Wie steht es um den Co­mic?

Von Mar­vel-Hel­den bis „Char­lie Heb­do“: Ralf Kö­nig zur La­ge der neun­ten Kunst

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Da­ni­el Be­ne­dict

BER­LIN. „Wal­king De­ad“Co­mics er­obern das Fern­se­hen. Mar­vel-Su­per­hel­den do­mi­nie­ren das Ki­no – und Is­la­mis­ten er­mor­den Zeich­ner. Wo steht der Co­mic heu­te? Ralf Kö­nig, mit Bü­chern wie „Der be­weg­te Mann“und „Arche­typ“ei­ner von Deutsch­lands be­lieb­tes­ten Co­mic-Au­to­ren, ant­wor­tet.

Ihr neu­er Co­mic „Herbst in der Ho­se“be­han­delt die männ­li­chen Wech­sel­jah­re. Das Buch er­wähnt als Sym­pto­me Schwund bei Bart­wuchs, Li­bi­do und Selbst­ver­trau­en. Was fürch­ten Sie am meis­ten? Al­les. Ich bin schon 56, das kann ich selbst kaum glau­ben, mei­ne Freun­de sind auch in den Jahr­gän­gen, und noch ist es ei­ni­ger­ma­ßen ko­misch. Noch! Die­ses Buch war schwie­rig, weil ich viel über Be­grif­fe wie ‚An­dro­pau­se‘ re­cher­chie­ren muss­te, und so de­tail­liert woll­te ich es mit dem kör­per­li­chen Nie­der­gang gar nicht wis­sen!

Mit den Aven­gers und „The Wal­king De­ad“be­set­zen Co­mic-Fi­gu­ren Block­bus­ter-Po­si­tio­nen in Ki­no und Fern­se­hen. Sind Sie Fan? Ich fand die ers­te Staf­fel ‚Wal­king De­ad‘ ziem­lich gut, dann hat’ s mich bald ge­lang­weilt. Aber mein Freund war nied­lich, der stand bei den Zom­bie­sze­nen ker­zen­ge­ra­de mit of­fe­nem Mund vorm So­fa und hat­te rich­tig Angst! Ihm zu­lie­be ha­be ich noch zwei Staf­feln ge­guckt und ihm die Hand ge­tät­schelt, ich konn­te ihn da­mit nicht al­lein­las­sen.

Er­le­ben wir mit den Fran­chise-Uni­ver­sen ein gol­de­nes Zeit­al­ter des Co­mics? Oder füh­len Sie sich von Mar­vel-Su­per­hel­den und Un­to­ten er­drückt?

Das Me­di­um Co­mic war im­mer voll mit Su­per­hel­den und Ali­ens, aber es gibt mitt­ler­wei­le mit den so­ge­nann­ten Gra­phic No­vels ein sehr viel brei­te­res The­men­spek­trum. Mich rei­zen eher Ge­schich­ten, die mir ir­gend­et­was aus dem Le­ben er­zäh­len. Auch wenn ich Knol­len­na­sen zeich­ne, es geht im­mer um Be­zie­hun­gen und Zwi­schen­mensch­li­ches. Mit Fan­ta­sy hab ich’ s nicht so.

Wie ge­fällt Ih­nen der Ge­dan­ke, dass Darth Va­der jetzt ein An­ge­stell­ter des Dis­ney-Kon­zerns ist?

Der ers­te ‚Krieg der Ster­ne‘ war ein gran­dio­ses Sci-FiMär­chen, da­mals war ich 17 und starr­te fas­zi­niert auf die Lein­wand! Der letz­te „Star Wars“-Film er­zähl­te im Grun­de die glei­che Ge­schich­te noch mal, nur oh­ne den da­ma­li­gen Zau­ber. Man sieht in den Block­bus­tern nur noch Com­pu­ter­trickef­fek­te, das lang­weilt mich schnell. Ich hat­te ge­hofft, dass Dis­ney wie­der et­was ver­spiel­ter an die Sa­che geht.

