Blitz­schnel­le Dreh­schei­ben

Fid­get Spin­ner ge­nann­te Hand­krei­sel wir­beln in Schu­len und Bü­ros – Gut ge­gen Stress

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite - Von Wal­traud Mess­mann

OS­NA­BRÜCK. „Po­ké­mon Go“war ges­tern. Heu­te sau­sen die Fid­get Spin­ner zwi­schen den Fin­ger­spit­zen. Die Hand­krei­sel ver­set­zen Kin­der in Ver­zü­ckung, trei­ben aber man­chen Leh­rer in den Wahn­sinn.

Al­le wol­len ihn ha­ben. Die Re­de ist vom Fid­get Spin­ner. Im Netz wird der Hand­krei­sel als neu­er Hy­pe ge­fei­ert. Auch in Deutsch­land ist das Gad­get in ei­ni­gen Städ­ten schon Man­gel­wa­re.

Der „Hu­laHo­op der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on“. Die­sen Ti­tel ver­lieh jüngst die „New York Ti­mes“dem Fid­get Spin­ner ge­nann­ten Hand­krei­sel, der in den USA und Groß­bri­tan­ni­en be­reits seit Mo­na­ten auf Schul­hö­fen und auch in Klas­sen­zim­mern her­um­wir­belt. Jetzt sind die pro­pel­ler­ähn­li­chen Spiel­zeu­ge auch in Deutsch­land ge­lan­det. We­gen der gro­ßen Nach­fra­ge sind sie in den Ge­schäf­ten oft aus­ver­kauft.

Wäh­rend die „Hu­la-Ho­op“ge­nann­ten Plas­ti­k­rei­fen vor al­lem um die Hüf­ten krei­sen, dre­hen sich die fu­tu­ris­tisch an­mu­ten­den Spin­ner meist in der Hand ih­res Be­sit­zers. Im Prin­zip funk­tio­nie­ren sie wie Krei­sel. Dank ei­nes Ku­gel­la­gers in der Mit­te dre­hen sie sich aber viel schnel­ler und mit bis zu vier Mi­nu­ten län­ger als ih­re di­ver­sen Vor­gän­ger.

Der Na­me Fid­get Spin­ner lei­tet sich von „to fid­get“für her­um­fuch­teln oder zap­peln und „to spin“für wir­beln und krei­seln ab. Die Spin­ner sol­len ur­sprüng­lich als the­ra­peu­ti­sches Spiel­zeug für Kin­der und Te­enager mit Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit­stö­rung (ADHS) oder Kon­zen­tra­ti­ons­schwie­rig­kei­ten ent­wi­ckelt wor­den sein. Po­si­ti­ve Ef­fek­te für die­se Grup­pe sind aber bis­her nicht nach­ge­wie­sen.

„Loom–Bands wa­ren ges­tern, jetzt gibt es die Fid­get Spin­ner“, meint Ul­rich Brobeil, Ge­schäfts­füh­rer des deut­schen Ver­ban­des der Spiel­wa­ren­in­dus­trie, der den Sie­ges­zug der Hand­krei­sel je­den Mor­gen auf dem Weg zur Ar­beit ver­folgt. In der UBahn sä­ße er im­mer öf­ter Ju­gend­li­chen ge­gen­über, die statt der Bän­der aus vie­len knal­li­gen Gum­mi­rin­gen am Arm die bun­ten Spin­ner zwi­schen den Fin­gern tra­gen. Brobeil, der

in der Toy

Ci­ty Nürn­berg lebt, glaubt, dass die hand­tel­ler­gro­ßen Spiel­zeu­ge das Po­ten­zi­al ha­ben, ei­nen ähn­li­chen Hy­pe aus­zu­lö­sen wie zu­vor Bey­b­la­des oder noch viel frü­her Tama­got­chis und Zau­ber­wür­fel. Auch ein Fid­get­world-Spre­cher sieht den Markt für Spin­ner der­zeit in ei­ner Hy­pepha­se. Doch selbst wenn die vor­bei sei, wer­de es noch vie­le Fans ge­ben, die wei­ter­hin Fid­get Spin­ner be­nutz­ten, ist er sich im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on si­cher. „Als Zeit­ver­treib, zum Spie­len oder auch bei Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­chen.“

In ei­ni­gen Schul­klas­sen in Groß­bri­tan­ni­en und den USA sind die Spin­ner al­ler­dings be­reits ver­bo­ten. Auch Schu­len in den US-Staa­ten Mas­sa­chu­setts, Con­nec­ti­cut, Flo­ri­da und In­dia­na ha­ben sie aus den Klas­sen­zim­mern ver­bannt. „Es ist ein Spiel­zeug, kei­ne Fra­ge, und der Schul­lei­ter hat es wie je­des an­de­re Spiel­zeug ein­ge­stuft: Es ge­hört nach Hau­se“, zi­tiert das Ma­ga­zin „Wor­king Mo­ther“die Leh­re­rin The­re­sa Res­tivo-D’ Ono­frio.

