Ei­ne Iko­ne des Kunst­be­triebs

Die Do­ku­men­ta­ti­on „Beuys“bie­tet ei­ne ful­mi­nan­te fil­mi­sche Col­la­ge

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Film -

Ein Spin­ner? Ein Schar­la­tan? Oder der größ­te Künst­ler des Jahr­hun­derts? And­res Vei­el nä­hert sich in ei­nem Do­ku­men­tar­film dem oft um­strit­te­nen Jo­seph Beuys.

Von To­bi­as Sun­der­diek

Kommt Kunst, wie ger­ne be­haup­tet, von Kön­nen? Braucht man Ta­lent da­für? Oder kann je­der, wie Jo­seph Beuys be­haup­te­te, Künst­ler sein?

Zu­min­dest Ta­lent und Kön­nen wur­den Beuys, dem 1986 mit 64 Jah­ren ver­stor­be­nen Düs­sel­dor­fer Kunst­pro­fes­sor, oft ab­ge­spro­chen. Vie­le Men­schen ver­stan­den sei­ne Ar­bei­ten nicht, schüt­tel­ten den Kopf. Was soll­ten sei­ne Fette­cken auf Stüh­len be­deu­ten? Wie­so er­klär­te er in ei­ner Per­for­mance ei­nem to­ten Ha­sen die Kunst? War­um klei­de­te er ein Kla­vier kom­plett in Filz ein? Und wes­halb woll­te er lie­ber 7000 Ei­chen pflan­zen, als auf der „Do­cu­men­ta“Kunst zu zei­gen?

Auch 31 Jah­re nach sei­nem Tod gibt Beuys den meis­ten Rät­sel auf. Mehr noch: Kaum ein an­de­rer Künst­ler war so oft Ge­gen­stand von Spott und Hä­me, frei nach dem Mot­to „Kann das weg oder ist das Kunst?“. Ger­ne zi­tiert wird je­ne Säu­be­rungs­ak­ti­on, mit der zwei Frau­en ei­ne mit Mull­bin­den und Heft­pflas­tern „ver­dreck­te“Säug­lings­ba­de­wan­ne säu­ber­ten, um dar­in Sekt­glä­ser spü­len zu kön­nen, je­doch nicht ah­nend, dass sie da­bei ein Kun­st­ob­jekt von Beuys zer­stör­ten. Ein Er­eig­nis, das so­gar Ein­gang in die Wer­bung fand – als Re­kla­me für Putz­mit­tel.

Do­ku­men­tar­fil­mer And­res Vei­el („Black Box BRD“) prä­sen­tiert nun den Künst­ler und Men­schen Beuys mit­tels ei­ner Viel­zahl von Ar­chiv­ma­te­ri­al. Da sind sei­ne Pro­test­ak­tio­nen in der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie, die das Un­ver­ständ­nis von Po­li­ti­kern wie Jo­han­nes Rau pro­vo­zier­ten, zu se­hen, eben­so wie sei­ne Aus­stel­lun­gen et­wa im New Yor­ker Gug­gen­heimMu­se­um oder auf der Bi­en­na­le in Ve­ne­dig. Und auch sei­ne Per­for­man­ces: Wie er et­wa in Filz ein­ge­packt mit ei­nem Ko­jo­ten ein Zim­mer in New York teilt. Ge­zeigt wird aber auch, wie Beuys sich für die da­mals neue und ra­di­ka­le Par­tei der Grü­nen auf­rieb, dann aber fal­len ge­las­sen wur­de, als es dar­um ging, Wah­len zu ge­win­nen. Zu­dem zei­gen Aus­schnit­te aus Po­di­ums­dis­kus­sio­nen, mit wie viel Hu­mor Beuys sein Kunst-Kon­zept zu ver­tei­di­gen wuss­te.

Doch wer war nun Beuys wirk­lich? Was soll­te und woll­te sei­ne Kunst? Wer in die­ser Kom­pi­la­ti­on aus zeit­ge­nös­si­schen Film­aus­schnit­ten und ei­ni­gen we­ni­gen In­ter­views nach kla­ren Ant­wor­ten sucht, wird sie in „Beuys“nicht fin­den. Was je­doch auch ei­ne Stär­ke des Films ist. Denn statt den „Er­klär­bär“zu ge­ben, ver­mit­telt Vei­el lie­ber ein Stück Nach­kriegs-(Kunst-)Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik, die, wie er­ra­ti­sche Blö­cke, er­neut Fra­gen auf­wer­fen, und da­zu auf­ru­fen, sich nä­her mit Beuys zu be­fas­sen.

Ein Aus­schnitt bleibt be­son­ders im Ge­dächt­nis: Wäh­rend ei­ner Dis­kus­si­on wur­de Beuys di­rekt an­ge­grif­fen: Sei­ne Rhe­to­rik sei leer, sein Auf­tre­ten nur Sen­sa­tio­na­lis­mus, so ein of­fen­bar em­pör­ter Be­su­cher. Beuys ver­schmitz­te Ant­wort dar­auf: Na­tür­lich sei das Kre­ieren von Sen­sa­tio­nen wich­tig. Denn sonst wür­de man ja nicht über sei­ne Kunst re­den. Dass man sich auch heu­te noch an Beuys er­in­nert, ist si­cher auch der Schaf­fung von Sen­sa­ti­on ge­schul­det. Dass sei­ne Kunst aber ei­ne ganz ei­ge­ne Rhe­to­rik be­sitzt, die noch im­mer wirkt, das zeigt der Film auch. Was für ei­ne Künst­ler­bio­gra­fie denn doch als Er­folg ge­wer­tet wer­den kann.

Er er­klär­te ei­nem to­ten Ha­sen, was es mit den Bil­dern an der Wand auf sich hat und pflanz­te in Kas­sel 7000 Ei­chen ne­ben ei­nen St­ein. In sei­ner Do­ku­men­ta­ti­on nä­hert sich Re­gis­seur Vei­el dem zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler Jo­seph Beuys. Fo­to: dpa

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