SPD will Mil­li­ar­den­sum­me in die Bil­dung in­ves­tie­ren

Schwe­sig: Bei Steu­ern ist das letz­te Wort noch nicht ge­spro­chen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite - Von Uwe West­dörp

BER­LIN. SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz möch­te Deutsch­land mit ei­nem na­tio­na­len Bil­dungs­pakt und mil­li­ar­den­schwe­ren In­ves­ti­tio­nen zum Bil­dungs­welt­meis­ter ma­chen. Au­ßer­dem will die SPD in der Steu­er­po­li­tik Zei­chen set­zen, wie Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig an­kün­dig­te.

Das Bil­dungs­sys­tem sei gut, aber nicht gut ge­nug, sag­te Schulz am Don­ners­tag im Ber­li­ner Pro­blem­be­zirk Neu­kölln. Er stell­te ei­nen 13Punk­te-Plan vor, den die SPD bei ei­nem Wahl­sieg um­set­zen will.

Ziel sei­ner Par­tei sei es, dass es künf­tig ei­ne Mil­li­on Ganz­tags­schul­plät­ze ge­be, sag­te Schulz. Er trat auch für ein ge­rech­te­res Schul­sys­tem ein. Noch im­mer wür­den so­zia­le Her­kunft und Wohn­ort viel zu oft über die Chan­cen der Kin­der ent­schei­den.

In der SPD-Pro­gramm­de­bat­te um die Steu­er­po­li­tik ist nach den Wor­ten der stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den Ma­nue­la Schwe­sig „noch nicht das letz­te Wort ge­spro­chen“. Schwe­sig sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on: „Man muss da sehr ge­nau hin­schau­en, nicht die­je­ni­gen zu stark zu be­las­ten, die die hart ar­bei­ten­de Mit­te in un­se­rem Land sind. Das ma­chen wir, und des­halb ist in Sa­chen Steu­er­kon­zept auch noch nicht das letz­te Wort ge­spro­chen.“

Schwe­sig re­agier­te auf Vor­schlä­ge des nie­der­säch­si­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ste­phan Weil. Er hat­te vor­ge­schla­gen, ab ei­nem Ein­kom­men von 58000 Eu­ro ei­nen er­höh­ten Steu­er­satz von 45 Pro­zent zu er­he­ben. Auf die Fra­ge, ob die SPD kein Herz für gut be­zahl­te Fach­ar­bei­ter ha­be, sag­te Schwe­sig: „Doch, das hat sie.“Sie be­ton­te, Weil ha­be ei­nen Vor­schlag ge­macht. „Das Steu­er­kon­zept der SPD er­ar­bei­ten wir al­le ge­mein­sam.“

Mehr Geld für Bil­dung, stär­ke­re Un­ter­stüt­zung für Fa­mi­li­en, Ent­las­tung von klei­nen und mitt­le­ren Ein­kom­men, schon mit 16 wäh­len: SPD-Vi­ze Ma­nue­la Schwe­sig sagt, mit wel­chen The­men die SPD nach den jüngs­ten Wahl­schlap­pen in die Of­fen­si­ve kom­men will.

Frau Schwe­sig, Deutsch­land ist Ex­port­welt­meis­ter, die Ar­beits­lo­sig­keit ist nied­rig, die Be­schäf­tig­ten­zah­len lie­gen auf Re­kord­hö­he. Ist so­zia­le Ge­rech­tig­keit da wirk­lich das rich­ti­ge Wahl­kampf­the­ma?

Ja, Ge­rech­tig­keit ist un­ser Mar­ken­kern. Es stimmt: Deutsch­land geht es gut. Wir sind ein wirt­schaft­lich star­kes Land. Das hat üb­ri­gens viel mit der Po­li­tik der SPD zu tun. Wir sind das mo­der­ne und so­zia­le Ge­sicht der Re­gie­rung. Aber wir se­hen auch, dass es im­mer noch Schwach­stel­len gibt und dass man sich nicht auf den bis­he­ri­gen Er­fol­gen aus­ru­hen darf. Wir se­hen zum Bei­spiel, wie viel be­rufs­tä­ti­ge Vä­ter und Müt­ter stem­men. Die­se Fa­mi­li­en müs­sen stär­ker ent­las­tet wer­den.

