Neue Fas­zi­na­ti­on für ein al­tes Hüt­chen

Kunst­vol­ler Kopf­schmuck: Wie der Fas­zi­na­tor über Groß­bri­tan­ni­en hin­aus be­liebt wur­de

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen - Von El­ke Schrö­der

Ein Hüt­chen mit Si­gnal­wir­kung krönt seit ein paar Jah­ren nicht mehr nur das Haupt fei­ner Da­men der bri­ti­schen Ober­schicht: Der haar­schmü­cken­de Fas­zi­na­tor ist längst auch hier­zu­lan­de be­son­ders zur Hoch­zeits­sai­son ge­fragt. Da­zu brauch­te es ein paar kö­nig­li­che Vor­bil­der.

Es ist das ge­sell­schaft­li­che Er­eig­nis des Jah­res in Groß­bri­tan­ni­en, wenn am heu­ti­gen Sams­tag Pip­pa Midd­le­ton ih­ren Ver­lob­ten Ja­mes Mat­t­hew in ei­ner Dorf­kir­che in der mit­tel­eng­li­schen Graf­schaft Berk­shire hei­ra­tet. Die bri­ti­sche Bou­le­vard­pres­se wird dann nicht mehr rät­seln müs­sen, in wel­chem Kleid die Braut vor den Al­tar schrei­ten wird oder was ih­re pro­mi­nen­ten Gäs­te wie ih­re Schwes­ter Catherine, Her­zo­gin von Cam­bridge tra­gen.

Ein Hin­gu­cker

Ein be­son­de­rer Hin­gu­cker ver­spricht zu­dem der Kopf­schmuck zu wer­den. Denn, ob zum Af­ter­noon-Tea bei ei­ner stil­vol­len Gar­ten­par­ty, beim le­gen­dä­ren Hut-Schau­lau­fen am Ran­de des Pfer­de­ren­nens von Roy­al As­cot im Ju­ni oder eben als Gast bei ei­ner Hoch­zeit: ei­nen Hut für sie und ihn oder zu­min­dest ein „Hüt­chen“, den so­ge­nann­ten Fas­zi­na­tor (engl. Fa­sci­na­tor), für die La­dy ge­hört bei den Bri­ten tra­di­tio­nell zu ei­nem an­ge­mes­se­nen Auf­tritt da­zu. Klei­der ma­chen Leu­te – und da­bei hat­te auch die Kopf­be­de­ckung schon im­mer ei­ne Be­deu­tung, die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner be­stimm­ten ge­sell­schaft­li­chen Schicht kennt­lich zu ma­chen.

Streng ge­nom­men ist der Fas­zi­na­tor aber eher ein Haar­ge­steck als ein Hüt­chen. Es kann sich da­bei um ein Kämm­chen, Clips oder Haar­rei­fen han­deln, die mit flie­ßen­den Stof­fen oder ei­nem kur­zen Schlei­er, mit Fe­dern, Blü­ten, Per­len, Pail­let­ten oder Spi­ra­len kunst­voll in Sze­ne ge­setzt wer­den.

Der Krea­ti­vi­tät sind kei­ne Gren­zen ge­setzt, denn al­les zielt auf ei­ne mög­lichst gro­ße Wir­kung ab: „Der Fas­zi­na­tor ist kein Bei­werk, son­dern spielt im Ge­sam­tout­fit die Haupt­rol­le“, be­tont die Ge­mein­schaft Deut­scher Hut­fach­ge­schäf­te e. V. Noch dra­ma­ti­scher ist die Wei­ter­ent­wick­lung des Fas­zi­na­tors, der – of­fen­bar mit bri­ti­schem Hu­mor be­nann­te – so­ge­nann­te Sau­cer, der et­was grö­ßer ist, er­in­nert tat­säch­lich an ei­ne Un­ter­tas­se: Cha­rak­te­ris­tisch ist sei­ne schräg bis senk­recht ste­hen­de durch ei­nen Haar­reif ge­hal­te­ne Schei­be.

Hut oder „Hüt­chen“: Dass bei­de Va­ri­an­ten ent­we­der zart-ele­gant oder aus­la­dendschrill aus­fal­len kön­nen, be­wie­sen ei­ni­ge Gäs­te bei der Hoch­zeit von Prinz Wil­li­am und Catherine Midd­le­ton 2011. Man schreibt der Queen-En­ke­lin Prin­zes­sin Bea­tri­ce zu, an die­sem Tag im April den Mil­lio­nen von Zu­schau­ern der Live­über­tra­gung auch hier­zu­lan­de den bri­ti­schen Kopf­schmuckMo­de­trend zu grö­ße­rer Be­kannt­heit ver­hol­fen zu ha­ben, denn ihr Hut-Hau­te-Cou­ture-Auf­tritt sorg­te für Ge­sprächs­stoff: Für ihr creme­far­be­nes Man­tel­kleid von Va­len­ti­no mit ge­wag­ter Fas­zi­na­tor-Krea­ti­on des iri­schen Hut­ma­chers Phil­ipp Tre­acy ern­te­te sie Spott von den me­dia­len Zaun­gäs­ten: Was soll­te das gro­ße Ge­bil­de vor ih­rer Stirn dar­stel­len? Ei­ne Bre­zel? Ein Os­te­rei mit Schlei­fe?

