Die Höl­le im Kopf

Wie Zwangs­ge­dan­ken das Le­ben be­las­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Leben - Von Ju­lia Boecker

Jörn H. steht im Wohn­zim­mer, zu­sam­men mit sei­ner Frau. Vor dem Vi­tri­nen­schrank, den er ge­ra­de auf­ge­baut hat. Auf dem Fuß­bo­den liegt noch das Werk­zeug, und ganz plötz­lich kommt die­ser Ge­dan­ke. Springt Jörn H. an und lässt ihn nicht mehr los. „Ich könn­te ihr den Ham­mer auf den Kopf hau­en. Ich könn­te sie da­mit er­schla­gen.“Sie, das ist die Frau, die er seit elf Jah­ren liebt und mit der er zwei Kin­der hat. Wer er selbst ei­gent­lich ist – das wuss­te Jörn H. ab die­sem Mo­ment nicht mehr.

Denn die Ge­dan­ken kom­men wie­der seit dem Abend im Mai 2016. Mäch­tig und mehr­mals am Tag. „Schlim­me, bö­se Ge­dan­ken“, die Jörn H. nie­mals mit sich in Ver­bin­dung ge­bracht hät­te und ge­gen die er sich nicht weh­ren kann.

Mit sei­ner Fa­mi­lie lebt der 39Jäh­ri­ge in ei­nem Dorf bei Elms­horn, er ar­bei­tet als In­dus­trie­kauf­mann in der Au­to­mo­bil­in­dus­trie. Ein schlan­ker Mann mit kur­zem, dunk­lem Haar und sport­li­cher Klei­dung. Er spricht klar und kon­trol­liert, be­schreibt sich selbst als ei­nen für­sorg­li­chen, lie­be­vol­len Ehe­mann und Va­ter, dem sei­ne Frau und die bei­den Söh­ne, sechs und acht Jah­re alt, über al­les ge­hen. Nie ha­be er ei­nem an­de­ren Men­schen, über­haupt ei­nem Le­be­we­sen ge­gen­über Ge­walt an­ge­wen­det. „Wenn mich ei­ne Flie­ge im Haus stört, fan­ge ich sie in ei­nem Glas und set­ze sie nach drau­ßen“, er­zählt er. „Als die­se Ge­dan­ken ka­men, ha­be ich mich selbst, mei­nen Cha­rak­ter kom­plett in­fra­ge ge­stellt. Ich bin ein Psy­cho, dach­te ich.“

Wie ihm geht es weit mehr Men­schen, als man ver­mu­tet. Et­wa zwei Pro­zent der Be­völ­ke­rung – in Deutsch­land sind das rund 1,5 Mil­lio­nen – lei­den im Lauf ih­res Le­bens un­ter Zwangs­stö­run­gen, die Me­di­zi­ner zur Ka­te­go­rie der Angs­ter­kran­kun­gen zäh­len. Frau­en und Män­ner lei­den et­wa gleich häu­fig dar­un­ter. In den meis­ten Fäl­len ge­hen die Ge­dan­ken mit be­stimm­ten fes­ten Re­geln und Hand­lun­gen ein­her: Der Be­trof­fe­ne darf nicht auf die Fu­gen im Stra­ßen­pflas­ter tre­ten oder muss im­mer wie­der kon­trol­lie­ren, ob er die Woh­nungs­tür auch wirk­lich ab­ge­schlos­sen, den Was­ser­hahn tat­säch­lich zu­ge­dreht hat. So lan­ge, bis ei­ne „Sät­ti­gung“er­reicht ist, er­klärt Dr. Bern­hard Osen, Chef­arzt der Schön-Kli­nik Bad Bramstedt, die auf die Be­hand­lung psy­chi­scher und psy­cho­so­ma­ti­scher Er­kran­kun­gen spe­zia­li­siert ist. Die Ri­tua­le neh­men – zu­min­dest für den Mo­ment – den Druck, lö­sen die Span­nung und die Angst da­vor, dass an­dern­falls et­was Schreck­li­ches pas­sie­ren könn­te.

Bei Men­schen wie Jörn H. äu­ßert sich der Zwang aus­schließ­lich in Ge­dan­ken, die sich auf im­pul­si­ve Hand­lun­gen be­zie­hen. „Sie stel­len sich – un­wil­lent­lich und au­to­ma­tisch – zum Bei­spiel vor, dass sie je­man­den vor die U-Bahn sto­ßen oder in der Öf­fent­lich­keit ob­szö­ne Din­ge sa­gen könn­ten.“Die ag­gres­si­ven, se­xu­el­len oder got­tes­läs­ter­li­chen Vor­stel­lun­gen drän­gen sich auf und set­zen sich fest, oh­ne dass der Be­trof­fe­ne et­was da­ge­gen tun kann. Mit ei­nem klei­nen Tick, ei­nem harm­lo­sen „Spleen“ha­ben die­se Zwän­ge nichts zu tun. „Wir spre­chen von ei­ner Zwangs­er­kran­kung, wenn je­mand ei­ne St­un­de täg­lich oder mehr für den Zwang auf­brin­gen muss, wenn „Ich könn­te ihr den Ham­mer auf den Kopf hau­en“ Jörn H., In­dus­trie­kauf­mann

sein nor­ma­les Le­ben al­so be­ein­träch­tigt ist und er dar­un­ter lei­det“, sagt Osen.

