aus Mau­sche­lei­en bei Auf­trags­ver­ga­ben. Zu­vor hat­te er sei­nen bis­he­ri­gen Spre­cher ver­setzt. Die Staats­an­walt­schaft hat ge­gen bei­de Vor­er­mitt­lun­gen we­gen des Ver­dachts wett­be­werbs­be­schrän­ken­der Ab­spra­chen ein­ge­lei­tet. Ih­nen wird vor­ge­wor­fen, sich bei Auf­trags­ver­ga­ben ein­ge­schal­tet und mit An­bie­tern aus­ge­tauscht zu ha­ben, so­dass die­se am En­de den Zu­schlag be­ka­men. Das Mi­nis­te­ri­um räum­te Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten bei der Neu­ge­stal­tung ei­ner In­ter­net­sei­te, der Su­che nach ei­nem Pro­jekt­ma­na­ger und der Me­di­en­part­ner­schaft bei ei­ner Wer­be­tour für Elek­tro­mo­bi­li­tät im Jahr 2015 ein.

Lies kün­dig­te an, „die Auf­klä­rung so zü­gig wie mög­lich vor­an­zu­trei­ben“. Be­reits am heu­ti­gen Frei­tag soll der Lan­des­rech­nungs­hof

mit der Prü­fung be­gin­nen.

Mit dem Ab­gang von Beh­rens ver­liert die rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung in die­ser Le­gis­la­tur ih­ren zwei­ten Staats­se­kre­tär. 2013 stol­per­te Udo Pa­sche­dag über ei­ne Di­enst­wa­gen­af­fä­re.

Die Op­po­si­ti­on geht von wei­te­ren Fäl­len und ei­nem Scha­den von min­des­tens ei­ner hal­ben Mil­li­on Eu­ro aus. Sie be­an­trag­te ei­nen Un­ter­su­chungs­aus­schuss. Die­ser soll noch im Ju­ni ein­ge­setzt wer­den. Der CDU-Ab­ge­ord­ne­te Uwe Schü­ne­mann warf Lies bei der Kon­trol­le der bei­den Mit­ar­bei­ter des Mi­nis­ter­bü­ros schwe­re Ver­säum­nis­se vor. Ent­we­der wis­se der Mi­nis­ter nicht, was in sei­nem Um­feld pas­sie­re, oder er sei selbst „Teil des Sys­tems“, sag­te Schü­ne­mann.

Wirt­schafts­mi­nis­ter Lies hat am Don­ners­tag im Land­tag die Ent­las­sung sei­ner Staats­se­kre­tä­rin ver­kün­det. Der Auf­tritt fiel dem SPD-Po­li­ti­ker sicht­bar schwer.

Es sei der „schwie­rigs­te Mo­ment“sei­ner Amts­zeit, sagt Wirt­schafts­mi­nis­ter Olaf Lies am Don­ners­tag­mor­gen im Nie­der­säch­si­schen Land­tag. Das ist un­über­seh­bar: An an­de­ren Ta­gen strahlt der frie­si­sche Son­ny­boy des rot-grü­nen Ka­bi­netts sym­pa­thi­sche Tat­kraft und Ge­rad­li­nig­keit aus. Nun ver­kün­det Lies grau­ge­sich­tig und mit sto­cken­der Stim­me die Tren­nung von Staats­se­kre­tä­rin Da­nie­la Beh­rens (SPD), wäh­rend die an­de­ren Ka­bi­netts­kol­le­gen mit ge­beug­ten Köp­fen an­ge­strengt in ih­ren Un­ter­la­gen blät­tern.

Seit vor ei­ner Wo­che erst­mals über Ver­ga­be­un­re­gel­mä­ßig­kei­ten im Mi­nis­ter­bü­ro be­rich­tet wur­de, ist al­les von Tag zu Tag im­mer schlim­mer ge­wor­den. Neu auf­ge­fun­de­ne Mails leg­ten nun na­he, dass sich sein frü­he­rer Spre­cher Ste­fan Witt­ke vor Aus­schrei­bun­gen mit spä­te­ren Ver­trags­part­nern ab­ge­stimmt ha­be, muss Lies am Don­ners­tag ein­räu­men. Bei Da­nie­la Beh­rens kön­ne er nicht mehr aus­schlie­ßen, dass die­se bei Ver­ga­be ei­nes In­ter­net­auf­trags „Ein­fluss auf das Vo­tum“des zu­stän­di­gen Re­fe­rats ge­nom­men ha­be. „Es muss al­les auf den Tisch“, sagt der Mi­nis­ter, und es schwingt auch per­sön­li­che Ent­täu­schung über sei­ne Ex-Mit­ar­bei­ter mit. Mit Beh­rens ha­be er „her­vor­ra­gend“zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, sagt Lies am Red­ner­pult. Witt­ke be­kommt kein Lob. Statt­des­sen weist der Mi­nis­ter dar­auf hin, dass ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ge­gen den bis­he­ri­gen Pres­se­chef ein­ge­lei­tet wer­de.

Teil des Sys­tems?

Die Op­po­si­ti­on fin­det, dass der Mi­nis­ter es sich zu ein­fach macht. Wie konn­te es sein, dass sich mit Witt­ke und Beh­rens ge­lern­te Jour­na­lis­ten bei der Ver­ga­be von Hun­dert­tau­sen­den Eu­ro über das Vo­tum des haus­ei­ge­nen Ver­ga­be­re­fe­rats Da­nie­la Beh­rens

hin­weg­set­zen konn­ten, fragt der CDU-Mann Uwe Schü­ne­mann. In ei­nem Un­ter­su­chungs­aus­schuss will er nun her­aus­fin­den, ob Lies ah­nungs­los oder „Teil des Sys­tems“war. Wenn ja, tra­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) die po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung, sagt er.

FDP-Mann Jörg Bo­de geht noch nicht so weit. Doch er geht fest von wei­te­ren Ent­hül­lun­gen aus. So zwei­felt Bo­de an der Recht­mä­ßig­keit der Ver­ga­be ei­nes Ki­no­spots an ei­ne Re­gis­seu­rin aus Han­no­ver.

Dass aus­ge­rech­net das Duo Bo­de/Schü­ne­mann Lies treibt, stößt der SPD bit­ter auf: „Ich hal­te die frü­he­ren Af­fä­ren-Mi­nis­ter Bo­de und Schü­ne­mann mit Blick auf ih­re Ver­gan­gen­heit für gänz­lich un­ge­eig­net, sich hier als Chef­auf­klä­rer auf­zu­spie­len“, schimpft der SPD-Ab­ge­ord­ne­te Grant Hendrik Ton­ne.

Am Di­ens­tag wird das Ka­bi­nett Beh­rens wohl ent­las­sen. Wer ihr nach­folgt, ist noch of­fen. Beh­rens ste­hen da­nach drei Mo­na­te lang vol­le Be­zü­ge und drei Jah­re 71 Pro­zent da­von zu. Sie be­zieht ei­ne B-9-Be­sol­dung mit ei­nem Grund­ge­halt von brut­to 10 316 Eu­ro.

Kein ein­fa­cher Auf­tritt: Olaf Lies ver­kün­det im Land­tag die Ab­lö­sung von Staats­se­kre­tä­rin Da­nie­la Beh­rens. Fo­to: dpa

Fo­to: dpa

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