Tscher­no­byl-Ka­ta­stro­phe wirkt nach

Glau­be an die an­geb­lich si­che­re Atom­ener­gie seit­dem nach­hal­tig er­schüt­tert

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Die Apo­ka­lyp­se hat seit dem 26. April 1986 für vie­le ei­nen Na­men: Tscher­no­byl. An die­sem Tag ex­plo­diert in ei­nem der vier Kraft­wer­ke ein Re­ak­tor. Die ato­ma­re Ket­ten­re­ak­ti­on in der Ukrai­ne ge­rät au­ßer Kon­trol­le, der Re­ak­tor­kern schmilzt. Ei­ne ra­dio­ak­ti­ve Wol­ke ver­teil­te sich über Eu­ro­pa.

Von Bert­hold Ha­mel­mann

Ur­sa­che des Su­per-GAUs, des größ­ten an­zu­neh­men­den Un­falls, bil­de­te ein fa­ta­ler Si­cher­heits­test. Durch ei­nen si­mu­lier­ten Strom­aus­fall woll­ten die Be­trei­ber nach­wei­sen, dass das Kraft­werk auch oh­ne Strom von au­ßen selbst ge­nü­gend Ener­gie pro­du­zie­ren wür­de, um die Not­küh­lung des Re­ak­tors si­cher­zu­stel­len. Kon­struk­ti­ons­män­gel des Re­ak­tors, der in den 1980er-Jah­ren als in­dus­tri­el­les Vor­zei­geund Pres­ti­ge­ob­jekt der So­wjet­uni­on galt, und mas­si­ve Be­die­nungs­feh­ler des Per­so­nals ver­ur­sach­ten ein gi­gan­ti­sches Cha­os, das die Welt in Angst und Schre­cken ver­setz­te.

Die so­wje­ti­sche Füh­rung schwieg den GAU zu­nächst tot. Erst Mes­sun­gen in Schwe­den am 28. April 1986 nähr­ten den Ver­dacht, dass es in ei­nem so­wje­ti­schen Kern­kraft­werk zu ei­nem GAU ge­kom­men sein muss­te.

Tau­sen­de Hel­fer wur­den in der Fol­ge nach Tscher­no­byl Das Fo­to vom 1. Ok­to­ber 1986

in Marsch ge­setzt. Sie soll­ten die ra­dio­ak­ti­ve Strah­lung „li­qui­die­ren“und ka­men so zu ih­rem Na­men.

Die ge­sam­te Zahl die­ser Li­qui­da­to­ren wird auf bis zu 800000 Per­so­nen, dar­un­ter über­wie­gend Wehr­pflich­ti­ge, Bus­fah­rer, Ärz­te, Kran­ken­schwes­tern, Be­ton- und Stahl­bau­er, ge­schätzt. Mo­na­te­lang blie­ben sie oft oh­ne aus­rei­chen­de Schutz­klei­dung im Ein­satz.

Heu­te ge­hen Wis­sen­schaft­ler da­von aus, dass die Strah­lung in Tscher­no­byl et­wa 500-mal stär­ker als nach dem Atom­bom­ben­ab­wurf auf Hi­ro­shi­ma 1945 war.

Im Som­mer 1986 be­gan­nen in Tscher­no­byl die Ar­bei­ten am „Sar­ko­phag“. Die­se Be­ton­hül­le um den Re­ak­tor soll­te die an­dau­ern­de Strah­lung un­ter­bin­den. Ei­ne auf­wen­di­ge, le­bens­ge­fähr­li­che Auf­ga­be: Die Li­qui­da­to­ren konn­ten stets nur we­ni­ge Mi­nu­ten tä­tig sein. Doch das Kon­strukt wur­de schnell ma­ro­de.

An ei­ner neu­en Schutz­hül­le be­tei­lig­ten sich 40 Staa­ten, dar­un­ter die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, die rund 300 Mil­lio­nen Eu­ro bei­steu­er­te. En­de 2016 er­hielt die Re­ak­tor­rui­ne dann end­lich ei­ne neue Um­man­te­lung.

Über die Aus­wir­kun­gen von Tscher­no­byl wird bis heu­te ge­strit­ten, da ge­si­cher­te Fak­ten Man­gel­wa­re sind. Laut der In­ter­na­tio­na­len Atom­ener­gie­be­hör­de (IAEO) sind bis­lang of­fi­zi­ell nur 30 Men­schen an der di­rek­ten Strah­len­ein­wir­kung ge­stor­ben. An­de­ren Qu­el­len zu­fol­ge liegt die Dun­kel­zif­fer de­rer, die auf­grund ih­res Ar­beits­ein­sat­zes an der Un­glücks­stel­le star­ben, bei mehr als 50 000 Per­so­nen. Die Krebs­ra­te der um­lie­gen­den Be­völ­ke­rung in der Ukrai­ne und Weiß­russ­land ist heu­te 30-mal hö­her als vor der Atom­ka­ta­stro­phe. Bei Zehn­tau­sen­den in der Re­gi­on Tscher­no­byl ge­bo­re­nen Kin­dern wur­den ge­ne­ti­sche Schä­den fest­ge­stellt.

Bis zur Atom­ka­ta­stro­phe im ja­pa­ni­schen Fu­kus­hi­ma im März 2011, aus­ge­löst durch ein Erd­be­ben und dem dar­auf fol­gen­den Tsu­na­mi, galt Tscher­no­byl als ein­zi­ger nu­klea­rer Un­fall, der auf ei­ner in­ter­na­tio­na­len Ska­la mit dem Höchst­wert 7 (ka­ta­stro­pha­ler Un­fall) auf­ge­führt wur­de.

Da­bei hat­te schon ein Stör­fall im März 1979 im ame­ri­ka­ni­schen Atom­kraft­werk bei Har­ris­burg GAU-Po­ten­zi­al. Auch hier war ein Re­ak­tor ge­schmol­zen. Doch bes­se­re Tech­nik und ei­ne un­fass­ba­re Por­ti­on Glück ver­hin­der­ten die Ka­ta­stro­phe.

Der stäh­ler­ne Druck­be­häl­ter des Re­ak­tors hielt Tem­pe­ra­tu­ren von fast 2800 Grad stand und ver­hin­der­te den mas­si­ven Aus­tritt von Ra­dio­ak­ti­vi­tät. Über 140 000 An­woh­ner flüch­te­ten oder wur­den eva­ku­iert.

zeigt die Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten am Tscher­no­byl-Re­ak­tor. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.