Den­ken Sie da auch an mehr Ki­ta­plät­ze? Nach neu­en Zah­len feh­len 300 000 Plät­ze . . .

Die Zah­len zei­gen, dass wir noch deut­lich mehr für den Kita­aus­bau tun müs­sen. Des­halb ist es gut, dass wir gera­de ein Ge­setz be­schlos­sen ha­ben, in dem der Bund 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro zur Schaf­fung von 100 000 Plät­zen be­reit­stellt. Das war nicht selbst­ver­ständ­lich. Denn Fi­nanz­mi­nis­ter Schäu­b­le und an­de­re in der Uni­on sind der Mei­nung, es wer­de schon ge­nug ge­tan für Ki­tas. Das se­he ich an­ders. Es wer­den end­lich mehr Kin­der in Deutsch­land ge­bo­ren, und im­mer mehr jun­ge El­tern fra­gen nach ei­ner Ki­ta­be­treu­ung für ih­re Kin­der. Des­halb müs­sen wir wei­ter in gu­te Ki­tas in­ves­tie­ren. Das ha­be ich schon im­mer an­ders ge­se­hen.

Was wol­len Sie au­ßer­dem für Müt­ter und Vä­ter tun?

Wir brau­chen nicht nur mehr Ki­ta­plät­ze, wir müs­sen auch die Ge­büh­ren ab­schaf­fen. Da­mit kön­nen wir die Fa­mi­li­en am bes­ten ent­las­ten. Es kann nicht sein, dass Müt­ter und Vä­ter, die ar­bei­ten ge­hen, am En­de knapp die Hälf­te ih­res Lohns für Ki­ta­ge­büh­ren aus­ge­ben. Wenn man dann noch die Mie­te ab­zieht, dann ha­ben die­se Men­schen we­ni­ger als an­de­re, die gar nicht ar­bei­ten ge­hen. Das ist un­ge­recht.

Al­so Bei­trä­ge an­statt Steu­ern sen­ken?

Ich wür­de das ei­ne gar nicht ge­gen das an­de­re stel­len. Wir müs­sen Fa­mi­li­en, Al­lein­er­zie­hen­de und Be­zie­her klei­ner und mitt­le­rer Ein­kom­men ent­las­ten. Wir er­ar­bei­ten gera­de un­ser Steu­er­kon­zept. Mit der Ent­las­tung bei den Ki­ta­ge­büh­ren ha­ben Fa­mi­li­en spür­bar mehr Geld im Porte­mon­naie. Aber wir müs­sen auch das Steu­er­sys­tem viel stär­ker auf Fa­mi­li­en mit Kin­dern aus­rich­ten. Nach der neu­en Steu­er­schät­zung kann der Staat bis 2021 rund 54 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr er­war­ten. Das zeigt: Es ist Geld da für In­ves­ti­tio­nen in Bil­dung, al­so in Ki­tas und Schu­len. Wenn es dann noch Spiel­räu­me für Steu­er­sen­kun­gen gibt, soll­ten sie vor al­lem Fa­mi­li­en mit mitt­le­ren und klei­nen Ein­kom­men ent­las­ten. Der Fi­nanz­mi­nis­ter ver­spricht Steu­er­sen­kun­gen, wir wis­sen aber nicht, wer ei­gent­lich da­von pro­fi­tie­ren soll.

Blei­ben wir bei der SPD. Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil will ab 58 000 Eu­ro Ein­kom­men 45 Pro­zent Steu­ern ver­lan­gen. Hat die SPD kein Herz für gut be­zahl­te Fach­ar­bei­ter?

