Ter­ror, Amok und die Ret­ter vor Ort

In Geiselwind trai­nie­ren Hel­fer tak­ti­sche Not­fall­me­di­zin – Ka­ta­stro­phen-Hilfs­werk: Wer­den noch viel da­zu­ler­nen müs­sen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Reportage - Von Tom Ne­be

Ob in Ber­lin oder Mün­chen: Nach ei­nem An­schlag oder Amok­lauf sind Ret­tungs­kräf­te oft als Ers­te vor Ort. Ih­re Her­aus­for­de­rung: Hel­fen, oh­ne sich selbst in Ge­fahr zu brin­gen. Aber wie geht das? In ei­nem spe­zi­el­len Kurs üben Sa­ni­tä­ter und Ärz­te den Ernst­fall.

dpa GEISELWIND. Im Kel­ler ei­nes ab­ge­le­ge­nen Hau­ses an ei­ner Au­to­bahn ste­hen sie­ben Sa­ni­tä­ter und Ärz­te. Vor ih­nen ste­hen vier Män­ner mit Sturm­hau­ben, Hel­men, Schutz­wes­ten und Sturm­ge­weh­ren. Ei­ner von ih­nen er­greift das Wort. Kur­ze Sät­ze, sei­ne Stim­me klingt ge­dämpft durch den Stoff vor sei­nem Mund. Er sagt: „Fol­gen­de La­ge: Es gab ei­nen Amok­lauf in ei­ner Schu­le. Ge­bäu­de ist noch nicht hun­dert­pro­zen­tig ge­si­chert. Erst­ver­sor­gung an si­che­rer Stel­le. Der Kel­ler ist ge­si­chert.“Dann geht es los.

Die vier ver­mumm­ten Po­li­zis­ten ge­hen aus der Tür die Trep­pe hoch. Ge­schrei und Stöh­nen von Ver­letz­ten hallt von den Wän­den. Schüs­se knal­len, Wal­kie-Tal­kies rau­schen. Die Ret­tungs­kräf­te ste­hen wie an ei­ner Schnur ge­zo­gen hin­ter­ein­an­der, der Hin­ter­mann hat sei­ne Hand auf die rech­te Schul­ter des Vor­der­manns ge­legt. Dann set­zen sie sich in Be­we­gung, Schritt für Schritt die Trep­pe hin­auf – die Po­li­zei hat das Erd­ge­schoss ge­si­chert. Mi­nu­ten spä­ter lie­gen fünf Schwer­ver­letz­te auf den brau­nen Ka­chel­flie­sen im Kel­ler. Die Ret­ter ha­ben sie aus den obe­ren Stock­wer­ken dort­hin ge­schleppt. Wun­den wer­den ver­bun­den, Ho­sen zer­schnit­ten, ein Tropf ge­legt. Ein jun­ger Mann stöhnt: „Mein Arm, mein Arm.“

So be­drü­ckend der An­blick ist: Das Sze­na­rio ist in­sze­niert. Die Ver­letz­ten sind Mi­men, die SEK-Be­am­ten sind Kurs­in­struk­to­ren, ih­re Ge­weh­re sind blaue Plas­ti­k­re­pli­ka des Sturm­ge­wehrs G36 von Heck­ler & Koch, für die knal­len­den Schüs­se sor­gen Platz­pa­tro­nen.

Fik­ti­ves Sze­na­rio

Die Not­fall­sa­ni­tä­ter und Ärz­te je­doch sind echt. Sie ler­nen hier für den Ernst­fall. Tak­ti­sche Not­fall­me­di­zin (TECC) heißt der Kurs, und Kai Lan­gen­bach lei­tet ihn. Er hat die kur­zen, knap­pen An­wei­sun­gen vor der Sze­na­rio­übung ge­ge­ben. Auch sonst ist der 38-Jäh­ri­ge kein Mensch, der um das We­sent­li­che her­um­re­det. Laut spricht er nicht, aber deut­lich. Frü­her war Lan­gen­bach – sport­li­che Sta­tur, Kurz­haar­schnitt – Sol­dat. Nun ist er Not­fall­sa­ni­tä­ter und Aus­bil­der für TECC-Kur­se.

Mit sechs an­de­ren Män­nern gibt er den zwei­tä­gi­gen Kurs auf ei­nem Zelt­platz des Baye­ri­schen Ro­ten Kreu­zes bei Geiselwind in der Nä­he von Würz­burg. Auf dem Pro­gramm: Pra­xis­ein­hei­ten, Sze­na­rio­übun­gen und Theo­rie

für Ein­sät­ze bei tak­ti­schen La­gen, wie es im Fach­jar­gon der Ret­tungs­kräf­te heißt.

