„Das kann ich nicht ver­ge­ben“

Schwe­den stellt Er­mitt­lun­gen ge­gen Wi­kileaks-Grün­der Ass­an­ge ein

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von An­dré Anwar

Seit fünf Jah­ren hat Ju­li­an Ass­an­ge kei­nen Fuß vor sein Bot­schafts­exil in Lon­don ge­setzt. Er fürch­tet ei­ne Aus­lie­fe­rung. Jetzt er­mit­telt Schwe­den nicht mehr ge­gen ihn. Aus dem Haus traut sich der Wi­kileaks-Grün­der des­halb aber noch nicht.

STOCK­HOLM. Die recht­li­che Odys­see Ass­an­ges geht in ei­ne neue Run­de. Zu­min­dest theo­re­tisch ist der Wi­kileaks-Grün­der seit Frei­tag ein frei­er Mann. Die seit 2010 ver­ant­wort­li­che schwe­di­sche Staats­an­wäl­tin Ma­ri­an­ne Ny hat die in­zwi­schen sie­ben­jäh­ri­ge Vor­un­ter­su­chung we­gen um­strit­te­ner Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wür­fe zwei­er Schwe­din­nen nie­der­ge­legt. „Es er­scheint nicht län­ger ver­hält­nis­mä­ßig, den Haft­be­fehl für Ju­li­an Ass­an­ge in sei­ner Ab­we­sen­heit auf­recht­zu­er­hal­ten“, sag­te Ny in Stock­holm. Al­le Mög­lich­kei­ten, den Fall zu un­ter­su­chen, sei­en „er­schöpft“.

Statt mit ei­nem Kom­men­tar re­agier­te Ass­an­ge zu­nächst mit ei­nem Twit­ter-Bild, auf dem er mü­de, aber ge­löst lä­chelt. Spä­ter tritt er auf ei­nem win­zi­gen Bal­kon der ecua­do­ria­ni­schen Bot­schaft in Lon­don vor die Pres­se. Fünf Jah­re ha­be er dort ver­brin­gen müs­sen.

„Das kann ich nicht ver­ge­ben und nicht ver­ges­sen“, sag­te Ass­an­ge. Das sei nicht das, „was wir von ei­nem zi­vi­li­sier­ten Staat er­war­ten“. In sei­nem 20 Qua­drat­me­ter gro­ßen Exil ist seit 2012 ein Lauf­band die ein­zi­ge Be­we­gungs­mög­lich­keit. Ge­sell­schaft leis­tet ihm ei­ne Kat­ze, die ihm sei­ne Kin­der schenk­ten. Sein An­walt Per Sa­mu­el­son sag­te un­se­rer Zei­tung, dass die Si­tua­ti­on „psy­chisch sehr zer­mür­bend“für Ass­an­ge sei. Ass­an­ges Mut­ter spricht von Herz­pro­ble­men.

Ver­gan­ge­nen No­vem­ber war Ass­an­ge in der Bot­schaft

von der schwe­di­schen Staats­an­walt­schaft zu den Vor­wür­fen be­fragt wor­den. Er­geb­nis­se wur­den da­zu nicht ver­öf­fent­licht. Die Vor­wür­fe ge­gen Ass­an­ge sind höchst um­strit­ten. 2010 hat­te er über sei­ne Ent­hül­lungs­platt­form Wi­kileaks schwe­re US-Kriegs­ver­bre­chen im Irak an­hand von ge­hei­men US-Mi­li­tär­do­ku­men­ten ent­hüllt. Im glei­chen Jahr reis­te er durch Schwe­den, wo er mit zwei jun­gen Frau­en, die ihm bei ei­ner Kam­pa­gne hal­fen, Sex hat­te.

In Schwe­den ist die recht­li­che Schwel­le für den Tat­be­stand ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung nied­ri­ger als in an­de­ren Län­dern. Ass­an­ge hat­te sich laut der Aus­sa­gen der Frau­en vor al­lem zu­schul­den kom­men las­sen, dass er ent­ge­gen de­ren Wil­len kein Kon­dom beim an­sons­ten ein­ver­nehm­li­chen Sex be­nutzt hat­te.

Die Lon­do­ner Po­li­zei stellt un­ter­des­sen klar: Ass­an­ge wird im­mer noch ge­sucht – aber we­gen ei­nes „viel we­ni­ger schwe­ren“Ver­ge­hens. Da­mit dürf­te ein Ver­stoß ge­gen die Auf­la­gen ge­meint sein, die der Aus­tra­li­er 2012 hat­te. Da­mals war er auf Kau­ti­on frei.

Mit er­ho­be­ner Faust tritt Ju­li­an Ass­an­ge auf dem Bal­kon in der ecua­do­ria­ni­schen Bot­schaft in Lon­don vor die Pres­se. Fo­to: AFP

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