Ukrai­ne will rus­si­sche Web­sei­ten sper­ren

De­kret von Prä­si­dent Po­ro­schen­ko – Men­schen­recht­ler fürch­ten um Mei­nungs­frei­heit

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke -

Von De­nis Tru­bets­koy

Ei­gent­lich gab es zu­letzt wie­der po­si­ti­ve Schlag­zei­len über die Ukrai­ne: Der Eu­ro­vi­si­on Song Con­test in Kiew ist am Wo­che­n­en­de er­folg­reich zu En­de ge­gan­gen. Und in der ver­gan­ge­nen Wo­che be­schlos­sen die eu­ro­päi­schen Re­gie­rungs­chefs, dass Ukrai­ner bald oh­ne Vi­sum in die EU rei­sen dür­fen.

Doch dann tauch­te am Mon­tag­abend auf der Web­sei­te der Prä­si­di­al­ver­wal­tung ein De­kret auf. Dem­nach will die Ukrai­ne meh­re­re be­lieb­te rus­si­sche so­zia­le Netz­wer­ke und E-Mail-Pro­vi­der für min­des­tens drei Jah­re sper­ren. Da­zu ge­hö­ren die Face­boo­kPen­dants VKon­tak­te und Od­no­klass­ni­ki so­wie die Such­ma­schi­ne Yandex und der Mail­an­bie­ter Mail.ru.

Soll­te die Ent­schei­dung um­ge­setzt wer­den, wä­re das ein her­ber Schlag für das ukrai­ni­sche In­ter­net. Die vier Por­ta­le ge­hö­ren zu den Top 10 der meist­be­such­ten Sei­ten. Zu­dem ist VKon­tak­te das so­zia­le Netz­werk mit den meis­ten Nut­zern und liegt deut­lich vor Face­book.

Prä­si­dent Po­ro­schen­ko hat­te die Schlie­ßung sei­ner ei­ge­nen of­fi­zi­el­len VKon­tak­te­und Od­no­klass­ni­ki-Sei­ten am Di­ens­tag mit dem Kampf ge­gen rus­si­sche Pro­pa­gan­da be­grün­det. „Die mas­si­ven Cy­ber­at­ta­cken Russ­lands und die Ein­mi­schung Mos­kaus in den Wahl­kampf in Frank­reich zei­gen: Wir müs­sen ent­schie­de­ner han­deln“, schrieb er in bei­den Netz­wer­ken.

Der über­ra­schen­de Po­ro­schen­ko-Er­lass sorgt in der Ukrai­ne für ge­misch­te Re­ak­tio­nen. Wäh­rend der pa­trio­ti­sche Teil der Zi­vil­ge­sell­schaft ju­belt, kri­ti­sie­ren Jour­na­lis­ten und Men­schen­recht­ler den Ent­schluss scharf. „Das Ver­bot der be­lieb­tes­ten so­zia­len Netz­wer­ke wiegt noch schwe­rer als das, was Russ­land im In­ter­net un­ter­nimmt. Da­mit wer­den so­wohl Per­sön­lich­keits­rech­te als auch die Mei­nungs­frei­heit ein­ge­schränkt“, greift der Kie­wer Po­li­to­lo­ge Kost­jan­tyn Fe­do­ren­ko den Er­lass hart an.

Re­por­ter oh­ne Gren­zen und Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal be­zeich­ne­ten die Ent­schei­dung als „si­gni­fi­kan­te Ein­schrän­kung der Mei­nungs­frei­heit“. Sew­gil Mu­sa­je­waBo­ro­wik, Chef­re­dak­teu­rin des un­ab­hän­gi­gen Por­tals Ukrains­ka Praw­da, mein­te au­ßer­dem iro­nisch: „Wir tre­ten dem Club von Län­dern wie Russ­land, Chi­na oder Nord­ko­rea bei, die die Frei­heit im In­ter­net be­hin­dern.“

An­d­rij Ja­niz­kij, Jour­na­list und Re­dak­teur des un­ab­hän­gi­gen Por­tals LB.ua, ver­tei­digt je­doch die Ent­schei­dung: „Das ist kei­ne Zen­sur. Viel­mehr setzt Kiew auf wirt­schaft­li­chen Druck ge­gen­über Russ­land. Die­se Un­ter­neh­men ha­ben viel Geld in der Ukrai­ne ver­dient. Nur, wenn Russ­land sich aus dem Don­bass zu­rück­zieht, dür­fen sie zu­rück­keh­ren.“Auch Ro­man Zym­bal­juk, Mos­kauKor­re­spon­dent der ukrai­ni­schen Agen­tur UNIAN, freu­te sich über den Ent­schluss: „Das ist ein gu­ter Schritt für die Er­hö­hung der na­tio­na­len Si­cher­heit. Und ei­ne star­ke Ent­schei­dung, um die Tren­nung von Russ­land zu be­kräf­ti­gen.“

Doch ob die Sper­rung über­haupt um­ge­setzt wer­den kann, ist im Mo­ment noch un­klar. Zwar hat mit Ukrt­e­le­kom be­reits ein gro­ßer In­ter­ne­tAn­bie­ter an­ge­kün­digt, an der Um­set­zung des Er­las­ses zu ar­bei­ten. „Da­für bräuch­ten wir et­wa ei­ne Wo­che“, sag­te ein Spre­cher. Al­ler­dings darf zum ei­nen der Zu­gang zu Web­sei­ten laut der ak­tu­el­len Ge­setz­ge­bung nur per Ge­richts­be­schluss ein­ge­schränkt wer­den. Zum an­de­ren sind Ex­per­ten si­cher, dass es tech­nisch noch nicht mög­lich ist, den Er­lass voll zu rea­li­sie­ren. „Ukrai­ni­sche Pro­vi­der sind da­zu ein­fach nicht in der La­ge“, be­tont Olex­an­der Fe­di­jen­ko vom In­ter­net-Ver­band der Ukrai­ne. „Sie müss­ten da­zu ih­re tech­ni­sche Aus­rüs­tung er­neu­ern, was viel Geld kos­tet.“

Die Fol­gen des De­krets ge­hen je­doch deut­lich über das Netz hin­aus. Ne­ben den rus­si­schen Staats­me­di­en wie Per­wyj Ka­nal oder Ros­si­ja 1 wird auch der weit­ge­hend un­ab­hän­gi­ge Wirt­schafts­sen­der RBK ge­sperrt. Auch das be­lieb­te Buch­hal­tungs­pro­gramm 1C, das von rund 80 Pro­zent der Fir­men in der Ukrai­ne ge­nutzt wird, ge­lang­te auf die Sank­ti­ons­lis­te.

Fo­to: dpa

Für min­des­tens drei Jah­re sol­len Sei­ten wie VKon­tak­te – die rus­si­sche Ant­wort auf Face­book – nicht er­reich­bar sein.

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