„Ei­gent­lich bin ich ein kon­flikt­scheu­er Mensch“

Grü­nen-Po­li­ti­ker Vol­ker Beck er­hält den Ro­sa-Cou­ra­ge-Preis

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Von San­dra Dorn

Am Mon­tag wird der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Vol­ker Beck (Bünd­nis 90/ Die Grü­nen) in Os­na­brück mit dem Ro­sa-Cou­ra­geP­reis aus­ge­zeich­net. Vor­her sprach er mit un­se­rer Re­dak­ti­on über die Hür­den, mit de­nen er durch sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät zu kämp­fen hat­te.

Herr Beck, was be­deu­tet die Aus­zeich­nung für Sie? Es ist ja nicht die ers­te …

Es ist nicht die ers­te, aber es ist ei­ne schö­ne An­er­ken­nung für das, was man in vie­len Kämp­fen durch­ge­stan­den hat, und das hilft da­bei, im­mer wie­der neu durch­zu­star­ten. Ge­gen Min­der­hei­ten­feind­lich­kei­ten an­zu­ren­nen ist im­mer et­was er­mü­dend, weil den Geg­nern der Gleich­heit nicht viel Neu­es ein­fällt. Aber das Ge­dan­ken­gut, das sie ver­brei­ten, ist im­mer ge­fähr­lich.

Spie­len Sie an auf ei­ne be­stimm­te po­li­ti­sche Grup­pie­rung?

Nein. Man soll­te we­der Ho­mo­se­xu­el­len­feind­lich­keit noch An­ti­se­mi­tis­mus im­mer nur in ei­ne po­li­ti­sche oder so­zia­le Ecke stel­len. Wir ha­ben ein Pro­blem mit Ho­mo­se­xu­el­len­feind­lich­keit am rech­ten Rand, wir ha­ben es zum Teil auch un­ter Mi­gran­ten oder mus­li­mi­schen Ju­gend­li­chen, wir ha­ben aber auch ei­ne To­le­ranz von Ho­mo­se­xu­el­len­feind­lich­keit oder zu­min­dest -dis­kri­mi­nie­rung in der Mit­te der Ge­sell­schaft – auch bei po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern, die sa­gen, sie ha­ben Bauch­schmer­zen, wenn Schwu­le und Les­ben hei­ra­ten dür­fen. Das fängt bei der Kanz­le­rin an.

Ha­ben Po­li­ti­ker, die sich heut­zu­ta­ge ou­ten, im­mer noch Pro­ble­me? Oder ist es viel­leicht so­gar ein Vor­teil?

Ein Vor­teil ist es si­cher nicht. Ho­mo­se­xu­el­le müs­sen in der Po­li­tik im­mer noch un­gleich bes­ser sein, um als Po­li­ti­ker eben­so ge­schätzt zu wer­den wie He­te­ro­se­xu­el­le. Aber die Pro­ble­me, die man hat, sind doch er­heb­lich ge­rin­ger ge­wor­den ge­gen­über de­nen in den 70er- oder 80er-Jah­ren. In den 80er-Jah­ren war das noch bei al­len Par­tei­en jen­seits der Grü­nen ein Kar­rie­re­kil­ler und nicht ein Kar­rie­re­knick.

Und heu­te kann ein Jens Spahn als be­ken­nend Ho­mo­se­xu­el­ler in der CDU Kar­rie­re ma­chen.

Ich fra­ge mich, ob Jens Spahn die glei­che Kar­rie­re ma­chen wür­de, wenn er nicht ein­zah­len wür­de in die Kas­se der Be­haup­tung, dass ei­gent­lich die Mus­li­me, die Frem­den, die Aus­län­der die größ­te Ge­fahr für un­se­re Frei­heit sind. Er be­dient da min­der­hei­ten­feind­li­che Mo­ti­ve, und ich fin­de, als Min­der­hei­ten­po­li­ti­ker soll­te man ei­ne Sen­si­bi­li­tät da­für ha­ben, wo an­de­re Grup­pen aus­ge­grenzt wer­den und wo man Vor­ur­tei­le nährt. Der Mecha­nis­mus, dass man Grup­pen auf­grund ei­ner Ei­gen­schaft aus­grenzt, der ist das zen­tra­le Pro­blem. Die Min­der­hei­ten und Grup­pen sind in ge­wis­ser Wei­se aus­tausch­bar.