Zwei tak­ti­sche La­gen ha­ben die Men­schen ver­gan­ge­nes Jahr be­son­ders be­wegt. Da war der Amok­lauf in Mün­chen im Ju­li, als ein 18-Jäh­ri­ger an ei­nem Ein­kaufs­zen­trum neun Men­schen und sich selbst tö­te­te. Im De­zem­ber dann der Last­wa­gen-An­schlag auf ei­nen Weih­nachts­markt an der Ber­li­ner Kai­serWil­helm-Ge­dächt­nis­kir­che, bei dem zwölf Men­schen ge­tö­tet wur­den.

Wie ver­sorgt man Ver­let­zun­gen durch Schüs­se und Ex­plo­sio­nen? Wo lie­gen ge­schütz­te Zo­nen, wo droht Ge­fahr? Wie bleibt man fo­kus­siert auf den Ver­letz­ten, wenn ne­ben ei­nem schwer be­waff­ne­te Po­li­zis­ten ste­hen und im Hin­ter­grund Schüs­se knal­len? Fra­gen, die bei Ret­tungs­kräf­ten in der Aus- und Wei­ter­bil­dung zu kurz kom­men, wie Lan­gen­bach fin­det. Nicht nur bei Ter­ror­at­ta­cken zählt sol­ches Wis­sen. Täg­lich kön­ne so et­was pas­sie­ren, et­wa bei SEK-Ein­sät­zen. „Der Ret­tungs­dienst ist gut auf­ge­stellt, aber es ist Luft nach oben.“

Ob der Dop­pel-An­schlag auf Flug­ha­fen und U-Bahn in Brüs­sel vor gut ei­nem Jahr, der Last­wa­gen-An­schlag von Niz­za im ver­gan­ge­nen Som­mer oder die jüngs­te Ter­ror­at­ta­cke in Lon­don, bei der ein Mann im Re­gie­rungs­vier­tel drei Men­schen mit ei­nem Au­to tot­fuhr und da­nach ei­nen Po­li­zis­ten er­stach: Ter­ror ist zwar längst nicht all­täg­lich, doch die Zahl der An­grif­fe in We­st­eu­ro­pa hat zu­ge­nom­men.

Ri­si­ko: Zweit­an­grif­fe

Das blieb auch hier­zu­lan­de nicht oh­ne Fol­gen: Schon nach dem Ter­ror­an­griff in Pa­ris im No­vem­ber 2015, als al­lein im Mu­sik­club Bat­a­clan drei At­ten­tä­ter 90 Men­schen er­schos­sen hat­ten, be­gan­nen in Deutsch­land Über­le­gun­gen, wie man Ein­satz­kräf­te für der­ar­ti­ge La­gen vor­be­rei­tet. Mi­nis­te­ri­en mach­ten sich Ge­dan­ken, Trä­ger hiel­ten ers­te Theo­rie­kur­se.

Man­cher­orts sind neue Kon­zep­te in Ar­beit oder schon in ih­rer Um­set­zung. Sie prä­zi­sie­ren et­wa die Rol­len­ver­tei­lung von Po­li­zei und Ret­tungs­kräf­ten, wid­men sich Ver­let­zungs­mus­tern

oder be­schrei­ben neue Ein­satz­tak­ti­ken. Ei­ne ein­heit­li­che Agen­da zu dem The­ma gibt es nicht, was un­ter an­de­rem dar­an liegt, dass die Ret­tungs­diens­te Län­der­sa­che sind. Kon­kre­te Aus­bil­dungs­in­hal­te wer­den von kom­mu­na­len Trä­gern und Ver­bän­den aus­ge­ar­bei­tet und ver­mit­telt. All­ge­mein sind die Re­geln für ge­fähr­li­che Ein­sät­ze ei­gent­lich klar. Die Po­li­zei hat das Sa­gen und be­stimmt die Be­rei­che, die ge­fähr­lich sind. Dort ha­ben Sa­ni­tä­ter und Ärz­te nichts zu su­chen, be­to­nen al­le Ex­per­ten, mit de­nen man über das The­ma spricht.