Jörn H. lei­det. Un­ter der Höl­le in sei­nem Kopf, in dem sich ne­ben den Ge­dan­ken ge­gen­über sei­ner Frau noch an­de­re Hor­ror­fil­me ab­spie­len. Als sei­ne bei­den Söh­ne ei­nen Nach­mit­tag mit ih­rem On­kel beim An­geln ver­brin­gen, packt ihn die Angst: Sein klei­ner Sohn, zu dem H. ein be­son­ders in­ni­ges, zärt­li­ches Ver­hält­nis hat, könn­te er­trin­ken, fürch­tet er. Die Furcht treibt H. aus dem Haus. Er will die Kin­der ho­len, „den Klei­nen in den Arm neh­men und drü­cken“, als die Ge­dan­ken plötz­lich ei­ne an­de­re Rich­tung ein­schla­gen. „Ich ha­be mir vor­ge­stellt, ihn ins Was­ser zu schub­sen.“Zehn bis 15 Mi­nu­ten dau­ern die­se im­mer wie­der­keh­ren­den Fil­me, in de­nen er sein Kind in den Fluss stür­zen sieht, es ret­ten will – und auf ein­mal selbst zum Tä­ter wird.

„Blu­tig“oder „von Lust ge­prägt“sei­en die­se Ge­dan­ken nie ge­we­sen, er­klärt H. „Es ging im­mer dar­um, dass ich mei­ne Frau und mei­ne Sohn ver­let­zen könn­te, nie­mals wer­de.“Aus­lö­ser kann der An­blick ei­nes Mes­ser-Sets im Su­per­markt sein oder ei­ne Au­to­fahrt mit der Fa­mi­lie, bei der ihn plötz­lich der Ge­dan­ke durch­zuckt: „Ich könn­te jetzt das Steu­er rum­rei­ßen und ge­gen ei­nen Baum fah­ren, dann wä­ren wir al­le tot.“Das Grau­en im Kon­junk­tiv.

Sein Ver­stand ver­sucht, ihn auf den Bo­den zu­rück­zu­ho­len: „Das bin ich nicht, ich bin kein schlech­ter Mensch, ich lie­be sie doch, ich könn­te nie­mals je­man­dem et­was an­tun.“

„Die meis­ten Leu­te, de­nen sol­che Ge­dan­ken durch den Kopf zie­hen, wis­sen, dass es sich nur um Ge­dan­ken han­delt, und mes­sen ih­nen kei­ne be­son­de­re Be­deu­tung bei“, er­klärt Osen. An­ders bei Men­schen mit Zwangs­ge­dan­ken: Bei ih­nen kom­me es zu ei­ner Fu­si­on von Vor­stel­lung und Hand­lung: „Sie be­fürch­ten: ‚Viel­leicht tue ich es doch!‘ “

Ängs­te, die un­be­grün­det sind. Denn mit der Le­bens­rea­li­tät der Be­trof­fe­nen, die meis­tens „be­son­ders fried­lie­ben­de Men­schen“sei­en, wie Osen be­tont, ha­ben die Ge­dan­kenzwän­ge nichts zu tun. „Es ist noch kein Fall be­kannt ge­wor­den, in dem ein Zwangs­er­krank­ter sei­ne be­ängs­ti­gen­den Ge­dan­ken in die Tat um­ge­setzt hat“, sagt auch An­to­nia Pe­ters, Spre­che­rin der Deut­schen Ge­sell­schaft Zwangs­er­kran­kun­gen (DGZ).

Ge­nau das zu ver­ste­hen und zu ak­zep­tie­ren ist für die Pa­ti­en­ten aber ein lan­ger Weg – und gleich­zei­tig der ers­te Schritt auf dem Weg der Be­hand­lung. „In der The­ra­pie ver­mit­teln wir den Pa­ti­en­ten zu­erst, dass ein Ge­dan­ke oh­ne Ab­sicht kei­ne Hand­lung be­wirkt“, er­klärt „Nicht der Ge­dan­ke an sich ist das Pro­blem, son­dern die Angst, ihn um­zu­set­zen“ Bern­hard Osen, Chef­arzt Schön-Kli­nik

Me­di­zi­ner Osen. „Nicht der Ge­dan­ke an sich ist das Pro­blem, son­dern die Angst, ihn in die Tat um­zu­set­zen.“

Mit­hil­fe ei­ner spe­zi­el­len Ver­hal­tens­the­ra­pie las­sen sich Zwangs­stö­run­gen heu­te gut be­han­deln. Ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len da­bei so­ge­nann­te Ex­po­si­tio­nen: Die Pa­ti­en­ten wer­den mit dem Aus­lö­ser ih­res Zwangs kon­fron­tiert, oh­ne aber ih­re ge­wohn­ten Ri­tua­le aus­füh­ren zu dür­fen. Wer un­ter ei­nem Wasch­zwang lei­det, muss Tür­klin­ken oder ei­ne Klo­bril­le an­fas­sen und darf sich an­schlie­ßend nicht die Hän­de wa­schen.

