Angst nach dem Piks

Was tun, wenn ein Kind sich an ei­ner ge­fun­de­nen Sprit­ze sticht?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - In Der Familie - Von Co­rin­na Berg­h­ahn

Hat es jetzt et­wa Aids? Oder He­pa­ti­tis? Ver­letzt sich ein Kind an ei­ner weg­ge­wor­fe­nen Sprit­ze, stel­len sich El­tern so­fort die­se Fra­gen. Was al­so tun, wenn es da­zu kommt?

Wir fra­gen nach bei Ul­rich Bau­mann von der Me­di­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver. In zwei Spe­zi­al­am­bu­lan­zen be­han­delt der Fach­arzt für Kin­der­heil­kun­de­und Ju­gend­me­di­zin zu­dem Kin­der mit an­ge­bo­re­nen Im­mun­de­fek­ten und mit HIV-In­fek­ti­on.

Herr Pro­fes­sor Bau­mann, das Kind oder auch ein Er­wach­se­ner fin­det ei­ne ge­brauch­te Sprit­ze und ver­letzt sich an ihr: Was ist zu tun? Zu­erst ein­mal soll­te man die Ein­stichs­wun­de blu­ten las­sen. Wenn mög­lich, soll­te man die Wun­de rasch mit Des­in­fek­ti­ons­spray oder, wenn dies nicht zur Hand ist, mit Was­ser und Sei­fe aus­spü­len.

Soll­te man auf die Wun­de drü­cken, da­mit es bes­ser blu­tet? Auf kei­nen Fall! Wenn man das tut, könn­ten et­wai­ge Er­re­ger tie­fer ins Ge­we­be ge­drückt wer­den.

Was ist dann zu tun?

Das Kind zum Kin­der­arzt oder, wenn der nicht da ist, in die Not­auf­nah­me ei­ner Kli­nik brin­gen. Ganz wich­tig für die Fra­ge nach der Wei­ter­be­hand­lung wird nun der Impf­sta­tus des Ver­letz­ten, al­so soll­te auch der Impf­pass mit­ge­bracht wer­den. Die nach den Emp­feh­lun­gen der Sti­ko ge­impf­ten Kin­der sind klar im Vor­teil, denn sie sind ge­gen He­pa­ti­tis B und Te­ta­nus ge­impft. In­fek­tio­nen durch He­pa­ti­tis B oder Te­ta­nus sind die bei­den we­sent­li­chen Ge­fah­ren bei ei­ner Na­del­stich­ver­let­zung.

Und wenn der Impf­sta­tus un­klar ist? Die­sen Kin­dern wird ei­ne Si­mul­t­an­imp­fung ver­ab­reicht. Das be­deu­tet, dass sie gleich­zei­tig ei­ne pas­si­ve und ak­ti­ve Imp­fung ge­gen die mög­li­chen In­fek­tio­nen er­hal­ten. Der Nut­zen ist, dass die pas­si­ve Imp­fung so­for­ti­gen Schutz ge­währ­leis­tet und da­mit die Zeit­span­ne bis zum Ein­set­zen der An­ti­kör­per­pro­duk­ti­on durch die ak­ti­ve Imp­fung über­brückt.

Wie in­fek­ti­ös sind die Na­deln, be­zie­hungs­wei­se wie rea­lis­tisch ist ei­ne An­ste­ckung? HI- und He­pa­ti­tis-C-Vi­ren sind auch nach meh­re­ren Wo­chen in Ka­nü­len nach­weis­bar. In­fek­ti­ös sind die Ka­nü­len al­ler­dings nur, wenn das Blut, in dem sie sich be­fin­den, nicht ge­ron­nen ist. Bei her­um­lie­gen­den Sprit­zen ist es je­doch prak­tisch im­mer der Fall, dass das Blut schon ge­ron­nen ist, sonst wür­den ja die Be­nut­zer noch an­we­send sein. Mit He­pa­ti­tis B ver­un­rei­nig­ten Ka­nü­len kann man sich hin­ge­gen tat­säch­lich an­ste­cken. Es ist al­ler­dings kein Fall be kannt, in dem sich ein Kind mit ei­ner ge­fun­de­nen Sprit­ze mit dem HI-Vi­rus oder He­pa­ti­tis C an­ge­steckt hat. Bei He­pa­ti­tis B ist ein An­ste­ckungs­fall ver­öf­fent­licht wor­den.

Gibt es wei­ter­ge­hen­de Maß­nah­men für die von Sprit­zen ver­letz­ten Per­so­nen? Grund­sätz­lich kön­nen auch se­ro­lo­gi­sche Tests vor­ge­nom­men wer­den, um aus­zu­schlie­ßen, dass ein Kind durch die Ver­let­zung ei­ne In­fek­ti­on durch HIV, He­pa­ti­tis B oder C er­hal­ten hat. Hier­bei wer­den die An­ti­kör­per ge­gen die­se drei Er­re­ger un­mit­tel­bar so­wie drei bis sechs Mo­na­te nach der Ver­let­zung be­stimmt. Ha­ben sich dann An­ti­kör­per neu ge­bil­det, ist es tat­säch­lich zu ei­ner In­fek­ti­on durch den Stich ge­kom­men. Me­di­zi­nisch sinn­voll sind die­se Tests al­ler­dings nicht in je­dem Fall.

War­um? Die El­tern wol­len doch wis­sen, ob das Kind krank ist. . . . . .und ge­nau des­halb wer­den die Tests häu­fig auch ge­macht: Sie die­nen eher da­zu, den El­tern Si­cher­heit zu ver­mit­teln, aber zum Preis ei­ner sehr lan­gen War­te­zeit, in der ei­nen ent­spre­chen­de Sor­gen be­glei­ten wer­den – ab­ge­se­hen von der Not­wen­dig­keit ei­ner zwei­ma­li­gen Blut­ab­nah­me beim Kind. Denn man soll­te nicht ver­ges­sen: Die Ge­fahr, sich tat­säch­lich an ei­ner ge­fun­de­nen Sprit­ze zu ver­let­zen, ist al­len­falls für He­pa­ti­tis B ge­ge­ben und dann im­mer noch sehr ge­ring. Im­mer ab­ra­ten wür­de ich von ei­ner HIVPost­ex­po­si­ti­ons­pro­phy­la­xe.

Was ist das denn ?

Hier­bei be­han­delt man nach mög­li­cher In­fek­ti­on mit HIV pro­phy­lak­tisch, al­so vor­beu­gend, vier Wo­chen lang mit HIV-Me­di­ka­men­ten.

War­um ra­ten Sie da­von ab?

Die Ri­si­ken durch die Be­hand­lung mit HIV-Me­di­ka­men­ten sind grö­ßer als das Ri­si­ko, bei Ver­let­zun­gen durch ge­fun­de­ne In­jek­ti­ons­na­deln mit HIV in­fi­ziert zu wer­den.

In­fek­ti­ös sind ge­fun­de­ne Sprit­zen nur, wenn das Blut, in dem sie sich be­fin­den, noch nicht ge­ron­nen ist. Fo­to: Ima­go/Olaf Dö­ring

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