So ein­fach sich so ein Grund­satz an­hört, so schwer ist er manch­mal um­zu­set­zen. Bei­spiel Ber­lin: Da gin­gen die Ein­satz­kräf­te, die sich auf den Weg mach­ten, zu­nächst von ei­nem Un­fall aus. Was wä­re ge­we­sen, wenn in dem Las­ter Spreng­stoff ge­we­sen wä­re? „Hat da vor­her je­mand rein­ge­schaut?“, fragt Ro­bert Sch­mitt und gibt die Ant­wort selbst: Da hät­ten die Ret­tungs­kräf­te „Glück ge­habt“, sagt der Prä­si­dent des Me­di­zi­ni­schen Ka­ta­stro­phenHilfs­werks. Zweit­an­grif­fe auf

Hel­fer sind bei Ter­ror­an­grif­fen in an­de­ren Län­dern schon lan­ge ei­ne Stra­te­gie von At­ten­tä­tern. „Da wer­den wir in Zu­kunft noch viel da­zu­ler­nen müs­sen“, sagt Sch­mitt.

Plötz­lich knallt es

Nicht im­mer er­schließt sich aus ei­nem No­t­ruf, wie ge­fähr­lich ein Ein­satz wer­den könn­te. „Stel­len­wei­se lau­fen wir da blind rein“, sagt Chris­ti­an Mat­tern vom Ar­bei­ter-Sa­ma­ri­ter-Bund (ASB). Auch der Wil­le zu hel­fen kann den Sinn für Ge­fahr be­ne­beln. „Vi­el­leicht er­kennt man in sol­chen Mo­men­ten gar nicht, wie ge­fähr­lich es gera­de ist.“Die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Po­li­zei, Ret­tungs­leit­stel­le und den Kran­ken­wa­gen, die zum Ein­satz­ort ra­sen, ist folg­lich ei­ne wei­te­re Bau­stel­le. Al­le Be­tei­lig­ten müss­ten sen­si­bler wer­den und mit so et­was rech­nen.

Dass Ret­tungs­kräf­te nach Amok­läu­fen und Ter­ror­an­schlä­gen aus­schließ­lich in si­che­ren Zo­nen ope­rie­ren, lässt sich in der Pra­xis kaum um­set­zen. Das zeig­te sich beim Amok­lauf in Mün­chen. Da stürm­ten Sa­ni­tä­ter in ein

Schnell­re­stau­rant, um zu hel­fen – und wur­den von Po­li­zis­ten wie­der her­aus­ge­schickt, weil es dort nicht si­cher schien. In ei­nem Ge­spräch mit In­struk­to­ren sagt ein Ro­tk­reuz-Mann in Geiselwind: „Rei­ne Si­cher­heit wer­den wir in ei­ner dy­na­mi­schen La­ge nie ha­ben.“

Die Kurs­teil­neh­mer wer­den da­mit auch im Sze­na­rio kon­fron­tiert. Wäh­rend sie im als si­cher aus­ge­wie­se­nen Kel­ler die Ver­letz­ten ver­sor­gen, knallt es zwei­mal. Die Hel­fer zu­cken zu­sam­men. Ei­ner der In­struk­to­ren hat­te vor der Tür im Trep­pen­haus Platz­pa­tro­nen ge­feu­ert. Jetzt steht er in der Tür. „Raus hier. Wir müs­sen hier weg. Los!“Die Hel­fer he­ben hek­tisch die Ver­letz­ten an, hie­ven sie auf Tra­ge­tü­chern ins Freie. Ei­ner schul­tert ei­nen jun­gen Mann al­lein auf dem Rü­cken.

Nach je­dem Sze­na­rio folgt ei­ne Be­spre­chung. Was ist gut und was ist schlecht ge­lau­fen? Ein Kri­tik­punkt dies­mal: Ei­ner der Ruck­sä­cke mit Me­di­ka­men­ten und Ver­bands­zeug wur­de im Cha­os im Kel­ler ver­ges­sen und fehl­te an der Sam­mel­stel­le, wo die Ver­letz­ten wei­ter­be­han­delt wur­den. „Darf nicht pas­sie­ren“, sagt Aus­bil­der Lan­gen­bach. „Aber da­für üben wir es.“

War­um sind die Teil­neh­mer – al­les Män­ner – bei dem Kurs im frän­ki­schen Nir­gend­wo da­bei? Die Mo­ti­ve sind un­ter­schied­lich. Die neue Art von Ein­sät­zen wie beim Ter­ror­an­schlag in Ber­lin ist ei­ner der Be­weg­grün­de. „Es geht dar­um, sich zu sen­si­bi­li­sie­ren. Das sind La­gen, über die man noch nie nach­ge­dacht hat“, sagt Mar­vin, Sa­ni­tä­ter in Ber­lin, wäh­rend der Mit­tags­pau­se. Ne­ben ihm sitzt Andre­as, Arzt in Re­gens­burg. „Ein Kum­pel hat uns ge­zwun­gen“, scherzt er und zeigt auf ei­nen Kol­le­gen zwei Plät­ze ne­ben ihm. Dann sagt er: „Wir ha­ben ein­fach Bock dar­auf ge­habt.“

