Der Fluch des Reich­tums im Kon­go

Die Gier der In­dus­trie nach Mi­ne­ra­li­en wie Ko­balt und Col­tan be­feu­ert die Ge­walt in Zen­tral­afri­ka

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Reportage - Von Jür­gen Bätz

Smart­pho­nes und Lap­tops kön­nen oh­ne Col­tan und an­de­re Mi­ne­ra­li­en nicht her­ge­stellt wer­den. Das Col­tan kommt auch aus dem Kri­sen­land Kon­go. Die Bo­den­schät­ze dort be­feu­ern Ge­walt­or­gi­en – trotz vie­ler Ver­su­che, das Trei­ben be­waff­ne­ter Ban­den zu stop­pen.

BUKAVU. Als Ser­ge 15 Jah­re alt war, hat er sei­nen On­kel und neun wei­te­re Men­schen hin­ge­rich­tet. Der Jun­ge ist ein frü­he­rer Kin­der­sol­dat aus dem Ost-Kon­go. Wenn er die Gei­seln sei­ner Mi­liz nicht mit der Ka­lasch­ni­kow nie­der­ge­mäht hät­te, hät­te sein Pei­ni­ger ihn zu To­de ge­fol­tert. Wie Tau­sen­den an­de­ren Kon­go­le­sen wur­den Ser­ge die Bo­den­schät­ze der Re­gi­on zum Ver­häng­nis: Gold, Dia­man­ten, Ko­balt, Col­tan und an­de­re Er­ze zie­hen Mi­li­zen an. Die Ban­den beu­ten die Men­schen aus. Mit ih­ren Ein­nah­men kau­fen sie Waf­fen, um wei­te­re Ge­bie­te zu er­obern.

Je­den Tag ver­ge­wal­ti­gen Be­waff­ne­te im Ost-Kon­go Dut­zen­de Frau­en. Dorf­be­woh­ner wer­den ver­sklavt oder ge­tö­tet, Kin­der von Mi­li­zen zu Mit­tä­tern ge­macht. Doch trotz die­ser Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen wan­dern wei­ter vie­le Mi­ne­ra­li­en aus dem Land in Zen­tral­afri­ka in Lap­tops und Smart­pho­nes.

Ein in Mas­se pro­du­zier­tes Han­dy, das oh­ne die­se Bo­den­schät­ze aus vie­len Län­dern aus­kommt, gibt es nicht. In ei­nem Smart­pho­ne ste­cken je­weils we­ni­ge Gramm von Dut­zen­den Mi­ne­ra­li­en. Die Te­le­fo­ne sol­len hand­lich sein und trotz­dem mög­lichst viel leis­ten. Da­für brau­chen die Her­stel­ler Stof­fe wie Ko­balt und das we­ni­ger be­kann­te Col­tan. Die Mi­ne­ra­li­en sind das Do­ping der Mo­bil­te­le­fo­ne.

Et­wa die Hälf­te der welt­wei­ten Pro­duk­ti­on der bei­den Stof­fe kommt aus Zen­tral­afri­ka. Ko­balt wird meist nach Asi­en ex­por­tiert, Col­tan geht auch nach Deutsch­land, weil hier ein füh­ren­der Ver­ar­bei­tungs­be­trieb sitzt. Aus dem Erz lässt sich das grau-glän­zen­de, sel­te­ne Me­tall Tan­tal ge­win­nen.

Zum Tö­ten ge­zwun­gen

Der Ex-Kin­der­sol­dat Ser­ge war zwölf Jah­re alt, als er in der Pro­vinz Nord-Ki­vu von Kämp­fern ei­ner Mi­liz, der Mai Mai Che­ka, ent­führt wur­de. „Das ers­te Mal ha­be ich zwei Ta­ge nach mei­ner An­kunft im La­ger ge­tö­tet“, er­in­nert sich Ser­ge. Das hat Me­tho­de: Die Ban­den zwin­gen Kin­der zum Tö­ten, da­mit sie sich nicht nach Hau­se trau­en.

Die Che­ka-Mi­liz hat es auf die Mi­nen ab­ge­se­hen. „Sie nut­zen die Mi­ne­ra­li­en, um neue Waf­fen zu kau­fen“, er­zählt der heu­te 17-Jäh­ri­ge. Ser­ge heißt in Wahr­heit an­ders. Er spricht ru­hig, aber teil­nahms­los. Die Mi­liz ha­be in den Dör­fern Ar­bei­ter zwangs­re­kru­tiert, dar­un­ter auch Kin­der. Sie muss­ten Gold, Dia­man­ten und Col­tan för­dern. „Wenn die Leu­te nicht gut ge­ar­bei­tet ha­ben, ha­ben wir sie er­schos­sen.“

2016 ge­lang Ser­ge wäh­rend ei­nes Ge­fechts die Flucht. Jetzt lebt der Te­enager in der Stadt Mi­no­va in der Pro­vinz Süd-Ki­vu in ei­nem Trau­ma­zen­trum der Ca­ri­tas.