Bei Ge­dan­kenzwän­gen hel­fe ein „ak­ti­ves Igno­rie­ren“: nicht aus der Si­tua­ti­on zu flie­hen und den Ge­dan­ken zu­zu­las­sen, bis er von selbst ver­schwin­det. Vie­le Pa­ti­en­ten be­kom­men als Er­gän­zung Psy­cho­phar­ma­ka, so­ge­nann­te Se­ro­to­nin-Wie­der­auf­nah­me­hem­mer, wie sie auch bei De­pres­sio­nen ein­ge­setzt wer­den.

Doch war­um kommt es über­haupt da­zu, dass sich be­stimm­te Vor­stel­lun­gen und Ri­tua­le bei man­chen Men­schen zur krank­haf­ten Be­ses­sen­heit ent­wi­ckeln? Da­zu tra­gen vie­le Fak­to­ren bei, sa­gen Ex­per­ten. „Zwangs­pa­ti­en­ten sind meist sehr für­sorg­li­che Men­schen, die ho­he mo­ra­li­sche An­for­de­run­gen an sich selbst stel­len“, sagt Tho­mas Hil­le­brand, Psy­cho­lo­ge und Vor­stands­mit­glied der DGZ.

Bei 85 Pro­zent der Zwangs­er­krank­ten sind die Sym­pto­me vor dem 35. Le­bens­jahr voll aus­ge­prägt, vie­le ha­ben sich schon in ih­rer Kind­heit zwang­haft ver­hal­ten. Weil die Zwän­ge in Fa­mi­li­en ge­häuft auf­tre­ten, ge­hen Fach­leu­te von ei­ner ge­ne­ti­schen Ver­an­la­gung aus. Stres­s­er­leb­nis­se, auch in der Kind­heit, Er­fah­run­gen von Über­be­hü­tung, Kon­trol­le oder Ver­sa­gen kön­nen die Krank­heit be­güns­ti­gen be­zie­hungs­wei­se ihr Aus­lö­ser sein. Oft die­nen Zwangs­sym­pto­me da­zu, Furcht, Ge­füh­le von Hilf­lo­sig­keit und Über­for­de­rung zu kom­pen­sie­ren.

Dau­ernd un­ter Druck, be­müht, es al­len recht zu ma­chen: So fühl­te sich auch Jörn H. Ne­ben sei­nem Voll­zeit­job ar­bei­te­te er jah­re­lang ne­ben­bei für ei­nen Si­cher­heits­dienst, sa­nier­te in sei­ner Frei­zeit das Haus, das er mit sei­ner Frau be­zo­gen hat­te. Sonn­abends küm­mer­te er sich um ei­ne Be­kann­te, ei­ne al­lein­ste­hen­de äl­te­re Da­me, wäh­rend zu Hau­se Frau und Kin­der auf ihn war­te­ten. „Ich selbst ha­be ei­gent­lich nicht mehr statt­ge­fun­den. Und ich hat­te per­ma­nent ein schlech­tes Ge­wis­sen.“Pa­nik­at­ta­cken wa­ren die Fol­ge – ein Warn­si­gnal.

Mit the­ra­peu­ti­scher Hil­fe be­kam er sie in den Griff. An sei­nem Le­bens­stil än­der­te er nichts. Er funk­tio­nier­te wei­ter. Bis die Zwangs­ge­dan­ken ihn in die Knie zwan­gen. Heu­te, nach ei­nem län­ge­ren Kli­nik­auf­ent­halt und mit re­gel­mä­ßi­ger am­bu­lan­ter Psy­cho­the­ra­pie, geht es ihm bes­ser. Die schlim­men Ge­dan­ken kom­men nur noch sel­ten. Das Wis­sen über sei­ne Er­kran­kung sei für ihn der Schlüs­sel ge­we­sen, mit ihr um­ge­hen zu kön­nen. Zu er­ken­nen, dass er mit sei­nem Lei­den nicht al­lein ist. Vor al­lem aber, ei­nes zu be­grei­fen: „Das sind nur Ge­dan­ken. Sie kön­nen mei­nen Cha­rak­ter nicht ver­än­dern. Sie ha­ben nichts da­mit zu tun, wer ich bin.“

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