Lambs­dorff: Bun­des­re­gie­rung über­for­dert EU-Part­ner

EU-Par­la­ments-Vi­ze sieht gu­te Chan­cen für Li­be­ra­le bei Bun­des­tags­wahl – „Tür­kei-Po­li­tik auf gan­zer Li­nie ge­schei­tert“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Ma­ri­on Trim­born le­sen Sie on­li­ne auf noz.de/in­ter­view

OS­NA­BRÜCK. Der Eu­ro­pa­par­la­ments-Vi­ze Alex­an­der Graf Lambs­dorff zieht ei­ne ne­ga­ti­ve Bi­lanz der Eu­ro­pa­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ha­be die eu­ro­päi­schen Part­ner im­mer wie­der igno­riert und über­for­dert. Jetzt müs­se sie auf Frank­reich zu­ge­hen. Lambs­dorff will im Sep­tem­ber mit der FDP wie­der in den Bun­des­tag ein­zie­hen.

Herr Graf Lambs­dorff, in Frank­reich hat ein jun­ger Li­be­ra­ler, Em­ma­nu­el Ma­cron, die Prä­si­dent­schafts­wah­len ge­won­nen. Was heißt das für die Li­be­ra­len in Deutsch­land?

Für uns ist das ei­ne rie­si­ge In­spi­ra­ti­ons­quel­le, wir ha­ben ja auch ei­nen jun­gen re­form­freu­di­gen Spit­zen­kan­di­da­ten.

Aber da gibt es doch ei­nen we­sent­li­chen Un­ter­schied: Au­ßer Chris­ti­an Lind­ner hat die FDP über­haupt kei­ne jun­gen Kan­di­da­ten . . . Mo­ment! Die FDP tritt be­wusst nicht nur mit ei­ner jun­gen Trup­pe an, son­dern mit An­ge­bo­ten für ver­schie­de­ne Ge­ne­ra­tio­nen. Her­mann Ot­to Solms ist 76, Wolf­gang Ku­bi­cki 65, ich bin 50, Chris­ti­an Lind­ner 38. Wir ha­ben un­ter­schied­li­che Le­bens­er­fah­run­gen. Die Wäh­ler wol­len ja nicht nur jun­ge Hüp­fer se­hen, son­dern Par­tei­en, die ei­nen Spie­gel der Ge­sell­schaft dar­stel­len.

Nach dem gu­ten Ab­schnei­den der FDP bei den Land­tags­wah­len in NRW fragt man sich aber den­noch, ob die FDP über­haupt ge­nug Per­so­nal für Spit­zen­äm­ter hat, Kan­di­da­ten, die auch be­kannt sind . . .

Wir sind gut auf­ge­stellt, kei­ne Sor­ge.

Wie lau­tet denn das Ziel für die Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber?

Un­ser Ziel ist es, in den Bun­des­tag ein­zu­zie­hen. Nicht mehr und nicht we­ni­ger – das ist uns sehr ernst. Der Li­be­ra­lis­mus ist kei­ne Mo­de­er­schei­nung, son­dern ei­ne po­li­ti­sche Phi­lo­so­phie, die Deutsch­land po­si­tiv ge­prägt hat. Li­be­ra­le wa­ren in je­dem frei­en deut­schen Par­la­ment seit 1848 ver­tre­ten. Das wol­len wir wie­der er­rei­chen.

Ma­chen Sie selbst sich auch schon für den Wech­sel nach Ber­lin start­klar?

Ja, ich kan­di­die­re in mei­ner Hei­mat Bonn und hof­fe, ab dem 24. Sep­tem­ber von Ber­lin aus ar­bei­ten zu dür­fen.

Im April ha­ben Sie die De­bat­te über Bünd­nis­se nach der Wahl als April­scherz be­zeich­net. Jetzt ist Mai, al­so soll­ten Sie sich mal fest­le­gen. Steht die FDP wirk­lich der Uni­on nä­her?

