Stil­les Was­ser

Schau­spie­ler Mar­tin Fei­fel über Kind­heit, Clowns und Kar­rie­re­knick

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Gespräch - Von Joa­chim Schmitz

Er kann al­lein ei­ne Thea­ter­büh­ne aus­fül­len und drückt je­dem Film sei­nen Stem­pel auf. Im Ge­spräch ist Mar­tin Fei­fel aber eher ru­hig, nach­denk­lich und et­was me­lan­cho­lisch. Am Sonn­tag hat er ei­ne Haupt­rol­le im Münch­ner Tat­ort. In ei­nem Münch­ner Ca­fé er­zählt er bei ei­ner Fla­sche stil­len Was­sers von sei­ner schwie­ri­gen Kind­heit, psy­chi­schen Pro­ble­men und ei­ner groß­ar­ti­gen Kar­rie­re:

Herr Fei­fel, ha­ben Sie heu­te schon ge­lacht? Ja, weil mei­ne Freun­din ges­tern Ge­burts­tag hat­te, heu­te Mor­gen ganz be­trübt war und dann sag­te: Ich möch­te die gan­ze Wo­che Ge­burts­tag ha­ben. Dar­über muss­te ich so la­chen. Ich hab dann ge­sagt: Okay, kannst du ha­ben. Bis nächs­ten Mitt­woch ist al­so Ge­burts­tag.

Ich fra­ge nach dem La­chen, weil Sie ur­sprüng­lich mal Clown wer­den woll­ten. Für mich war ein Clown nie der ko­mi­sche Au­gust, son­dern mehr ei­ne Sehn­sucht. Clowns wie Grock oder Char­lie Ri­vel ha­ben mich fas­zi­niert, weil bei ih­nen im­mer auch ein Schuss Me­lan­cho­lie da­bei war, was na­tür­lich auch mit der Mu­sik zu tun hat­te, die sie ge­spielt ha­ben und die meist sehr trau­rig war. Bus­ter Kea­ton hat mir auch bes­ser ge­fal­len als Char­ly Chap­lin. Mich hat im­mer das Stil­le, Pan­to­mi­mi­sche mehr in­ter­es­siert als der schen­kel­klop­fen­de Hu­mor. Auch das Poe­ti­sche und Me­lan­cho­li­sche im Zir­kus Ron­cal­li hat mich zu­tiefst fas­zi­niert.

Die Me­lan­cho­lie ver­mit­teln Sie mit Ih­rem Spiel bis heu­te. Die wohnt mir wohl in­ne und ist ganz tief in mir ver­wur­zelt. Ich war schon als Kind im­mer sehr ru­hig, zu­rück­ge­zo­gen, und wenn ich mal aus mir raus­ge­kom­men bin, ha­be ich den Pau­sen­clown ge­macht, so rich­tig den Kasch­perl. Man muss ja im­mer ein biss­chen auf die Pau­ke hau­en, um Kon­takt zu den Mit­schü­lern zu be­kom­men.

Klingt auch ein biss­chen me­lan­cho­lisch. Ich bin als Schü­ler sehr oft ver­prü­gelt wor­den, weil ich so still war. Da wur­den wirk­lich schlim­me Sa­chen mit mir ge­macht, das Schlimms­te ha­be ich in der Volks­schu­le er­lebt. Nach dem Gi­tar­ren­un­ter­richt ha­ben mich ein paar an­de­re Schü­ler ab­ge­fan­gen, mei­ne Gi­tar­re über ei­ne rie­si­ge Thu­ja-He­cke ge­wor­fen und mir dann das Ge­sicht mit Hun­de­kot ein­ge­schmiert. Da ha­be ich am ei­ge­nen Leib er­fah­ren, wie grau­sam Kin­der sein kön­nen.

