Wie­der­se­hen nach 27 Jah­ren

Ein Abc zum „Twin Peaks“-Neu­start

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Film - Von Da­ni­el Be­ne­dict

wie Spe­cial Agent Da­le CooAper:

Im FBI-Er­mitt­ler, der in Twin Peaks den Mord an der Schü­le­rin Lau­ra Pal­mer auf­klärt, kul­mi­nie­ren al­le Ei­gen­ar­ten der Se­rie. Mit sei­nem Ju­bel über schmack­haf­ten Kaf­fee und Kirsch­ku­chen ist er der Vor­zei­geEx­zen­tri­ker im splee­ni­gen Fi­gu­ren­ar­se­nal. Die Vi­sio­nen, auf die er sich in sei­nen Er­mitt­lun­gen stützt, sind Kern der Mys­te­ryEbe­ne von „Twin Peaks“. Auch dass die Se­rie nach ei­nem gu­ten Vier­tel­jahr­hun­dert ei­ne drit­te Staf­fel be­kommt, ver­dankt sich Co­o­pers zwei­tem Ge­sicht. In ei­nem be­geg­net er dem Mord­op­fer, das ihm an­kün­digt: „I’ ll see you again in 25 ye­ars.“

B

wie Bob: Der Kil­ler der Se­rie ist ein Dä­mon. Sein Darstel­ler Frank Sil­va war ur­sprüng­lich nur Aus­stat­ter. Beim Dreh hat Lynch ihn spon­tan ge­cas­tet – noch oh­ne ei­ne Rol­le im Sinn zu ha­ben. Die Idee zur Fi­gur Bob kam ihm, als Sil­va in ei­ner Sze­ne ver­se­hent­lich im Spie­gel zu se­hen war. 1995 starb Sil­va an Aids.

C

wie CO­OP: Als „Twin Peaks“in der zwei­ten Staf­fel den Mör­der von Lau­ra Pal­mer ent­larvt, sin­ken die Ein­schalt­quo­ten; der US-Sen­der ABC be­schließt, die Se­rie nicht fort­zu­set­zen; die Fan-Initia­ti­ve Ci­ti­zens Ou­tra­ged at the Of­fing of Peaks (CO­OP) pro­tes­tiert. Ihr Mot­to: „All we are say­ing is gi­ve Peaks a chan­ce!“

D

wie Dia­ne: Uner­müd­lich spricht Co­oper Nach­rich­ten an die nie zu se­hen­de As­sis­ten­tin Dia­ne ins Dik­tier­ge­rät; sei­ne Er­mitt­lun­gen kön­nen sie eben­so be­tref­fen wie sei­ne an­ge­neh­me Nacht­ru­he. Un­ter dem Ti­tel „Dia­ne... – The Twin Peaks Ta­pes of Agent Co­oper“wer­den sie als Kas­set­te ver­trie­ben. Bei Ama­zon kos­tet sie heu­te 606,20 Eu­ro.

E

wie Ein­woh­ner­zahl: Das Orts­schild von Twin Peaks gibt die Ein­woh­ner­zahl mit 51 201 an, sehr viel an­ge­sichts des klein­städ­ti­schen Set­tings. Gun­ther Rein­hardt zi­tiert im Re­clamBand zur Se­rie den „Vi­si­tor’ s Gui­de to Twin Peaks“, wo­nach die Zahl erst 5210 lau­ten soll­te und nur we­gen ei­nes Schreib­feh­lers hö­her aus­fiel. Es ge­be aber auch Ge­rüch­te, wo­nach der Sen­der sie ge­fälscht hat, um das Pu­bli­kum nicht schon im Vor­spann mit Pro­vinz zu ver­schre­cken. F wie Mark Frost: Im Au­to­ren­ge­spann Frost/Lynch ist er der TVPro­fi. Se­ri­en wie „Po­li­zei­re­vier Hill Street“wei­sen ihn als ef­fi­zi­en­ten Rou­ti­nier aus, als er das Ex­pe­ri­ment „Twin

Peaks“wagt. Frost schreibt auch Ro­ma­ne; sein ak­tu­el­ler er­zählt als fik­ti­ve Qu­el­len­mon­ta­ge „Die ge­hei­me Ge­schich­te von „Twin Peaks“.

G

wie Ge­heim­nis: Als we­sent­li­cher Grund für das Schei­tern der zwei­ten Staf­fel gilt die ver­früh­te Ent­lar­vung von Lau­ras Mör­der. Um Leaks vor­zu­beu­gen, wur­de die Schlüs­sel­sze­ne mit zwei ver­schie­de­nen Tä­tern ge­dreht. Da­vid Lynch be­teu­ert, bei Be­ginn des Se­ri­en­drehs selbst noch nicht ge­wusst zu ha­ben, wem er die Tat am En­de zu­schrei­ben wird.

H

wie Hals­band­dros­sel: Der Vor­spann je­der „Twin Peaks“-Epi­so­de be­ginnt mit dem Bild ei­nes Sing­vo­gels. Die Or­ni­tho­lo­gen un­ter den Fans wol­len ei­ne Hals­band­dros­sel in ihm er­ken­nen. In der Schluss­sze­ne von Lynchs Spiel­film „Blue Vel­vet“(1986) hat er eben­falls ei­nen Auf­tritt.