Ho­mo­se­xu­el­le Po­li­ti­ker sind Min­der­hei­ten­po­li­ti­ker?

Wir Ho­mo­se­xu­el­len sind ei­ne Min­der­heit, wir wer­den es auch blei­ben – auch ent­ge­gen von Wahn­fan­ta­si­en man­cher Rech­ten. Wir ha­ben in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten viel er­reicht. Aber an­de­re Grup­pen sind da­für ins Fa­den­kreuz ge­kom­men.

Bli­cken wir mal auf den Be­ginn Ih­rer po­li­ti­schen Kar­rie­re. Die Bun­des­tags­ver­wal­tung hat Ih­nen in den 80er-Jah­ren das Te­le­fon ab­ge­stellt, weil sie die An­sa­ge „Schwu­len­re­fe­rat“stör­te.

Die Wor­te „Schwu­le“und „Les­ben“gal­ten zu der Zeit, als ich im Bun­des­tag als Mit­ar­bei­ter an­ge­fan­gen ha­be – das sind im Herbst 30 Jah­re – im Par­la­ment noch als un­par­la­men­ta­risch. Ich ha­be auch An­fra­gen kon­zi­piert zur La­ge der Urnin­ge und Urn­in­den in Deutsch­land. Denn „Schwu­le“und „Les­ben“durf­te man nicht schrei­ben.

Ur… was?

Urning ist die his­to­risch ers­te Selbst­be­schrei­bung von Schwu­len und Les­ben, ei­ner Wort­schöp­fung von Karl Hein­rich Ul­richs, ei­nem Ju­ris­ten und gro­ßen He­ro­en aus dem 19. Jahr­hun­dert. Er hat als ers­ter Mann 1867 ge­gen die Straf­bar­keit der Ho­mo­se­xua­li­tät plä­diert. Er hat sei­ne Re­de auf Latein ge­hal­ten und wur­de trotz­dem nie­der­ge­brüllt.

Wie und wann ha­ben Sie über­haupt ge­merkt, dass Sie schwul sind?

Das war in der Schul­zeit, das Jahr kann ich gar nicht ge­nau be­nen­nen. Ich bin auf­ge­wach­sen mit der Idee: Es gibt nie­mand an­de­ren auf der Welt, der so emp­fin­det wie du. Und das ein­zi­ge, das man über ho­mo­se­xu­el­le Hand­lun­gen las, war auf den bun­ten Sei­ten der Ta­ges­zei­tung, wenn es ir­gend­wel­che Kri­mi­na­li­tät gab ge­gen Schwu­le. Das war na­tür­lich kein gu­ter Iden­ti­fi­zie­rungs- und An­dock­punkt.

Und als Sie sich dann ge­ou­tet ha­ben?

Im El­tern­haus war das na­tür­lich ein gro­ßes Dra­ma.

Und im Freun­des­kreis?

Das war im Um­feld der Frie­dens­be­we­gung. Das war ein lin­kes, auf­ge­klär­tes Mi­lieu, da war das kein gro­ßes Ding. Ich ha­be an­ge­fan­gen, Po­li­tik zu ma­chen in mei­ner Zi­vil­dienst­zeit. Und da war ich of­fen schwul. Ich ha­be nicht da­mit an­ge­fan­gen, das wie­der zu ver­ste­cken. Spä­ter war die Aus­ein­an­der­set­zung mit der The­ma­tik der Grund, war­um ich in die Bun­des­po­li­tik ge­gan­gen bin.

Ist es für jun­ge Leu­te heu­te leich­ter, sich zu ou­ten?