Auf der an­de­ren Sei­te sind Sie mal vor den Au­gen ei­ner Leh­re­rin im zwei­ten Stock aus dem Fens­ter des Klas­sen­raums ge­sprun­gen. Das hat­te ei­nen Grund: Mei­ne ge­lieb­te Fran­zö­sisch­leh­re­rin, ei­ne Viet­na­me­sin, hat­te Schwan­ger­schafts­ur­laub ge­nom­men – dann kam ei­ne Er­satz­leh­re­rin, und die war so was von blöd im Ver­gleich zu der an­de­ren, in die ich ja fast ver­liebt war. Die hat­te so­gar mei­ne Lie­bes­brie­fe kor­ri­giert, die ich nach Frank­reich ge­schickt ha­be. Und wenn ich mal ein Auf­satz­the­ma ver­fehlt hat­te, dann hat sie mir ge­hol­fen, es rich­tig zu ma­chen.

Und dann kam die an­de­re Leh­re­rin. Ja, so ei­ne He­xe, ei­ne rich­tig fie­se Leh­re­rin, wie es sie in man­chen Bil­der­bü­chern gibt. Kei­ner moch­te die. Und als sie sich dann mal zur Ta­fel dreh­te, um et­was auf­zu­schrei­ben, ha­be ich mir ge­dacht: Was macht die wohl gleich für Au­gen, wenn sie sich wie­der um­dreht, und ich bin nicht mehr da. Ich woll­te sie nicht scho­cken, son­dern nur über­ra­schen, wenn ich dann zur Tür her­ein­kom­me. Dann aber hat sie sich ge­nau in dem Mo­ment um­ge­dreht, in dem ich aus dem Fens­ter ge­sprun­gen bin. Ich bin in ei­nen Birn­baum ge­sprun­gen, run­ter­ge­klet­tert und dann wie­der rein in die Schu­le.

Und ha­ben ver­mut­lich ei­nen Mords­är­ger ge­kriegt. Die Leh­re­rin war schon ganz hys­te­risch Rich­tung Di­rek­tor ge­lau­fen, die bei­den tra­fen sich ge­ra­de im Flur, als ich rein­kam. Die­ser Di­rek­tor war ein fan­tas­ti­scher Mann – der sag­te vor der Leh­re­rin zu mir: Mar­tin, wenn du sol­che Sa­chen machst, dann musst du auch bei uns im Zir­kus auf­tre­ten. Es gab da­mals so ei­nen Stadt­teil­zir­kus bei uns, und die­se Auf­for­de­rung war sei­ne ein­zi­ge Re­ak­ti­on (lacht). Die Fran­zö­sisch­leh­re­rin ist dar­auf­hin re­gel­recht aus­ge­tickt.

Ihr Va­ter war Chir­urg, UniPro­fes­sor und Mit­glied des Deut­schen Wis­sen­schafts­ra­tes. Was hat der da­zu ge­sagt, dass sein Sohn Clown wer­den woll­te? Mich hat die Clown­aus­bil­dung ge­nau­so in­ter­es­siert wie die Schau­spie­le­rei, und ich woll­te auch bei­des ma­chen. Schau­spie­le­rei fand er als re­gel­mä­ßi­ger Thea­ter­gän­ger durch­aus in­ter­es­sant, aber er mein­te, da­für feh­le mir die not­wen­di­ge Elo­quenz, weil ich halt im­mer so still war und in der Öf­fent­lich­keit kaum mal ge­spro­chen ha­be. Ich hab das über­haupt nicht be­grif­fen, son­dern muss­te erst mal nach­schla­gen, was Elo­quenz über­haupt be­deu­tet (lacht).

Da hat sich Ihr Va­ter wohl in Ih­nen ge­täuscht? Nein, er hat­te schon recht, auch wenn mich das lan­ge Zeit ver­letzt hat. Aber ich muss­te schon rich­tig dar­an ar­bei­ten, bis ich mich ge­traut ha­be, öf­fent­lich et­was zu sa­gen. Als ich dann ent­schie­den ha­be, an die Di­mi­tri-Schu­le ins Tes­sin zu ge­hen, hat er ge­sagt: Gut, ich zahl dir das – aber nur wenn du vor­her Abitur machst. Ich woll­te näm­lich ei­gent­lich die Schu­le ab­bre­chen, um so früh wie mög­lich mit die­ser sehr kör­per­li­chen Aus­bil­dung in­klu­si­ve Ar­tis­tik zu be­gin­nen. Letz­ten En­des hat mein Va­ter im­mer zu mei­nen Ge­schwis­tern und mir ge­sagt: Und wenn ihr Müll­män­ner wer­det – es ist mir egal. Aber wollt was und tut was!

