Die de­mo­kra­ti­sche Kraft des Po­pu­lis­mus

Der ers­te „grü­ne Popstar“Pe­tra Kel­ly nutz­te po­pu­lis­ti­sche Rhe­to­rik – und stärk­te so am En­de die De­mo­kra­tie

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Kay Mül­ler

Oft wird nur über Rechts­po­pu­lis­mus ge­spro­chen, der De­mo­kra­ti­en ge­fähr­det. Doch es gibt auch Bei­spie­le für lin­ke Po­pu­lis­ten, die am En­de den Staat so­gar stärk­ten.

Sie kennt das Ge­fühl, wenn al­le ge­gen sie sind, weil sie ei­ne un­be­que­me Mei­nung ver­tritt. Weil sie ge­gen die Eli­ten auf­be­gehrt, ge­gen ei­ne Me­dien­land­schaft, die nicht über das be­rich­tet, was sie für rich­tig hält. Sie ist ei­ne Frau, die zwi­schen dem Wunsch nach Fa­mi­lie und der Le­bens­auf­ga­be Po­li­tik schwankt, die sich in der ei­ge­nen Par­tei mit den Män­nern schwer­tut – und die dann auch ein­fach nicht Spit­zen­kan­di­da­tin für die Bun­des­tags­wahl sein will, bei der ih­re Par­tei das ers­te Mal ins Par­la­ment ein­zie­hen wird. „Wir spre­chen den Re­gie­ren­den das Recht ab, in un­se­rem Na­men wei­ter­hin zu han­deln“, sagt sie ent­schlos­sen.

Man könn­te den­ken, dass es sich bei die­ser Frau um Frau­ke Pe­try von der AfD han­delt – da­bei ist hier die Re­de von Pe­tra Kel­ly, der Grü­nen-Iko­ne der frü­hen 80er-Jah­re. Der Ver­gleich zeigt, dass sich die bei­den zwar in ih­rer po­li­ti­schen Aus­rich­tung fun­da­men­tal un­ter­schei­den, dass sie aber in ih­rer Art, Po­li­tik zu ma­chen, durch­aus Ähn­lich­kei­ten auf­wei­sen. Denn sie sind bei­de Po­pu­lis­ten – die ei­ne von links, die an­de­re von rechts.

Die Macht bre­chen

Der Be­griff des Link­s­po­pu­lis­mus ist in der Wis­sen­schaft durch­aus um­strit­ten, da­bei hat er in der Ge­schich­te ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on. Im­mer wie­der ha­ben Dem­ago­gen ver­sucht, mit ein­fa­chen Ant­wor­ten die herr­schen­den Eli­ten, die das Volk aus­beu­ten und be­trü­gen, die Mas­sen zu mo­bi­li­sie­ren. Im Un­ter­schied zu mar­xis­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen ver­trau­en sie da­bei nicht auf ei­ne strin­gen­te Ideo­lo­gie, son­dern auf Ap­pel­le an die Emo­tio­nen der Men­schen, um die Macht der Rei­chen zu bre­chen.

Das al­les gab es schon wäh­rend der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, in den USA in den 20er- und 30er-, auch in Groß­bri­tan­ni­en En­de der 70er-Jah­re. Und das wi­der­legt ei­ne land­läu­fi­ge Mei­nung, nach der Po­pu­lis­ten erst in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten stark ge­wor­den sind, in de­nen die eta­blier­ten Par­tei­en an Bin­de­kraft ver­lo­ren ha­ben. Es ist zwar zwei­fel­los rich­tig, dass da­durch die An­zahl der Wech­sel­wäh­ler zu­ge­nom­men hat und die Men­schen für ein­fach Ant­wor­ten, die nicht durch ein ideo­lo­gi­sches Ge­rüst ge­stützt wer­den, an­fäl­li­ger ge­wor­den sind – das al­les kann po­pu­lis­ti­sche Be­we­gun­gen be­feu­ern, aber es ist kei­ne Vor­aus­set­zung da­für. Und noch et­was: Po­pu­lis­mus muss kei­nes­falls ei­ne De­mo­kra­tie zer­stö­ren­de Wir­kung ha­ben – auch das zeigt das Bei­spiel der Grü­nen, die heu­te ein sta­bi­li­sie­ren­der Fak­tor des po­li­ti­schen Sys­tems sind.

Am An­fang steht wie bei al­len po­pu­lis­ti­schen Be­we­gun­gen das Miss­trau­en. Das Miss­trau­en ge­gen die wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Eli­ten, ge­gen das Bil­dungs­sys­tem, ge­gen die Me­di­en. Und der Glau­be. Der Glau­be an das Gu­te der ei­ge­nen Sa­che, an die ei­ge­ne Über­le­gen­heit, die ir­gend­wann die schwei­gen­de Mas­se über­zeu­gen wird – wenn man ih­nen nur die Au­gen über die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se in un­se­rem Staat ge­öff­net hat. All das treibt Pe­tra Kel­ly um, als sie in den frü­hen 70er-Jah­ren be­ginnt, in Deutsch­land Po­li­tik zu ma­chen. Die Re­vo­lu­ti­on der 68er ist aus­ge­blie­ben, aber de­ren Geist ist in den neu­en so­zia­len Be­we­gun­gen er­hal­ten ge­blie­ben. Dass die Me­di­en von Ka­pi­ta­lis­ten ge­steu­ert wer­den, ist hier Com­mon Sen­se. Dass die Men­schen un­ter­drückt wer­den auch. Dass kor­rup­te Eli­ten um des ei­ge­nen Vor­teils wil­len die Zer­stö­rung der Um­welt ris­kie­ren und die Welt in ei­nen Atom­krieg stür­zen kön­nen. Dass Min­der­hei­ten nicht ge­hört und ak­zep­tiert wer­den.