Das hängt sehr stark vom pri­va­ten Um­feld ab. Man sieht bei Leu­ten aus dem links­li­be­ra­len Um­feld, die sich für glei­che Rech­te bei der Ehe­schlie­ßung aus­spre­chen, auch die Aus­sa­gen: Na ja, wenn das mei­ne Kin­der an­geht, ist das schon ei­ne an­de­re Num­mer. Das neh­me ich de­nen erst ein­mal gar nicht übel. Das zeigt aber, dass da viel an Auf­klä­rung zu tun ist. Es gibt heu­te mehr Un­ter­stüt­zungs­mög­lich­kei­ten. Zu­min­dest in den gro­ßen Städ­ten gibt es Ju­gend­zen­tren für les­bi­sche und schwu­le Men­schen, an die kann man sich wen­den. Man muss nicht, wie in mei­ner Ju­gend, in düs­te­re Ka­schem­men ge­hen …

… war das so schlimm?

Ja, in mei­ner Ju­gend in Stutt­gart wa­ren die Schwu­lenknei­pen im Rot­licht­vier­tel, und ent­spre­chend viel Mut muss­te man auf­brin­gen, um da als jun­ger Mann hin­zu­ge­hen. Und heu­te ist in Köln in mei­ner Stra­ße ein Ju­gend­zen­trum für Schwu­le und Les­ben. Wenn ich da dran vor­bei­ge­he, den­ke ich im­mer: Wie schön, dass das heu­te mög­lich ist, da ha­ben wir doch ei­ni­ges er­reicht.

Was muss sich denn noch tun ge­sell­schaft­lich?

Wir müs­sen noch viel tun an den Schu­len. „Schwu­le Sau“ist im­mer noch ein Schimpf­wort auf den Schul­hö­fen. Wir müs­sen un­ab­hän­gig vom The­ma Se­xu­al­auf­klä­rung das The­ma sehr al­ters­sen­si­bel an­ge­hen. In al­len Fä­chern und auch sehr früh muss klar­ge­macht wer­den: Men­schen sind un­ter­schied­lich, es gibt nicht nur He­te­ro­se­xu­el­le. Man­che Män­ner lie­ben auch Män­ner und man­che Frau­en lie­ben auch Frau­en, und das ist völ­lig okay. Man kann aber durch­aus im Kin­der­gar­ten­al­ter schon Ge­schich­ten er­zäh­len von un­ter­schied­li­chen Fa­mi­li­en­for­men. Da geht es nicht um Se­xua­li­tät, son­dern um Re­spekt für die Gleich­heit der Ver­schie­de­nen. Je­der soll­te die Chan­ce ha­ben, oh­ne Angst un­ter­schied­lich sein zu dür­fen.

„Oh­ne Angst“ist ein gu­tes Stich­wort: Sie wer­den von Ho­mo­se­xu­el­len und Men­schen­recht­lern re­gel­recht ver­ehrt und von der Ge­gen­sei­te ver­ach­tet. Ist so ein Le­ben zwi­schen Ach­tung und Ver­ach­tung nicht auf Dau­er tie­risch an­stren­gend?

Es ist tie­risch an­stren­gend. Und na­tür­lich ist man un­gern ei­ne Has­si­ko­ne. Aber des­halb sind auch sol­che Eh­run­gen manch­mal ganz schön. Die la­den dann die Bat­te­ri­en wie­der auf. Man kann nicht Ever­y­bo­dy’ s Dar­ling sein, wenn man et­was vor­an­brin­gen will. Son­dern man muss vor­an­ge­hen und auch be­reit sein, sich in har­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu be­ge­ben. Ei­gent­lich bin ich ein to­tal kon­flikt­scheu­er Mensch. Aber wenn man al­len Kon­flik­ten aus dem Weg geht, er­reicht man nichts.

Seit 1994 sind Sie für die Grü­nen im Bun­des­tag, so wie es aus­sieht, wer­den Sie jetzt im Sep­tem­ber aus­schei­den. Ha­ben Sie schon Plä­ne für die Zeit da­nach?

Erst ein­mal nach­den­ken, le­sen und viel­leicht auch mal et­was schrei­ben.

Vol­ker Beck be­kommt in Os­na­brück am Mon­tag den Ro­sa-Cou­ra­ge-Preis ver­lie­hen. Fo­to: Jörg Cars­ten­sen/dpa

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