Auf den Hö­fen geht die Angst um

Bau­ern fürch­ten Tier­rechts­ak­ti­vis­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Dirk Fis­ser

Die Angst geht um auf den Bau­ern­hö­fen. Die Angst vor Tier­rechts­ak­ti­vis­ten, die in Stäl­le ein­drin­gen und heim­lich Auf­nah­men der Nutz­tie­re ma­chen. Land­wir­te schot­ten sich ab. Ei­ne Un­ter­su­chung aber zeigt: Ver­brau­cher hal­ten die Auf­nah­men für le­gi­tim.

„Bit­te las­sen Sie mei­nen Na­men aus dem Spiel“, heißt es auf An­fra­ge. Nicht nur bei ei­nem Bau­ern, son­dern gleich bei meh­re­ren. Be­trie­be, die ges­tern noch Be­su­cher­grup­pen und Jour­na­lis­ten in ih­re Stäl­le lie­ßen, scheu­en jetzt die Öf­fent­lich­keit. Jüngs­te Ver­öf­fent­li­chun­gen von Pe­ta und an­de­ren Tier­rechts­ak­ti­vis­ten ha­ben die Bran­che tief ver­un­si­chert. Denn un­ter den Be­trie­ben wa­ren auch sol­che, die ins Tier­wohl in­ves­tie­ren und sich den De­bat­ten um bes­se­re Hal­tungs­be­din­gun­gen stel­len. Plötz­lich sa­hen die Bau­ern Bil­der aus ih­ren Stäl­len in Zeit­schrif­ten oder im Fern­se­hen. Als Bei­spiel für Tier­qual.

„Das will ich mir und mei­ner Fa­mi­lie nicht an­tun“, wie­gelt ei­ner die­ser Vor­zei­geLand­wir­te ein Ge­spräch ab. Er hat Sor­ge, dass Tier­rechts­ak­ti­vis­ten auf ihn auf­merk­sam wer­den und nachts in sei­nem Stall dre­hen. Der Bau­er weiß, dass er sei­ne Tie­re so gut hält, wie es eben geht. Aber er weiß auch, dass die Öf­fent­lich­keit nicht ein­ord­nen kann, was in sei­nem Stall pas­siert. An­ge­knab­ber­te Rin­gel­schwän­ze bei­spiels­wei­se – auch wenn das Hin­schau­en al­lein schon weh­tut: Sol­che Bil­der ge­hö­ren auf dem Weg zu ei­ner Tier­hal­tung oh­ne Ein­grif­fe am Tier da­zu.

Vor­zei­ge­hö­fe un­ter Druck

Kri­tik sind sol­che Land­wir­te ge­wohnt. Mehr von in­nen als von au­ßen al­ler­dings. Denn wer vor­an­geht, der setzt sei­ne Be­rufs­kol­le­gen un­ter Druck. Die Be­har­rungs­kräf­te in der Bran­che sind groß. Hin­zu kom­men die Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flik­te. Hat der Ju­ni­or ei­ne Idee, wie es bes­ser geht, muss er den Se­ni­or erst über­zeu­gen, dass es in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten auch bes­ser ge­gan­gen wä­re. Fort­schritt er­zeugt eben auch im­mer Wi­der­stand.

Dass die­ser jetzt aus­ge­rech­net von au­ßen kommt, ir­ri­tiert die Land­wir­te. Und lässt sie ein­sil­big wer­den, weil sie nicht mehr ver­ste­hen, wie sie es der Ge­sell­schaft noch recht ma­chen sol­len. Den Tier­rechts­ak­ti­vis­ten kön­nen sie es je­den­falls nicht.

„Als Zi­vil­ge­sell­schaft Tie­re ein­pfer­chen – das geht ein­fach nicht“, sagt Ed­mund Ha­fer­beck, Lei­ter der Wis­sen­schafts­und Rechts­ab­tei­lung bei Pe­ta. Die Tier­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on de­fi­niert sich selbst als ve­gan, Pro­duk­ti­on von Le­bens­mit­teln tie­ri­schen Ur­sprungs lehnt sie ab. Ha­fer­beck be­klagt das „un­säg­li­che Hal­tungs­sys­tem“der mo­der­nen Land­wirt­schaft. Es sei auch den Bil­dern von Pe­ta und an­de­ren Tier­rechts­ak­ti­vis­ten zu ver­dan­ken, dass sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren über­haupt et­was ver­bes­sert ha­be, ist Ha­fer­beck si­cher.

Dass die jüngs­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen aus Stäl­len aus­ge­rech­net Be­trie­be tra­fen, die es bes­ser ma­chen wol­len, stört Ha­fer­beck dem Grun­de nach nicht, auch wenn er die Ir­ri­ta­ti­on der Bau­ern nach­voll­zie­hen kann. Beim Bei­spiel der Rin­gel­schwän­ze et­wa ver­weist er dar­auf, dass jahr­zehn­te­lang nichts un­ter­nom­men wor­den sei.