Und auch wer nicht die ra­di­ka­len Zie­le der Ro­tenAr­mee-Frak­ti­on un­ter­stüt­zen kann, kann sich zu­min­dest dar­über auf­re­gen, dass die Ge­nos­sen von der RAF, wie sie häu­fig ti­tu­liert wer­den, durch den Staat in der Iso­la­ti­ons­haft ge­fol­tert wer­den. Den Kampf da­ge­gen sym­bo­li­siert die Frau an der Spit­ze, der ers­te grü­ne Popstar, wie Pe­tra Kel­ly spä­ter von der Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin Re­na­te Kü­n­ast ge­nannt wird.

Par­al­le­len nach rechts

All das ist zu der Zeit nicht mehr­heits­fä­hig, aber es gibt ei­ne gan­ze Men­ge Leu­te, die dar­an glau­ben. Sie schaf­fen sich ei­ge­ne Pu­bli­ka­ti­ons­ka­nä­le und Me­di­en, um ih­re ei­ge­ne Wahr­heit ver­brei­ten zu kön­nen. Sie schaf­fen für man­che ei­ne Le­bens­welt, in der man sich be­we­gen kann, oh­ne mit je­man­dem von au­ßen groß in Be­rüh­rung kom­men zu müs­sen. Sie tref­fen sich auf De­mons­tra­tio­nen, die von der Po­li­zei kri­tisch be­glei­tet wer­den, und ver­su­chen so die Men­schen zu über­zeu­gen, dass es wich­ti­ge­re The­men gibt als die, mit de­nen die sich ge­ra­de be­schäf­ti­gen.

Nicht al­le Ant­wor­ten auf die Pro­ble­me der Zeit wa­ren ein­fach, aber ei­ni­ge. Am En­de setzt sich ei­ne Frau durch, die ra­di­kal auf­tritt, aber auch et­was Zer­brech­li­ches ver­kör­pert. Und doch wird sie von macht­be­wuss­ten Män­nern an die Sei­te ge­drängt.

Die Par­al­le­len zur rechts­po­pu­lis­ti­schen Be­we­gung der ver­gan­ge­nen Jah­re sind un­ver­kenn­bar. Und es zeigt, dass Po­pu­lis­ten nicht im­mer

wel­che blei­ben müs­sen und dass sie in der La­ge sind, Leu­te an das po­li­ti­sche Sys­tem her­an­zu­füh­ren, die sich da­von zu­vor ent­we­der ent­fernt oder es nie wirk­lich ernst ge­nom­men ha­ben. So­gar sol­che, die das herr­schen­de Sys­tem mit Ge­walt be­kämpft ha­ben.

Der Rest der Ge­schich­te ist be­kannt. Bei den Grü­nen wer­den die ra­di­ka­le­ren Grün­der durch die in K- und Spon­ti-Grup­pen ge­stähl­ten

neu­en Prag­ma­ti­ker zu­erst an die Sei­te und spä­ter aus der Par­tei ge­drängt. Die Grü­nen kom­men zu­erst in die Par­la­men­te, dann in die Re­gie­run­gen.

Die Kli­en­tel der Par­tei ver­än­dert und er­wei­tert sich. Am En­de ist das, was als ei­ne po­pu­lis­ti­sche Be­we­gung be­gon­nen hat, ein Teil des Sys­tems ge­wor­den. Wer den Po­pu­lis­mus von heu­te ge­ne­rell ver­teu­felt, soll­te das be­den­ken.

Fo­tos: dpa und ima­go/Die­ter Bau­er/pho­to­thek

Pe­tra Kel­ly mit­ten­drin: Beim Ein­zug in den Bun­des­tag 1983, als ihr Wil­ly Brandt gra­tu­lier­te, bei der De­mons­tra­ti­on der 400 000 ge­gen die ato­ma­re Auf­rüs­tung in Bonn 1981 (Mit­te) und beim BRD-Be­such Erich Hone­ckers 1987 (un­ten).

Auch die Grü­nen-Iko­ne Pe­tra Kel­ly be­dien­te sich am Po­pu­lis­mus – wenn auch von links, al­so ent­ge­gen dem heu­te ver­or­te­ten Po­pu­lis­mus. Hier ist Kel­ly ne­ben (von links) Rolf Stolz, Au­gust Hauß­lei­ter und Nor­bert Mann zu se­hen. Der neue Par­tei­vor­stand der Grü­nen gab im Früh­jahr 1980 vor der Bun­des­tags­wahl in Bonn ei­ne Pres­se­kon­fe­renz. Fo­to: dpa

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