Wäh­rend der Übung sind vie­le der Teil­neh­mer in ei­nem Tun­nel. Die Bli­cke kon­zen­triert, An­wei­sun­gen wer­den ge­bellt, Ver­letz­te be­ru­higt und nach Schmer­zen be­fragt. Was geht in ih­nen in so ei­ner Si­tua­ti­on vor, wenn im Hin­ter­grund Schüs­se knal­len? Andre­as schmun­zelt über die Fra­ge. „Hier weiß man doch, dass es knal­len wird.“

Al­le Kur­se aus­ge­bucht

Der TECC-Kurs ist ei­ne frei­wil­li­ge Fort­bil­dung, die der Deut­sche Be­rufs­ver­band Ret­tungs­dienst seit 2016 an­bie­tet. Im ers­ten Jahr gab es zehn Kur­se, die­ses Jahr rech­net der Ver­band mit rund 20. Die Kur­se im ers­ten Halb­jahr sei­en al­le­samt aus­ge­bucht, so Lan­gen­bach. Dies­mal sind nur Not­fall­sa­ni­tä­ter und Ärz­te da­bei. Bei frü­he­ren Kur­sen ha­ben auch Po­li­zis­ten und Per­so­nen­schüt­zer mit­ge­macht. Am En­de je­des Kur­ses folgt ei­ne theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Prü­fung. Wer sie be­steht, er­hält ein in­ter­na­tio­na­les Zer­ti­fi­kat.

Die In­struk­to­ren sind ei­ne bun­te Mi­schung. Ei­ner ist Ober­arzt, ei­ner Sol­dat, ei­ner Bun­des­po­li­zist. Bei je­dem der Kur­se kommt auf zwei Teil­neh­mer ein Aus­bil­der. Auch der ma­te­ri­el­le Ein­satz ist hoch. Um die 20 gro­ßen Plas­tik­kis­ten voll mit Uten­si­li­en ste­hen ent­lang der ge­sam­ten Längs­sei­te des Auf­ent­halts­raums im Erd­ge­schoss. Al­lein 40 De­kom­pres­si­ons­na­deln zum Ent­las­ten von Luf­t­an­samm­lun­gen im Brust­korb ha­ben die In­struk­to­ren da­bei. Sie ha­ben Ret­tungs­bret­ter zum Pa­ti­en­ten­trans­port, Bein­mo­del­le mit Si­li­kon­be­zug und Schwei­ne­köp­fe mit­ge­bracht.

An de­nen wird ge­übt, pul­sie­ren­de Blu­tun­gen zu stop­pen. Da­bei wird Kunst­blut über Schläu­che durch den Schwei­ne­kopf zu ei­nem Loch ge­pumpt, aus dem es ste­tig her­aus­läuft. Ein mar­tia­li­scher An­blick. Es geht den In­struk­to­ren um Rea­li­täts­nä­he. Die Blu­tung stoppt erst, wenn die Teil­neh­mer spe­zi­el­le Ver­bän­de rich­tig in das Loch ge­drückt ha­ben. Sonst läuft es und läuft es. Wie in der Rea­li­tät bei ei­ner ver­letz­ten Ober­schen­kel­ar­te­rie. „Dar­an stirbt ein Pa­ti­ent in we­ni­gen Mi­nu­ten, wenn die Blu­tung nicht ge­stoppt wird“, sagt Lan­gen­bach.

Amok­lauf in ei­ner Schu­le: Die­ses Sze­na­rio trai­nie­ren die Sa­ni­tä­ter in Geiselwind. Ge­schützt von Po­li­zis­ten, rü­cken die Ret­tungs­kräf­te vor. Fo­tos: dpa

Trai­ning für den Ernst­fall im frän­ki­schen Nir­gend­wo: Sa­ni­tä­ter schlep­pen „Ver­letz­te“zur Sam­mel­stel­le.

Frü­her Sol­dat, jetzt Not­fall­sa­ni­tä­ter: der Lei­ter der TECCKur­se (Tac­tical Emer­gen­cy Ca­su­al­ty Ca­re), Kai Lan­gen­bach,

Müs­sen un­ter Druck funk­tio­nie­ren: Nach ei­nem An­schlag oder Amok­lauf sind Ret­tungs­kräf­te oft als Ers­te vor Ort.

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