War­um sind Sie aus­ge­rech­net ins Tes­sin auf die­se Ar­tis­tikund Thea­ter­schu­le ge­gan­gen? Weil die ein Wahn­sinns­an­ge­bot hat­te: Jon­gla­ge, Mas­ken­spie­le, Mas­ken­bau, Im­pro­vi­sa­ti­on, Stimm­bil­dung, Ent­span­nung, Mas­sa­ge, Akro­ba­tik, klas­si­sches Bal­lett, Mo­dern Dan­ce, Volks­tanz – das war ei­ne fan­tas­ti­sche Pa­let­te an An­ge­bo­ten. Da woll­te ich un­be­dingt hin. Ich ha­be dann so­gar vor der Auf­nah­me­prü­fung in Flo­renz ei­nen In­ten­siv­kurs Ita­lie­nisch ge­macht, weil an die­ser Schu­le im Tes­sin nur Ita­lie­nisch ge­spro­chen wur­de.

Und dann war nach zwei Jah­ren Schluss – we­gen Ih­res Rü­ckens. Der Akro­ba­tik­leh­rer hat zu mir ge­sagt: Das hat kei­ne Zu­kunft für dich. Er hat­te ge­merkt, dass ich man­che Übun­gen nicht mehr mit­ma­chen konn­te, weil es so weh­ge­tan hat. Er sag­te: Wenn das jetzt schon los­geht, ist nach fünf Jah­ren in dem Be­ruf Schluss für dich. Zum Glück hat­te ich da­mals zu­sam­men mit Ka­ti Bren­ner auch schon mein In­ter­es­se fürs Sprech­thea­ter ent­deckt.

Am Sonn­tag ha­ben Sie die Haupt­rol­le im neu­en Münch­ner Tat­ort – als Lieb­ha­ber von nicht we­ni­ger als fünf Frau­en. Kön­nen Sie mit Ih­rer Freun­din dar­über la­chen, wenn Sie ei­ne sol­che Rol­le an­ge­bo­ten be­kom­men? Ja, na­tür­lich, wir la­chen uns so­gar schief über so was (lacht). Wir ha­ben uns bei mei­nem ers­ten Film mit Do­mi­nik Graf ken­nen­ge­lernt, bei dem sie Pro­duk­ti­ons­as­sis­ten­tin war, und ken­nen uns mitt­ler­wei­le seit über 20 Jah­ren. Sie ist üb­ri­gens jetzt mei­ne Frau, wir ha­ben letz­tes Jahr ge­hei­ra­tet, aber das nicht wei­ter­ver­brei­tet. Jetzt be­kommt sie die Wit­wen­ren­te, wenn ich mal das Zeit­li­che seg­ne. Ein Trän­chen im Au­ge hat­te ich aber auch, als dann die An­spra­che kam. Im Tat­ort ha­ben all die­se fünf Frau­en so ei­ne ko­mi­sche durch­sich­ti­ge und il­lu­mi­nier­ba­re Säu­le mit Ih­rem Kon­ter­fei drin. Ha­ben Sie die nach dem Dreh ei­gent­lich als Sou­ve­nir mit nach Hau­se ge­nom­men? (lacht) Ich hab tat­säch­lich ei­ne zu Hau­se, die hat man mir zum Ab­schied ge­schenkt. Die muss­te ich ha­ben, und wenn man sie mir nicht ge­schenkt hät­te, dann hät­te ich sie mir ge­kauft. Die steht jetzt ne­ben dem Grim­me­preis, aber un­be­leuch­tet.