Ent­stan­den sind die Spin­ner aus ei­nem Crowd-Fun­ding-Pro­jekt, das zu­nächst zur Ent­wick­lung des so­ge­nann­ten Fid­get-Cu­bes ge­führt hat­te. Der

Wür­fel war zu­nächst als Spiel­zeug zur Stress­be­wäl­ti­gung ent­wi­ckelt wor­den. Zu die­sem Zwe­cke wird ganz viel gefum­melt: Ner­vö­se Zeit­ge­nos­sen kön­nen an sei­nen Tas­ten her­um­drü­cken, ei­nen Mi­ni-Joy­stick be­die­nen, mit ei­nem Schal­ter kli­cken und an Rä­dern dre­hen. Das soll dann zum Bei­spiel das läs­ti­ge Kau­en an den Fin­ger­nä­geln er­set­zen.

Will man den Fid­get Spin­ner in Be­we­gung set­zen, hält man den Mit­tel­punkt des Ge­räts mit dem Dau­men und dem Zei­ge- oder Mit­tel­fin­ger fest. Mit der an­de­ren Hand ver­leiht man dem Spiel­zeug, das es mit zwei oder drei Flü­geln gibt, Schwung. Ein­mal in Fahrt, dreht sich der Spin­ner je nach Qua­li­tät meh­re­re Mi­nu­ten. Auf Ins­ta­gram und Youtube zei­gen die Fans des Spiel­zeugs, was man mit dem Krei­sel al­les ma­chen kann. Tat­säch­lich ent­puppt sich das ein­fa­che Ge­rät in trai­nier­ten Hän­den als Tau­send­sas­sa: Die bun­ten Pro­pel­ler wer­den von ei­ner Hand in die an­de­re ba­lan­ciert oder gar um den Kör­per her­um­ge­führt. Das Spiel­zeug kann aber auch ge­wor­fen und ge­fan­gen wer­den, oh­ne dass die Ro­to­ren stop­pen. Mit sol­chen Übun­gen ist dann al­ler­dings auch ei­ne ge­wis­se Ver­let­zungs­ge­fahr ver­bun­den. Und im US-Staat Te­xas ver­schluck­te am Mitt­woch ein zehn Jah­re al­tes Mäd­chen ein Plas­tik­teil ih­res Spin­ners und wä­re bei­na­he er­stickt. Seit das Ma­ga­zin For­bes die Spin­ner zum Bü­ro­spiel­zeug des Jah­res 2017 er­klärt hat, wir­beln die­se im­mer häu­fi­ger auch in den Hän­den von Er­wach­se­nen. Am Ar­beits­platz sol­len sie vor al­lem bei der Be­wäl­ti­gung von Kri­sen hel­fen. In Stress­si­tua­tio­nen ner­vös mit dem Ku­gel­schrei­ber­kopf kli­cken, auf Blei­stif­ten kau­en oder im schlimms­ten Fall an den Fin­ger­nä­geln? Das Spiel mit dem Spin­ner ist da si­cher die so­zi­al­ver­träg­li­che­re Va­ri­an­te. Je­den­falls wenn man dar­auf ach­tet, dass man ei­nen Krei­sel kauft, der sich mög­lichst lei­se dreht. Die Spin­ner gibt es schon ab ei­nem Eu­ro. Nach oben sind aber preis­lich kei­ne Gren­zen ge­setzt, denn es gibt ver­gol­de­te Va­ri­an­ten, Mo­del­le in Form von Dol­lar­zei­chen oder Nin­ja-Wurf­s­ter­nen und mit zahl­rei­chen zu­sätz­li­chen Ku­gel­la­gern für noch mehr Dreh-Op­tio­nen. Ein an­de­res Mo­dell ist mit LEDs be­stückt, die bei Ro­ta­ti­on blin­ken. Der Preis liegt bei cir­ca 17 Eu­ro. Re­makes des Ori­gi­nals sind im­mer öf­ter in Ein-Eu­roShops und On­li­ne-Shops wie Ama­zon er­hält­lich.

Für den aus­tra­li­schen Tech-Blog­ger Da­vid King ist der Spin­ner viel mehr als ein Spiel­zeug: „Fid­get Spin­ning ist ein Li­fe­style“, be­fin­det er in ei­nem Clip. Sein Vi­deo „Fid­get Spin­ner Tricks With a Pro­fes­sio­nal Fid­geter“wur­de be­reits mil­lio­nen­fach an­ge­se­hen. Und mit „Spin­ner­craft“ha­ben die Fans der Hand­krei­sel so­gar schon ei­nen ei­ge­nen Youtube-Ka­nal.

Neue Trends im Blick: Mehr le­sen Sie im Netz auf noz.de/gzw

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.