Mi­no­va liegt auf ei­ner An­hö­he am ma­le­risch schö­nen Ki­vu­see. Die Hü­gel leuch­ten saft­grün, die Er­de ist frucht­bar. Doch die Idyl­le trügt. Ge­ra­de die Pro­vin­zen Nord- und Süd-Ki­vu sind das Zen­trum der Ge­walt im Kon­go. Und das trotz ei­ner der größ­ten UN-Frie­dens­mis­sio­nen mit et­wa 20000 Blau­helm­sol­da­ten. Der Staat ist schwach und kor­rupt, die Jus­tiz ei­ne Far­ce.

Be­feu­ert wird die Ge­walt von der Gier nach den Bo­den­schät­zen. Man muss vie­ler­orts nur in Fluss­bet­ten su­chen oder et­was gra­ben. Ei­ne Mi­ne be­steht im Ost-Kon­go oft nur aus ei­nem Loch im Bo­den oder im Fels. Die Men­schen bud­deln dann ein­fach mit der Hand.

Die we­ni­ger Ar­men neh­men Schau­fel oder Ham­mer zur Hil­fe, Ma­schi­nen sucht man hier ver­geb­lich. Mus­ha­mu­ka Mwe­ze ist ein sol­cher „Creu­seur“, ab­ge­lei­tet vom fran­zö­si­schen Wort „aus­gra­ben“. „Ich kom­me seit 16 Jah­ren in die Mi­ne“, sagt der 25Jäh­ri­ge. Mit Ham­mer und Mei­ßel be­ar­bei­tet Mwe­ze die Fel­sen in der Zo­la-Zo­la-Mi­ne rund drei St­un­den west­lich der Stadt Bukavu.

Zo­la-Zo­la ist für kon­go­le­si­sche Ver­hält­nis­se ein gu­ter Ar­beits­platz, denn in der Mi­ne ist der Ab­bau des Zinn­erzes Kas­si­te­rit und von Col­tan le­gal. Si­cher­heits­kräf­te ver­su­chen, die An­la­gen vor Mi­li­zen zu schüt­zen, im Dorf wird mit Pan­zer­faust pa­trouil­liert.

Im Kon­go ver­die­nen nach ei­ner Schät­zung des geo­lo­gi­schen Di­ens­tes der USA – kurz USGS – bis zu zwei Mil­lio­nen Men­schen ihr Geld mit dem Ab­bau von Mi­ne­ra­li­en. We­gen der Kon­flik­te gibt es im Os­tKon­go kaum in­dus­tri­el­le Mi­nen. Ex­per­ten des bel­gi­schen In­sti­tuts Ip­si ha­ben in der Re­gi­on mehr als 2000 klei­ne Mi­nen wie je­ne in Zo­la-Zo­la ge­zählt. Et­wa je­de zwei­te wird dem­nach von ei­ner Mi­liz oder von Sol­da­ten kon­trol­liert. Die meis­ten Ab­bau­stät­ten sind il­le­gal, was be­waff­ne­ten Grup­pen die Aus­beu­tung er­leich­tert. Ar­bei­ter müs­sen dort bei vor­ge­hal­te­ner Ka­lasch­ni­kow für ge­fun­de­ne Mi­ne­ra­li­en „Steu­ern“zah­len.

Lü­cken im Sys­tem

Seit Jah­ren gibt es Be­mü­hun­gen, die Ver­brei­tung so­ge­nann­ter Kon­flikt­mi­ne­ra­li­en zu stop­pen, um Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ei­nen Rie­gel vor­zu­schie­ben. Auch in Eu­ro­pa. Der Kon­go steht be­son­ders im Fo­kus. Am wei­tes­ten geht ei­ne US-Re­ge­lung im so­ge­nann­ten Dodd-Fran­kGe­set­zes­pa­ket für Fi­nanz­re­for­men. Sie zwingt in den USA bör­sen­no­tier­te Fir­men seit ei­ni­gen Jah­ren of­fen­zu­le­gen, wo­her sie Gold, Tan­tal, Zinn und Wolf­ram be­zie­hen. Sie ha­ben die Pflicht nach­zu­wei­sen, dass sie den Kon­flikt im Ost-Kon­go nicht an­hei­zen. Seit­her müs­sen Mi­ne­ra­li­en wie Col­tan in Sä­cke ver­packt wer­den, die ver­plombt und be­schrif­tet wer­den. Das soll die Her­kunft aus le­ga­len, „kon­flikt­frei“ge­nann­ten Mi­nen be­wei­sen. Doch das Sys­tem hat Lü­cken.

Hun­der­te un­ge­neh­mig­te Mi­nen sind da­von gar nicht er­fasst. Das zwingt die „Creu­seurs“ent­we­der zum Ver­kauf auf dem Schwarz­markt. Oder sie schmug­geln ih­re Ware in ei­ne le­ga­le Mi­ne, um sie dort ord­nungs­ge­mäß ver­pa­cken zu las­sen. Zu­dem gibt es die Ver­plom­bun­gen zu kau­fen.