Wir er­le­ben ei­nen Boom rech­ter Po­pu­lis­ten. Ent­mu­tigt Sie das? Oder bre­chen mit Trump gu­te Zei­ten für die Sa­ti­re an?

Ich fin­de be­ängs­ti­gend, wie die Leu­te sich im­mer we­ni­ger für Po­li­tik in­ter­es­sie­ren, nicht wäh­len ge­hen und statt­des­sen mit den Na­sen am Smart­pho­ne kle­ben. Die­se macht­gie­ri­gen Kon­zer­ne wie Goog­le und Ama­zon, das Auf­ge­ben des eu­ro­päi­schen Ge­dan­kens. Sa­ti­re kommt da kaum noch mit und hilft auch nicht wirk­lich. An­schei­nend gibt es die­se Mensch­heits-Strö­mun­gen, mal vor, mal zu­rück, vi­el­leicht muss es bald wie­der mal kra­chen. In dem Sin­ne bin ich froh, dass ich schon 56 bin und ei­ne ziem­lich ent­spann­te Zeit hat­te, oh­ne Krieg und Hun­ger. Wer weiß, was nun wie­der auf die jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen zu­kommt.

Ein Schwer­punkt vie­ler Ih­rer Bü­cher ist Re­li­gi­ons­kri­tik. Was be­deu­ten die Mor­de an den „Char­lie Heb­do“-Kol­le­gen für Ih­re Ar­beit?

Das wa­ren ver­stö­ren­de Ta­ge, ne­ben dem ei­gent­li­chen Mas­sa­ker war für mich schwie­rig, dass bei mei­nem Agen­ten das Te­le­fon nicht still­stand, weil von „Bild“-Zei­tung bis Fern­seh­talk­show al­le mit mir re­den woll­ten! Als ob ich was Schlau­es da­zu sa­gen könn­te! Wenn ein neu­er Co­mic er­scheint, in­ter­es­siert die Me­di­en das kaum, aber wenn so et­was pas­siert, wird man vor die Ka­me­ras ge­zerrt. Dass man mit­ten in Eu­ro­pa we­gen ei­ner Ka­ri­ka­tur um­ge­bracht wer­den kann, ist un­ge­heu­er­lich, aber letzt­lich trifft es un­se­re gan­ze west­li­che Kul­tur, ob Film, Thea­ter, Li­te­ra­tur. So recht weiß nie­mand, wie er mit die­ser Dumm­heit und Bru­ta­li­tät um­ge­hen soll. Wel­chen un­ter­schätz­ten Co­mic soll­te ich mir heu­te noch kau­fen?

Vi­el­leicht ‚Die Leich­tig­keit‘ von Ca­the­ri­ne Meu­ris­se, da geht es ge­nau um das Trau­ma von „Char­lie Heb­do“! Ei­ne der zu­fäl­lig über­le­ben­den Zeich­ne­rin­nen hat ih­ren Schre­cken und ih­re Trau­er mit die­sem Co­mic auf­be­rei­tet. Ich weiß nicht, ob das Buch un­ter­schätzt wird, aber in Deutsch­land frem­delt man ja ge­mein­hin mit Co­mics, und die­ses Buch zeigt auf, was mit die­sem Me­di­um mög­lich ist. Wun­der­bar mi­ni­ma­lis­ti­scher Strich und sehr be­rüh­rend.

Wel­che Co­mic-Fi­gur lie­ben Sie am meis­ten?

Pea­nuts: Char­lie Browns Schwes­ter Sal­ly! Die will nicht ver­ste­hen, war­um sie je­den Mor­gen in die Schu­le muss, und ver­zwei­felt am Ernst des Le­bens. Das geht mir auch so, im­mer noch.

Co­mic Con, MCM Han­no­ver, 20. und 21. Mai

Fo­to: dpa

King of Knoll­na­se: der Au­tor Ralf Kö­nig

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