Im ZDF gab’s vor ein paar Jah­ren den „Kom­mis­sar Sü­den“mit Ul­rich Noe­then in der Ti­tel­rol­le und Ih­nen als zwei­tem Er­mitt­ler Mar­tin Heu­er. Es gab tol­le Kri­ti­ken, für Sie ei­nen Grim­me­preis, über fünf Mil­lio­nen Zu­schau­er – und vom ZDF das Aus nach nur zwei Fol­gen. Und ich frag mich heu­te noch, war­um – es konn­te mir nie­mand ei­nen ver­nünf­ti­gen Grund da­für sa­gen. Ich ha­be völ­li­ges Un­ver­ständ­nis für das, was da pas­siert ist. Ir­gend­wann hieß es mal, die Quo­te sei wäh­rend der Aus­strah­lung von 5,7 auf fünf Mil­lio­nen ab­ge­sackt, die Zu­schau­er sei­en al­so aus­ge­stie­gen. Ein neu­es For­mat hat über fünf Mil­lio­nen Zu­schau­er, und die set­zen es nach dem zwei­ten Teil ab? Es war ei­ne neue Er­zähl­wei­se und hat­te in­ter­es­san­te Fi­gu­ren aus den fan­tas­ti­schen Bü­chern von Fried­rich Ani. Zum Bei­spiel Mar­tin Heu­er, den ich ge­spielt ha­be, mit sei­nem Al­ko­hol­pro­blem. Im zehn­ten oder elf­ten Buch er­schießt er sich in ei­nem Müll­con­tai­ner hin­ter ei­nem Puff – was für ein En­de. Und wie scha­de, dass wir es nicht zu En­de er­zäh­len durf­ten.

Apro­pos Al­ko­hol­pro­blem – Sie selbst ha­ben ja auch eins. Im Griff ? Ich fas­se kei­nen Al­ko­hol mehr an. Bei mir wur­de wäh­rend ei­ner The­ra­pie ei­ne af­fek­ti­ve Stö­rung dia­gnos­ti­ziert, ich bin jetzt me­di­ka­men­tös ein­ge­stellt und bli­cke längst nicht mehr in die­se Ab­grün­de, in die ich schon mal ge­blickt ha­be. Na­tür­lich hat­te sich das mit dem Al­ko­hol in der Bran­che wie ein Lauf­feu­er rum­ge­spro­chen. Vor zwei Jah­ren ha­be ich dann mit Ste­fan Arndt von X-Fil­me ge­spro­chen und ihm das Pro­blem ge­schil­dert. Er sag­te: Lass die Fin­ger weg, lass dir nichts zu­schul­den kom­men. Das wird sich zwar nicht so ra­send schnell ver­brei­ten wie das Pro­blem selbst. Aber ir­gend­wann wis­sen die Leu­te: Der Fei­fel ist wie­der fit, man kann mit dem ar­bei­ten.

Hat­te sich das Pro­blem ei­gent­lich auf Ih­re Kar­rie­re aus­ge­wirkt? Na­tür­lich. Vor vier Jah­ren hat es ei­nen rich­ti­gen Knick ge­ge­ben. Die Pro­du­zen­ten trau­ten sich nicht mehr, mit mir zu ar­bei­ten, die Ver­si­che­run­gen woll­ten mich nicht mehr ver­si­chern. Das war na­tür­lich ei­ne Ka­ta­stro­phe.

Aber jetzt läuft’s wie­der bei Ih­nen? Ja, ei­gent­lich seit dem Da­ni-Le­vy-Film „Die Welt der Wun­der­lichs“, als er mir sag­te: Mar­tin, ich mag mit dir ar­bei­ten. Als er mir den Zu­schlag für die Rol­le gab, hat er mich im Su­per­markt er­wischt – und ich ha­be ei­nen Rie­sen-Ju­bel­schrei aus­ge­sto­ßen. Und dann hat er ge­sagt: Mar­tin, ich möch­te, dass du aus­siehst wie Ig­gy Pop. Du gehst künf­tig am Bier­re­gal vor­bei und am Scho­kiRe­gal auch. Du nimmst jetzt ab. Okay, du musst nicht aus­se­hen wie Ig­gy Pop, aber schon wie Keith Richards (lacht). Da hat­te ich noch sechs Wo­chen Zeit und ha­be mir in der Zeit acht Ki­lo und wäh­rend des Drehs zehn Ki­lo run­ter­ge­rockt.

Am Sonn­tag ist Mar­tin Fei­fel im neu­en Münch­ner Tat­ort zu se­hen – als Lieb­ha­ber von nicht we­ni­ger als fünf Frau­en.

Fo­to: Ima­go/ Spöt­tel Pic­tu­re

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