Is­ei­nem

wie „In­vi­ta­ti­on to Lo­ve“: In Gen­re­mix wirkt „Twin Peaks“wie ei­ne Alb­traum-So­ap. Frost und Lynch zi­tie­ren das Gen­re nicht nur, sie par­odie­ren es auch mit der fik­ti­ven So­ap „In­vi­ta­ti­on to Lo­ve“, ei­ner Se­rie in der Se­rie. Der Trap­pis­ten­mönch Tho­mas Kea­ting be­nutzt den Ti­tel 1992 für ein rea­les Er­bau­ungs­buch.

wie Ja­pan: Das ja­pa­niJ­sche Pu­bli­kum liebt „Twin Peaks“so sehr, dass so­gar der im Rest der Welt ge­flopp­te Ki- no­film Er­folg hat. 1993 dreht Lynch für das dor­ti­ge Fern­se­hen vier Wer­be­spots für Do­sen-Kaf­fee, in dem Agent Co­oper ei­ne in Twin Peaks ver­schol­le­ne Ja­pa­ne­rin sucht.

K

wie Krü­mel­mons­ter: Als Spe­cial Agent Coo­kie geht Krü­mel­mons­ter dem Na­men des Städt­chens „Twin Beaks“nach. Beak heißt Schna­bel – in Twin Beaks ha­ben des­halb al­le Vo­gel­pup­pen zwei Schnä­bel.

LVa­ter

wie Da­vid Lynch: Der zwei­te von „Twin Peaks“war schon eta­blier­ter Ki­no­re­gis­seur, als er sich über­ra­schend dem Fern­se­hen zu­wand­te. Das Bild der Ar­beits­auf­tei­lung zwi­schen ihm als vi­sio­nä­rem Künst­ler und dem Hand­wer­ker Frost för­dert er mit An­ek­do­ten, wo­nach er auf der Psych­ia­ter­couch frei flot­tie­ren­de As­so­zia­tio­nen dik­tier­te, wäh­rend Frost flei­ßig tipp­te.

wie Mann von ei­nem an­deM­ren

Ort: In sei­nen Träu­men be­kommt Agent Co­oper Hin­wei­se von ei­nem Klein­wüch­si­gen, dem „Mann von ei­nem an­de­ren Ort“. Den ver­stö­ren­den Ef­fekt sei­ner Auf­trit­te er­zielt Lynch mit ei­nem Trick: Der Schau­spie­ler Micha­el J. An­der­son spricht sei­nen Text rück­wärts, ist aber auf ei­ne fremd­ar­ti­ge Wei­se ver­ständ­lich, weil die ge­sam­te Sze­ne ih­rer­seits rück­wärts ab­ge­spielt wird.

NSchon

wie Nor­thwest Pas­sa­ge:

vor der Se­rie pla­nen Frost und Lynch ge­mein­sa­me Pro­jek­te. Ein Ma­ri­lyn-Mon­ro­eBio­pic ver­läuft ge­nau­so im Sand wie „One Sa­li­va Bub­b­le“, die Gro­tes­ke über be­wusst­seins­ver­än­dern­den Elek­tro­smog. Zünd­fun­ke für die „Twin Peaks“ist Lynchs Idee ei­ner in Plas­tik ein­ge­wi­ckel­ten Lei­che. Ers­ter Ar­beits­ti­tel war „Nor­thwest Pas­sa­ge“.

O

wie Ono­mas­tik: Bei der Na­men­kun­de von „Twin Peaks“stößt man auf Echos: She­riff Har­ry S. Tru­man heißt wie der 33. US-Prä­si­dent, Gor­don Co­le, den Lynch selbst spielt, wie ei­ne Fi­gur aus Wil­ders „Sun­set Bou­le­vard“. Der ein­ar­mi­ge Phil­lip Ger­ard teilt sei­nen Na­men mit ei­nem Po­li­zis­ten aus „Auf der Flucht“. Die ge­lie­he­nen Na­men ma­chen die Fi­gu­ren zu ab­hän­gi­gen Dop­pel­gän­gern und füh­ren in Lynchs Kern­the­ma: Auf­lö­sung von Iden­ti­tät.

P

wie Pro­gramm­um­feld: RTL plus star­tet „Twin Peaks“am 10. Sep­tem­ber 1991 um 20.15 Uhr, di­rekt nach „Knight Ri­der“. Als Kon­kur­renz läuft im Ers­ten die Fern­seh­lot­te­rie, im ZDF ei­ne Spiel­film-Ver­si­on der „Wal­tons“und „MacGy­ver“auf Sat1. Man kann nur ah­nen, wie die Lei­che der tot­ge­fol­ter­ten Ge­le­gen­heits­pro­sti­tu­ier­ten Lau­ra auf das Pu­bli­kum wirk­te.