Ei­ner, der un­ter Land­wir­ten in Nie­der­sach­sen nur mar­gi­nal be­lieb­ter sein dürf­te als Pe­ta, schlägt sich in der De­bat­te auf die Sei­te der Bau­ern: Agrar­mi­nis­ter Chris­ti­an Mey­er. Der Grü­nen-Po­li­ti­ker sagt: „Die Kon­trol­le von tier­hal­ten­den Be­trie­ben ist Sa­che des Staa­tes und nicht von je­der­mann.“Er neh­me die Sor­ge von Bau­ern „sehr ernst“, von „ma­ni­pu­lier­ten und ein­sei­ti­gen Film­auf­nah­men“be­trof­fen zu sein, so Mey­er. Es sei ein Bä­ren­dienst für den Tier­schutz, Be­trie­be öf­fent­lich in Miss­kre­dit zu brin­gen, die sich für mehr Tier­wohl ein­setz­ten und trans­pa­rent ar­bei­te­ten, so der Mi­nis­ter.

Er er­in­nert dar­an, dass es man­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen gar nicht um die Ver­bes­se­rung der Tier­hal­tung ge­he, son­dern um de­ren Ab­schaf­fung. Mey­er: „Da sol­len Skan­dal­bil­der al­so gar nicht dem Stopp ein­zel­ner Miss­stän­de die­nen, son­dern viel­mehr zur Dif­fa­mie­rung ei­nes gan­zes Be­rufs­stan­des und vie­ler An­stren­gun­gen für mehr Tier­wohl miss­braucht wer­den.“

Und doch, die Ver­brau­cher hal­ten die Stall­bil­der und ihr Zu­stan­de­kom­men für le­gi­tim. Das hat das Team von Agrar­pro­fes­sor Achim Spil­ler an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen her­aus­ge­fun­den. Knapp 300 Be­frag­te sei­en mehr­heit­lich der Mei­nung ge­we­sen, es sei okay, in Stäl­le ein­zu­drin­gen, um schwar­ze Scha­fe un­ter den Land­wir­ten auf­zu­spü­ren.

„Dass die Ar­gu­men­te der Bau­ern nicht über­zeu­gen, ist auch Aus­druck der Sprach­lo­sig­keit zwi­schen Ver­brau­chern und der Land­wirt­schaft“, sagt Spil­ler. Die Bran­che müs­se bes­ser kom­mu­ni­zie­ren, was sie war­um ma­che. „Sie muss aber auch zei­gen, wie wich­tig ihr die Tie­re sind. Das kommt in den Preis­dis­kus­sio­nen manch­mal zu kurz und führt bei Ver­brau­chern zum fal­schen Ein­druck, dass es den Land­wir­ten nur ums Geld geht.“

Dis­kurs in Ge­fahr

Das The­ma ist laut Spil­ler so am­bi­va­lent, weil durch Auf­nah­men auch wich­ti­ge Dis­kus­sio­nen an­ge­sto­ßen wor­den sind wie et­wa die ums Tö­ten von Fer­keln vor ei­ni­gen Jah­ren. Vor dem Hin­ter­grund der jüngs­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen aus fort­schritt­li­che­ren Stall­an­la­gen sagt der Wis­sen­schaft­ler aber: „Es sind auch An­zei­chen da­für zu er­ken­nen, dass die zu­neh­mend zu­ge­spitz­ten Kam­pa­gnen ei­nen ver­nünf­ti­gen Dis­kurs über ei­ne zu­kunfts­fä­hi­ge Tier­hal­tung ka­putt­ma­chen kön­nen.“

So be­wer­tet das auch Jörn Eh­lers, Schwei­ne­hal­ter und Vi­ze­prä­si­dent beim Land­volk Nie­der­sach­sen. „Da ha­ben sich Be­trie­be auf den Weg ge­macht, und das soll jetzt zer­stört wer­den.“An Jour­na­lis­ten ap­pel­liert er, das Ent­ste­hen der ver­meint­li­chen Skan­dal­bil­der kri­ti­scher zu hin­ter­fra­gen. Aber auch sei­ner ei­ge­nen Bran­che gibt er ei­nen Rat: „Wir müs­sen der Ge­sell­schaft zei­gen, dass Krank­heit und Tod Teil der Tier­hal­tung sind.“Es ha­be sich ein fal­sches, ein idea­li­sier­tes Bild in den Köp­fen der Men­schen fest­ge­setzt. „Wir müs­sen zei­gen, wie es wirk­lich ist“, so Eh­lers.

Der Ruf nach här­te­ren Stra­fen für Stal­lein­brü­che bringt laut Pro­fes­sor Spil­ler je­den­falls nichts. Un­ter­su­chun­gen aus an­de­ren Län­dern zeig­ten, dass dies beim Ver­brau­cher nur zum Ein­druck füh­re, die Bau­ern hät­ten et­was zu ver­ber­gen.

Ta­ge nach dem Ge­spräch mel­det sich noch ein­mal ei­ner der Land­wir­te: „Bit­te nen­nen Sie mei­nen Na­men nicht“, sagt er. Die Angst bleibt.

Ein Stall bei Nacht: Vie­le Land­wir­te ha­ben Angst da­vor, dass Tier­rechts­ak­ti­vis­ten heim­lich in ih­ren Stäl­len dre­hen. Fo­to: imago/Mar­tin Wa­gner

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