Doch, das hat sie. Ste­phan Weil hat ei­nen Vor­schlag ge­macht, das Steu­er­kon­zept der SPD er­ar­bei­ten wir al­le ge­mein­sam. Man muss da sehr ge­nau hin­schau­en, nicht die­je­ni­gen zu stark zu be­las­ten, die die hart ar­bei­ten­de Mit­te in un­se­rem Land sind. Das ma­chen wir, und des­halb ist in Sa­chen Steu­er­kon­zept auch noch nicht das letz­te Wort ge­spro­chen.

Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz will auf die The­men Bil­dung, For­schung und In­fra­struk­tur set­zen. Was un­ter­schei­det die SPD da von der CDU?

Von der Uni­on un­ter­schei­det uns, dass wir ei­ne Vor­stel­lung von der Zu­kunft ha­ben. Frau Mer­kel ist va­ge. Sie hat ih­re Ver­diens­te um die Ver­gan­gen­heit, aber sie weiß nicht, was sie in den nächs­ten vier Jah­ren er­rei­chen will. Wir müs­sen wei­ter in die Bil­dung in­ves­tie­ren. Vie­le El­tern er­le­ben, dass es noch kei­ne Ganz­tags­plät­ze an Schu­len gibt, dass dort Per­so­nal fehlt. Da muss der Bund stär­ker ein­stei­gen.

Kön­nen Sie sich ei­ne Lo­cke­rung des Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bo­tes zwi­schen Bund und Län­dern vor­stel­len?

Ja. Mar­tin Schulz hat recht und spricht da vie­len El­tern mit Schul­kin­dern aus der See­le. Kei­ner hat doch mehr Ver­ständ­nis für das stän­di­ge Hin- und Her­schie­ben der Ver­ant­wort­lich­kei­ten. Die­se Kle­in­staa­te­rei im Bil­dungs­we­sen muss an­ders wer­den. Kei­ner ver­steht, war­um der Bund nicht ein­fach kräf­tig Geld in die Hand neh­men kann, um die Län­der bei In­ves­ti­tio­nen in Bil­dung zu un­ter­stüt­zen. Wir müs­sen das Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot ganz ab­schaf­fen. Über­all, wo der Bund hel­fen kann, soll er das tun dür­fen.

Noch ein­mal zu­rück zu Schulz. Er war zwi­schen­zeit­lich we­nig in der Öf­fent­lich­keit prä­sent. Ei­ne

zün­den­de Wahl­kam­pa­gne sieht an­ders aus – oder?

Wir hat­ten wirk­lich ei­nen gu­ten Start mit Mar­tin Schulz. Wir ha­ben uns dann auf die Land­tags­wah­len kon­zen­triert. Und wir ha­ben uns mit bun­des­po­li­ti­schen The­men zu­rück­ge­hal­ten. Aus un­se­rer Sicht ist das ein Feh­ler ge­we­sen. Aber jetzt be­ginnt erst der Bun­des­tags­wahl­kampf, und wir kön­nen an den vor­he­ri­gen Schwung wie­der an­knüp­fen. Wir ha­ben die Zu­kunfts­kon­zep­te et­wa bei Ge­rech­tig­keits­the­men, bei Bil­dung, bei In­ves­ti­tio­nen statt Auf­rüs­tung und bei der För­de­rung von in­no­va­ti­ven Un­ter­neh­men.

In­no­va­tiv will die SPD auch beim Wahl­al­ter sein. Auch bei Bun­des­tags­wah­len sol­len jun­ge Leu­te be­reits ab 16 wäh­len dür­fen...

Ich un­ter­stüt­ze, das Wahl­al­ter auf 16 Jah­re ab­zu­sen­ken. Ich se­he bei Land­tags­wah­len, dass die Ju­gend­li­chen das auch nut­zen. Jun­ge Leu­te müs­sen mit­re­den und mit­ent­schei­den kön­nen, gera­de wenn es um ih­re In­ter­es­sen geht.

„Ge­rech­tig­keit ist un­ser Mar­ken­kern“: Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig (SPD), hier bei ei­ner Re­de vor dem Deut­schen Stif­tungs­tag in Os­na­brück. Fo­to: Da­vid Ebener

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