In wirt­schafts- und fi­nanz­po­li­ti­schen Fra­gen ja. Aber die bo­cki­ge Ver­wei­ge­rungs­hal­tung der Uni­on beim The­ma Ein­wan­de­rung ent­zweit uns. Bei die­ser wich­ti­gen Fra­ge sind die So­zi­al­de­mo­kra­ten un­se­rer For­de­rung nach ei­nem Ein­wan­de­rungs­ge­setz für ei­ne in­tel­li­gen­te Steue­rung der Zu­wan­de­rung nä­her. Beim Bü­ro­kra­tie­ab­bau, in der In­dus­trie- und Ener­gie­po­li­tik da­ge­gen die Uni­on. Und in der Zu­kunfts­fra­ge Di­gi­ta­li­sie­rung sind wir weit vor al­len an­de­ren, egal ob rot oder schwarz.

Al­so doch eher Schwar­zGelb als ei­ne Am­pel-Ko­ali­ti­on auf Bun­des­ebe­ne?

Ich hal­te es für falsch, als au­ßer­par­la­men­ta­ri­sche Op­po­si­ti­on jetzt groß­spu­rig über Re­gie­rungs­bil­dung zu re­den. Wir blei­ben auf dem Tep­pich. Wenn es uns ge­lingt, un­se­re The­men er­folg­reich zu ver­tre­ten, kann die FDP ei­ne Ko­ali­ti­on ein­ge­hen. Wenn uns das nicht ge­lingt, ma­chen wir Op­po­si­ti­on.

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hat­te in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren vor al­lem mit der Flücht­lings­kri­se zu tun, die Eu­ro­pa ent­zweit hat. Da ist doch kei­ne Lö­sung mehr in Sicht, oder?

Die Bun­des­kanz­le­rin hat die Flücht­lings­po­li­tik in Eu­ro­pa so an die Wand ge­fah­ren, dass ich da in ab­seh­ba­rer Zeit kei­nen ge­mein­sa­men Weg se­he. Erst hat sie nie­man­dem Be­scheid ge­sagt, be­vor sie ei­ne Mil­li­on Men­schen nach Deutsch­land rief. Dann hat sie von den zu­vor igno­rier­ten Part­nern ver­langt, ihr Hun­dert­tau­sen­de von Flücht­lin­gen ab­zu­neh­men. Und dann hat sie ganz ver­wun­dert ge­tan, dass die an­de­ren die­ses Spiel nicht mit­spie­len woll­ten.

Wie fällt Ih­re Bi­lanz der Eu­ro­pa­po­li­tik der Gro­ßen Ko­ali­ti­on aus?

Lei­der ne­ga­tiv. Die­se Bun­des­re­gie­rung hat die Part­ner im­mer wie­der igno­riert, über­for­dert oder vor voll­ende­te Tat­sa­chen ge­stellt. Bei der Bit­te Ita­li­ens um ei­ne recht­zei­ti­ge Re­form des Du­blinSys­tems war es so, bei der Ener­gie­wen­de oder eben in der Flücht­lings­fra­ge. Hel­mut Kohl oder Hans-Dietrich Gen­scher wä­re es nie in den Sinn ge­kom­men, solch weit­rei­chen­de Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, oh­ne vor­her in Pa­ris, Rom, Brüs­sel und Den Haag an­zu­ru­fen und sich ab­zu­stim­men.

Die Flücht­lings­kri­se gilt ja auch als Grund da­für, dass die EU im­mer noch an den Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei fest­hält . . .

Ja, die Tür­kei-Po­li­tik der Gro­ßen Ko­ali­ti­on ist auf gan­zer Li­nie ge­schei­tert. Bei den Pro­pa­gan­da-Auf­trit­ten für die Ab­schaf­fung der De­mo­kra­tie hat Frau Mer­kel her­um­ge­ei­ert, an­statt kla­re An­sa­gen zu ma­chen. Und Sig­mar Ga­b­ri­el hält es noch heu­te für ei­ne gu­te Idee, mit der Tür­kei wei­ter über ei­nen Bei­tritt zu ver­han­deln, den es nie ge­ben wird. Das EUPar­la­ment for­dert ja, die Ver­hand­lun­gen ab­zu­bre­chen – auch wenn man wei­ter kon­struk­tiv re­den muss. Das ist auch die Hal­tung der FDP.

Das aus­führ­li­che In­ter­view

Kan­di­diert: Alex­an­der Graf Lambs­dorff (FDP). Fo­to: dpa

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