Po­len für St­ein­mei­er ei­ne „Her­zens­sa­che“

Bun­des­prä­si­dent be­sucht Nach­bar­land

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Bea­te Ten­fel­de Nach­bar im Os­ten: mehr zu Po­len auf noz.de/po­li­tik

Für Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er sind die deutsch-pol­ni­schen Be­zie­hun­gen ein „Her­zens­an­lie­gen“. Vor sei­ner Rei­se nach War­schau nann­te er da­für ei­nen gu­ten Grund: „Mei­ne Mut­ter stammt aus Bres­lau. Ich ha­be sehr per­sön­li­che Er­fah­run­gen mit un­se­rer ge­mein­sa­men, oft auch schwie­ri­gen Ge­schich­te ge­macht.“

Schwie­rig ist auch die Ge­gen­wart. Die Po­len wol­len ein an­de­res Eu­ro­pa als die Deut­schen. Die na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Bea­ta Szydlo, mit der St­ein­mei­er zu ei­nem Vier-Au­gen-Ge­spräch zu­sam­men­traf, hält den An­drang auf Eu­ro­pa für ein Er­geb­nis der deut­schen Will­kom­mens­kul­tur. Al­so sol­len die Deut­schen ge­fäl­ligst mit dem Pro­blem al­lein klar­kom­men. War­schau ver­wei­gert die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen. Für St­ein­mei­er wie­der ein­mal ei­ne schwie­ri­ge Mis­si­on.

Op­po­si­ti­on skan­diert

Prä­si­dent An­drzej Du­da, der mit der Deutsch­leh­re­rin Aga­ta Korn­hau­ser-Du­da ver­hei­ra­tet ist, be­grüß­te St­ein­mei­er und des­sen Ehe­frau El­ke Bü­den­be­n­der herz­lich. In der Sa­che aber blieb er hart. „Po­len ist ein of­fe­nes Land. Aber wir wol­len Flücht­lin­ge nicht un­ter Zwang im Land hal­ten“, er­klär­te Du­da. In ei­nem In­ter­view hat­te er vor Jah­ren schon von „EUZwangs­la­gern für Flücht­lin­ge in Po­len“ge­spro­chen. St­ein­mei­er ging dar­auf – öf­fent­lich je­den­falls – nicht ein. „Ich ken­ne die­se Idee nicht. Ich wüss­te nicht, dass ir­gend­je­mand in Eu­ro­pa die­se For­de­rung er­ho­ben hät­te“, sag­te der Bun­des­prä­si­dent. Er hob her­vor, dass Po­len „zum Kern Eu­ro­pas ge­hört“. Ein kla­rer Ap­pell zum Zu­sam­men­halt.

Er­kenn­bar ist: Die Nach­barn ha­ben sich ent­frem­det. Aber sie brau­chen ein­an­der. Der deutsch-fran­zö­si­sche Mo­tor läuft ge­ra­de wie­der an. Und ge­nau das soll mit den deutsch-pol­ni­schen Be­zie­hun­gen ge­sche­hen. Denn die EU braucht Po­len, 38 Mil­lio­nen Ein­woh­ner stark und seit Jah­ren mit glän­zen­den Wirt­schafts­da­ten.

In ei­nem In­ter­view mit der pol­ni­schen Nach­rich­ten­agen­tur PAP un­ter­strich das deut­sche Staats­ober­haupt die Be­deu­tung Po­lens für die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on. „Oh­ne Län­der wie Po­len mit sei­ner gro­ßen Frei­heits­tra­di­ti­on ist für mich ein ge­ein­tes Eu­ro­pa nicht denk­bar.“Be­geis­tert ha­be ihn im­mer wie­der „die Lei­den­schaft der Po­len für die Frei­heit, die Kraft der So­li­dar­nosc-Be­we­gung und wie sich die Po­len den Weg zu Frei­heit und De­mo­kra­tie ge­bahnt ha­ben. All das hat mich und sehr vie­le Deut­sche tief be­ein­druckt“, sag­te St­ein­mei­er.

Dass er im Ge­gen­satz zu sei­nem Vor­gän­ger Joa­chim Gauck, des­sen ers­te Rei­se nach War­schau ging, erst zwei Mo­na­te nach sei­nem Amts­an­tritt kam, er­klär­te der Prä­si­dent so: Der Be­such der War­schau­er Buch­mes­se – wo Deutsch­land Gast­land ist – sei ei­ne „aus­ge­zeich­ne­te Mög­lich­keit“, die „tie­fen kul­tu­rel­len Ver­bin­dun­gen bei­der Län­der“sicht­bar zu ma­chen. So ist es ge­sche­hen.

In sei­ner Re­de vor Au­to­ren, Ver­le­gern, Wis­sen­schaft­lern und Amts­kol­le­ge Du­da un­ter­strich der Bun­des­prä­si­dent, dass „Eu­ro­pa sei­ne Lek­ti­on ge­lernt“ha­be. „Un­se­re Kon­tro­ver­sen en­den nicht mehr – wie im ,Zau­ber­berg‘ von Tho­mas Mann – mit der For­de­rung nach Sa­tis­fak­ti­on und dem Tod. Wir ha­ben uns auf den Rechts­staat als Mitt­ler ver­stän­digt, er ist der Ga­rant von Frei­heit und De­mo­kra­tie“, hob St­ein­mei­er her­vor.

St­ein­mei­ers Re­de wur­de be­glei­tet von Sprech­chö­ren. „Kons­ty­tu­tya“– „Ver­fas­sung“skan­dier­ten De­mons­tran­ten, die im An­ge­sicht des Prä­si­den­ten die Aus­höh­lung de­mo­kra­ti­scher Rech­te an­pran­ger­ten. Sehr mu­tig, die­se Op­po­si­ti­on.

Mit ih­ren First La­dies neh­men die Prä­si­den­ten Frank-Wal­ter St­ein­mei­er und An­drzej Du­da den Sa­lut der Eh­ren­gar­de ent­ge­gen. Fo­to: AFP

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