Ein Mär­ty­rer der Kunst?

„Proof of Li­fe“: Bre­mer We­ser­burg fei­ert das gro­ße Re­vi­val gro­ßer Bil­der der Kunst­ge­schich­te

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Ste­fan Lüd­de­mann

Le­bens­zei­chen der Kunst: Die Bre­mer We­ser­burg in­sze­niert mo­der­ne Bil­der, die be­rühm­te Mo­ti­ve der Kunst­ge­schich­te neu in­sze­nie­ren – von der Ma­don­na bis zum Turm­bau zu Ba­bel.

BRE­MEN. Ihm ist der Kopf zur Sei­te ge­sun­ken, als schlie­fe er. Sein Arm hängt schlaff vom Wan­nen­rand. Ruht die­ser jun­ge Mann oder ist er tot? Ga­vin Turk hat sein Selbst­bild­nis als Wachs­skulp­tur 2005 in ei­ne Wan­ne ge­legt, so wie es der Ma­ler Jac­ques Lou­is Da­vid 1793 mit dem to­ten Re­vo­lu­tio­när Ma­rat ge­macht hat. Ma­rat, ein Blut­hund der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, wird von der jun­gen Char­lot­te Cor­day ge­meu­chelt. Für sein täu­schend ech­tes Bild­nis hat Turk al­les ent­fernt, was an das Ge­mäl­de Da­vids er­in­nert. Ge­blie­ben ist nur die Kör­per­hal­tung des To­ten. Und die Ins­ze­nie­rung des Künst­lers als Re­vo­lu­tio­när, der für die Sa­che der Kunst sein Le­ben ließ.

Der Bild­hau­er als Schön­ling in der Wan­ne – die im pom­pö­sen Glas­kas­ten zur Schau ge­stell­te Fi­gur trifft den pro­gram­ma­ti­schen Kern der Aus­stel­lung „Proof of Li­fe“per­fekt. Die­se rund 100 künst­le­ri­schen Le­bens­zei­chen stam­men aus ei­ner in Brüs­sel und Zü­rich be­hei­ma­te­ten Pri­vat­samm­lung. Der in den Me­di­en als „Di­dier C“apo­stro­phier­te Samm­ler will un­er­kannt blei­ben. Um­so vi­ta­ler tre­ten sei­ne Wer­ke her­vor, die das Bild vom stein­rei­chen Kunst­käu­fer, der be­rühm­te Na­men wie Tro­phä­en ge­dan­ken­los zu­sam­men­kauft, glatt de­men­tie­ren.

Denn Turks Ver­weis auf ein be­rühm­tes Ge­mäl­de der Kunst­ge­schich­te ist in die­ser Schau kein ver­spreng­ter Ein­zel­fall. Gleich ei­ne gan­ze Rei­he von Ge­mäl­den, Skulp­tu­ren, Ob­jek­ten trans­por­tie­ren das Zi­tat be­rühm­ter Vor­bil­der in die Ge­gen­wart. Da­bei geht es nicht um be­din­gungs­lo­se Nach­ah­mung. Die Ap­pro­pria­ti­on Art, die von di­rek­ten Zi­ta­ten leb­te und in den Acht­zi­ger­jah­ren des 20. Jahr­hun­derts zur hip­pen Mo­de­er­schei­nung avan­cier­te, ist gründ­lich pas­sé. Heu­te re­du­zie­ren Künst­ler be­rühm­te Meis­ter­wer­ke auf die Ker­ne je­ner Bild­fin­dun­gen, die zu Le­gen­den avan­cier­ten, und mon­tie­ren sie in über­ra­schend neue Kon­tex­te. Ob Turm­bau zu Ba­bel, das Abend­mahl, die Pie­tà oder eben der to­te Re­vo­lu­tio­när – die iko­ni­schen Bil­der rei­sen durch die Er­in­ne­rung al­ler.

Künst­ler von heu­te re­for­mu­lie­ren die­se Bil­der und hor­chen so mit dem Echo­lot in die Tie­fen kul­tu­rel­ler Über­lie­fe­rung. Ganz ne­ben­bei wird da­mit ei­ne der zen­tra­len Bot­schaf­ten der Avant­gar­den wi­der­ru­fen, dass näm­lich künst­le­ri­sche Tra­di­ti­on hin­fäl­lig sei und im Fort­schritts­ge­sche­hen der Mo­der­ne kei­nen Platz mehr ha­be. Die „Le­bens­zei­chen“der Bre­mer Aus­stel­lung mei­nen kei­ne avant­gar­dis­ti­schen Kraft­ak­te, son­dern vi­ta­le Im­pul­se aus der Ge­schich­te. Das passt in ei­ne Ge­gen­wart, die nicht mehr in ro­si­gen Uto­pi­en schwelgt, son­dern skep­tisch nach der Brü­chig­keit ei­ge­ner Er­fah­run­gen fragt.

Da­bei muss es nicht im­mer so dras­tisch zu­ge­hen wie bei Ja­ke und Di­nos Ch­ap­man, die in ei­ner von win­zi­gen Fi­gu­ren nur so wim­meln­den Vi­tri­ne den Turm­bau zu Ba­bel als apo­ka­lyp­ti­sches Mas­sa­ker in­sze­nie­ren. SS-Scher­gen kämp­fen ge­gen Clowns, aus dem of­fe­nen Wa­gen grüßt mit er­ho­be­ner Hand Adolf Hit­ler. Mir­cea Su­ciu mon­tiert in sei­nem Ge­mäl­de ein Por­trät Be­ne­dikts XVI. im Stil von Vé­laz­quez mit ei­nem Blu­men­still­le­ben nach Brueg­hel und der Farb­ge­bung Fran­cis Ba­cons. Die­se Kunst­wer­ke bie­ten sich, eben­so wie wei­te­re star­ke Ex­po­na­te von An­ton Cor­bi­jn, Da­mi­en Hirst oder Da­ni­el Rich­ter, als Kreu­zungs­punk­te wir­kungs­mäch­ti­ger Bild­tra­di­tio­nen dar.

We­ser­burg-Chef Pe­ter Frie­se in­sze­niert mit „Proof of Li­fe“zum Wech­sel in den ihm ent­spre­chen­den Un­ru­he­stand sei­ne Ab­schieds­schau. Der Ku­ra­tor, der lei­den­schaft­lich für den Er­halt sei­nes kul­tur­po­li­tisch um­strit­te­nen Hau­ses ge­kämpft hat, sen­det da­mit noch ein­mal ein kräf­ti­ges Le­bens­zei­chen aus der We­ser­burg.

Bre­men, We­ser­burg. Mu­se­um für mo­der­ne Kunst:

Proof of Li­fe. Wer­ke aus ei­ner Pri­vat­samm­lung. 20. Mai bis 25. Fe­bru­ar 2018. Di., Mi., Fr. – So. 11–18 Uhr, Do. 11–20 Uhr. www.we­ser­burg.de Bre­mer We­ser­burg: Aus­stel­lungs­re­zen­sio­nen auf noz.de/kunst

Der Künst­ler in der Mas­ke des to­ten Re­vo­lu­tio­närs: Ga­vin Turk fei­ert in sei­ner Plas­tik das be­rühm­te Bild des to­ten Re­vo­lu­tio­närs Je­an Paul Ma­rat und im Selbst­por­trät sich selbst. Der Künst­ler wird so selbst zum Mär­ty­rer sti­li­siert.

Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.