Ca­mil­la als Trend­set­te­rin

Hier­zu­lan­de wur­den in­fol­ge weit­aus we­ni­ger avant­gar­dis­ti­sche Fas­zi­na­to­ren po­pu­lär: So man­che Braut wählt nun das „Hüt­chen“mit Fe­der als Er­satz für ei­nen lan­gen Schlei­er. Ein Clip, ge­schmückt mit Sa­tin­stoff-Spi­ra­le be­setzt, kann nun­mehr auch ein pas­sen­der Haar­schmuck zum Out­fit für ei­nen Thea­ter- oder Ball­be­such sein.

In Groß­bri­tan­ni­en kam der Fas­zi­na­tor schon viel frü­her in Mo­de. Das Ge­burts­jahr des Hut­trends da­tier­te die bri­ti­sche „Ti­mes“auf das Jahr 2008, wie das Ma­ga­zin „Der Spie­gel“be­rich­te­te. Aus­ge­rech­net die da­mals nicht als Mo­dei­ko­ne be­kann­te Her­zo­gin Ca­mil­la gilt dem­nach mit Kö­ni­gin Eliz­a­beth II. als Trend­set­te­rin, weil bei­de da­mals – eben­so wie Catherine Midd­le­ton – zur Hoch­zeit des Queen-En­kels Pe­ter Phil­ipps ei­nen Fas­zi­na­tor tru­gen – und da­mit den Um­satz des Haar­schmucks an­kur­bel­ten. Klei­ne Haar­ge­ste­cke mit kur­zem Schlei­er als Braut­kopf­schmuck wa­ren in Deutsch­land be­reits in den 50er-Jah­ren en vogue. Es war ei­ne Zeit, in der die Hut­bran­che noch ein­mal ei­ne Blü­te­zeit er­leb­te, da ein Hut ge­sell­schaft­lich zur All­tags­klei­dung ge­hör­te.

Mit Be­ginn der 60er-Jah­re war da­mit Schluss. Die 2010 ver­stor­be­ne Mo­de­his­to­ri­ke­rin In­grid Lo­schek er­klär­te dies im „Re­clams Mo­de- und Ko­s­tüm­le­xi­kon“un­ter an­de­ren mit der zu­neh­men­den Ver­brei­tung des Au­tos so­wie mit ei­nem „sport­li­chen, un­ge­zwun­ge­nen Le­bens­stil“.

Ju­we­len und Fe­dern

So sind die fi­li­gra­nen oder üp­pi­gen „Hüt­chen“-Krea­tio­nen der Mo­dis­ten, die wir heu­te ken­nen, ei­gent­lich ein al­ter Hut: Es sind Neu­in­ter­pre­ta­tio­nen ei­nes fei­nen Kopf­schmucks, des­sen Wur­zeln bis in die Zeit der jun­gen fran­zö­si­schen Kö­ni­gin Ma­rie An­toi­net­te (1755–1793) zu­rück­ge­hen, die als Sti­li­ko­ne ih­rer Zeit star­ken Ein­fluss auf die Mo­de in Adels­krei­sen aus­üb­te: So türm­ten sich die Pe­rü­cken im Schloss von Ver­sailles im­mer hö­her, die künst­li­che Haar­pracht wur­de pom­pö­ser mit far­ben­fro­hen Strau­ßen­fe­dern und Ju­we­len, gar mit Schiffs­mo­del­len, ge­schmückt.

Da­nach setz­ten sich klei­ne, reich ver­zier­te Da­men­hü­te in den un­ter­schied­lichs­ten For­men durch. En­de des 18. Jahr­hun­derts kam dann der kur­ze Hutschlei­er erst­mals in Mo­de. Als ei­nen Vor­läu­fer des Sau­cer könn­te man in ge­wis­ser Wei­se den in Frank­reich in den 1770er-Jah­ren be­lieb­ten Wat­teauHut be­zeich­nen mit sei­ner cha­rak­te­ris­ti­schen fla­chen Schei­be am Vor­der­kopf, oft reich mit Strau­ßen­fe­dern ver­se­hen. Ei­ne Form, die in den 50er-Jah­ren auch in Deutsch­land wie­der be­liebt wur­de. Und heu­te? Die Hut­mo­de folgt auch hier dem an­ge­sag­ten Vin­ta­ge-Look, wo gern tief in die viel­fäl­ti­ge Stil­kis­te ver­gan­ge­ner Epo­chen ge­grif­fen wird.

Schril­le Ex­tra­va­ganz oder schlich­te Ele­ganz? Ei­ne Hut­pa­ra­de in Bil­dern so­wie al­le Tei­le un­se­rer „Ach so“Se­rie auf noz.de/gzw

Roya­le Büh­ne als Lauf­steg der Hut-Hau­te-Cou­ture: die bri­ti­sche Prin­zes­sin Bea­tri­ce (links) sorg­te 2011 mit ih­rem fu­tu­ris­ti­schen Fas­zi­na­tor für Spott und Ge­sprächs­stoff. Ex­tra­va­gan­te Mo­del­le sind auch bei Pfer­de­ren­nen in As­cot (oben) zu se­hen – je­doch seit 2012 nicht mehr in der kö­nig­li­chen Lo­ge. Als Fas­zi­na­tor-Trend­set­te­rin­nen gel­ten in Groß­bri­tan­ni­en auch die Her­zo­gin­nen Catherine und Ca­mil­la (un­ten).

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