Trotz­dem sind sich die meis­ten Fach­leu­te ei­nig, dass sich dank der Dodd-Fran­kRe­ge­lung vie­les im Ost-Kon­go ver­bes­sert hat. Doch nun droht ei­ne Rol­le rück­wärts: US-Prä­si­dent Do­nald Trump will das bei der In­dus­trie un­be­lieb­te Ge­setz aus­set­zen.

Kir­chen­ver­tre­ter und Men­schen­recht­ler pro­tes­tie­ren. „Dodd-Frank hilft zu ver­hin­dern, dass sich bru­ta­le Kriegs­her­ren im Kon­go an den Mi­ne­ra­li­en be­rei­chern“, be­tont Ar­vind Ga­ne­san von Hu­man Rights Watch. Auch wenn sich der Weg zum Welt­markt für be­las­te­te Ware bis­her nicht voll ab­dich­ten lässt. Ex­per­ten ge­hen da­von aus, dass gro­ße Men­gen des Col­tan-Er­zes aus Nord- und Süd-Ki­vu nach Ruan­da ge­schmug­gelt wer­den und dort als kon­flikt­frei auf­tau­chen.

Der Weg des Roh­stof­fes führt häu­fig auch nach Deutsch­land. Der Che­mie­und Me­tall­spe­zia­list H.C. St­arck kauft Col­tan im Kon­go und bringt es zum Bei­spiel über den tan­sa­ni­schen Ha­fen Daress­a­lam in sei­ne Schmel­zen, ent­we­der nach Thai­land oder zum Fir­men­sitz im nie­der­säch­si­schen Goslar. Dort wird Col­tan in sei­ne Haupt­be­stand­tei­le ge­spal­ten: Tan­tal und Ni­ob. Nach der Ver­ar­bei­tung ver­kauft St­arck das Tan­tal et­wa an Kon­den­sa­tor-Her­stel­ler in Asi­en. Die­se be­lie­fern dann End­ge­rä­te-Pro­du­zen­ten wie Samsung, App­le oder Le­no­vo.

St­arcks Schmel­zen sind seit Jah­ren als kon­flikt­frei zer­ti­fi­ziert. Die Fir­ma setzt sich auch für nach­hal­ti­ge Roh­stoff­be­schaf­fung ein. Da­von wei­che man „kei­nen Mil­li­me­ter ab“, heißt es.

Bei App­le sind nach ei­ge­nen An­ga­ben seit En­de 2015 al­le Schmel­zen und sons­ti­gen Mi­ne­ra­li­en­zu­lie­fe­rer für die Ge­rä­te als kon­flikt­frei zer­ti­fi­ziert. Doch der iPho­ne-Her­stel­ler ist rea­lis­tisch: Trotz­dem sei es vor­ei­lig, die ge­sam­te Lie­fer­ket­te kon­flikt­frei zu nen­nen. Lang­fris­tig peilt der US-Kon­zern an, auf die För­de­rung neu­er Roh­stof­fe zu ver­zich­ten. Es sol­le et­wa Ma­te­ri­al aus al­ten Han­dys wie­der­ver­wen­det wer­den.

Ap­pell an Ver­brau­cher

Die klei­ne Initia­ti­ve Fair­pho­ne ver­sucht eben­falls zu be­wei­sen, dass ein Smart­pho­ne mit gu­ten Ar­beits­be­din­gun­gen von der Mi­ne bis zum Her­stel­ler mög­lich ist. Die Nie­der­län­der schlüs­seln die Zu­lie­fe­rer auf, bis hin zu ein­zel­nen Mi­nen. Seit 2013 hat Fair­pho­ne nach ei­ge­nen An­ga­ben 100 000 Han­dys ver­kauft – ein Bruch­teil von dem, was App­le und Samsung ab­set­zen.

Bei Kaf­fee oder Tee sind Ver­brau­cher in Eu­ro­pa oft be­reit, für fair ge­han­del­te Pro­duk­te et­was mehr zu zah­len. Wenn es nach dem Wil­len von Ver­tre­tern der ka­tho­li­schen Kir­che gin­ge, soll­te das auch für Han­dys gel­ten. „Es ist schreck­lich, dass die­se Er­ze mit­un­ter mit dem Blut der Mit­men­schen er­kauft sind“, sagt der Erz­bi­schof von Bukavu, Fran­cois-Xa­vier Ma­roy. Ein Um­den­ken sei nö­tig, for­dert er in ei­nem Auf­ruf der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Mis­sio. Denn für Col­tan wer­de bis­wei­len „ei­ne gan­ze Dorf­ge­mein­schaft nie­der­ge­met­zelt“.

Trügerische Idyl­le: In den grü­nen Hü­geln in der ost­kon­go­le­si­schen Pro­vinz Süd-Ki­vu lie­gen gro­ße Vor­kom­men von Roh­stof­fen, die für Elek­tro­nik­bau­tei­le be­nö­tigt wer­den. Fotos: dpa

Mit Ham­mer und Mei­ßel sucht Mus­ha­mua Mwe­ze nach wert­vol­len Mi­ne­ra­li­en wie Kas­si­te­rit-St­ei­nen (links). Vie­le Mi­nen sind nicht mehr als ein Loch im Bo­den (rechts).

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