QAls

wie Qua­li­täts­fern­se­hen:

„Twin Peaks“am 8. April 1990 beim US-Sen­der ABC de­bü­tiert, sind ab­ge­schlos­se­ne

Epi­so­den die gän­gi­ge Kri­mi-Dra­ma­tur­gie. Den epi­so­den­über­grei­fen­den Er­zähl­bo­gen ent­lei­hen Lynch und Frost der So­ap. Heu­te ist die von ei­nem Haupt­au­tor be­treu­te Gro­ßer­zäh­lung Kern von Qua­li­täts­se­ri­en wie „Brea­king Bad“.

R

wie R: Dass Lau­ra Op­fer ei­nes Se­ri­en­kil­lers wur­de, er­kennt Co­oper an des­sen Er­ken­nungs­zei­chen: Al­len Lei­chen schiebt Bob Zet­tel­chen mit Buch­sta­ben un­ter den Fin­ger­na­gel, die zu­sam­men sei­nen Na­men er­ge­ben: Ro­bert. Un­ter Lau­ras Na­gel steckt das R.

Swä­re

wie Sound­track: „Twin Peaks“un­vor­stell­bar oh­ne die zwi­schen Sehn­sucht und Ver­der­ben schwan­ken­de Mu­sik An­ge­lo Ba­da­l­a­men­tis. Ihr ma­ni­pu­la­ti­ver Ges­tus wird noch ver­stärkt, wenn die Se­rie den Num­mern die un­wahr­schein­lichs­ten Qu­el­len in der Hand­lung zu­schreibt: So­gar in der Bi­ker-Bar ver­zau­bert Ju­lee Crui­ses äthe­ri­sche Stim­me das wüs­te Pu­bli­kum.

wie T-Shirt: Mo­de als GeT­ständ­nis: Auf dem Hö­he­punkt des Se­ri­en­hy­pes tra­gen Hard­core-Fans Shirts mit dem Mot­to: „I kil­led Lau­ra Pal­mer.“

U

wie un­lau­te­rer

Wett­be­werb: Sat1 hat RTL plus den Spaß ver­dor­ben und Lau­ras Mör­der im Vi­deo­text ver­ra­ten. RTL selbst hat den Fans das tol­le Fi­na­le vor­ent­hal­ten und nur 21 von 30 „Twin Peaks“-Fol­gen ge­zeigt.

Vwird

wie ver­kannt: „Twin Peaks“1990 zum Me­die­ner­eig­nis; die Em­my Awards igno­rie­ren die Pio­nier­leis­tung. Bes­te Dra­ma-Se­rie wird das An­walts­for­mat „L.A. Law“, als Darstel­ler wird Kyle MacLach­lan (Co­oper) vom Co­lum­bo-Star Pe­ter Falk ge­schla­gen. Ein­zi­ge Preis­trä­ger sind Du­way­ne Dun­ham (Schnitt) und Ko­s­tüm­bild­ne­rin Patri­cia Nor­ris.

Wdie­sem

wie „Wild at He­art“: Mit Film ge­winnt Lynch in Can­nes die Gol­de­ne Pal­me, als die ers­te Staf­fel „Twin Peaks“Fu­ro­re mach­te. Er selbst nennt ihn als Grund da­für, dass er sich in die zwei­te Staf­fel nicht in­ten­siv ge­nug ein­bringt – was all­ge­mein als Qua­li­täts­ver­lust wahr­ge­nom­men wird. Als „Twin Peaks“ab­ge­setzt wird, dreht er zum Aus­gleich den Ki­no­film „Twin Peaks: Fi­re Walk With Me“. In Can­nes wird er aus­ge­buht.

Xgilt

wie „Ak­te X“: „Twin Peaks“als Weg­be­rei­ter des Mys­ter-Hits „Ak­te X“. Da­vid Duchov­ny hat schon in Twin Peaks er­mit­telt – als trans­se­xu­el­le De­ni­se Bry­son (klei­nes Bild).

Ys­ei­nem

wie Ye­ti: In neu­en „Twin Peaks“Ro­man ver­sam­melt Mark Frost sämt­li­che Ver­schwö­rungs­theo­ri­en der US-Ge­schich­te: von den Frei­mau­rern über Ros­well bis hin zum Mord an JFK. So­gar ei­ne Art Ye­ti taucht auf – in Form des ame­ri­ka­ni­sches Pen­dants Big Foot.

wie „Zen oder die Kunst, eiZ­nen

Mör­der zu fas­sen“: Un­ter die­sem Ti­tel strahlt RTL plus die drit­te Fol­ge von „Twin Peaks“aus. Erst in den Wie­der­ho­lun­gen heißt sie auch im US-Fern­se­hen so. Die Epi­so­den der ers­ten Staf­fel wa­ren im Ori­gi­nal erst na­men­los; spä­ter über­setz­te ABC die RTL-Ti­tel ins Ame­ri­ka­ni­sche.

„Twin Peaks“ist zu­rück. 1990 lös­te die Mys­te­ry-Se­rie ei­nen welt­wei­ten Hy­pe aus. 27 Jah­re spä­ter geht die Ge­schich­te wei­ter. Am Sonn­tag star­tet sie auf dem US-Sen­der Show­time – in Deutsch­land zeit­gleich auf Sky.

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