Un­pas­sen­de Bil­der, fal­sche Aus­sa­ge

Für his­to­ri­sche Do­ku­men­ta­tio­nen wird oft ame­ri­ka­ni­sches TV-Film­ma­te­ri­al ver­wen­det

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen - Un­ter noz.de/me­di­en

His­to­ri­sche Do­ku­men­ta­tio­nen grei­fen aus Kos­ten­und Zeit­grün­den nur sel­ten auf deut­sche Film­quel­len zu­rück.

Von Joa­chim Gö­res

HAN­NO­VER. His­to­ri­sche Do­ku­men­ta­tio­nen er­freu­en sich im Fern­se­hen ei­ner gro­ßen Be­liebt­heit, vor al­lem zu Jah­res­ta­gen. Da­bei wird ger­ne auf Ori­gi­nal­film­auf­nah­men zu­rück­ge­grif­fen, die bild­lich be­le­gen sol­len, was den Zu­schau­ern vom Spre­cher, von His­to­ri­kern oder Zeit­zeu­gen über das ge­schicht­li­che Er­eig­nis be­rich­tet wird. „Es wer­den häu­fig die glei­chen his­to­ri­schen Auf­nah­men ge­zeigt, ob­wohl es auch ganz an­de­re Bil­der und Per­spek­ti­ven gibt“, sagt Gun­nar De­dio, der kürz­lich auf ei­ner Ta­gung des Film­in­sti­tuts Han­no­ver sprach. Er grün­de­te 1995 die Film­pro­duk­ti­ons­fir­ma Looks, die u. a. die in 24 Län­dern aus­ge­strahl­te Se­rie „14 – Ta­ge­bü­cher des Ers­ten Welt­krie­ges“pro­du­zier­te. „Es exis­tiert viel deut­sches Bild­ma­te­ri­al aus die­ser Zeit, aber für die­sen Film ha­ben wir das als Qu­el­le nicht ge­nutzt. Das ZDF will bis zu 6000 Eu­ro pro Mi­nu­te für sei­ne Ar­chiv­auf­nah­men ha­ben, das na­tio­na­le Archiv der USA nimmt da­für kein Geld“, sagt De­dio.

Fra­ge der Per­spek­ti­ve

Und so stammt die Hälf­te der do­ku­men­ta­ri­schen Auf­nah­men, die Looks in sei­nen Fil­men ver­wen­det, aus den USA, da­ge­gen nur 15 Pro­zent aus deut­schen Ar­chi­ven. „Deut­sche Qu­el­len sind zum al­ler­größ­ten Teil nicht on­li­ne

re­cher­chier­bar, im Ge­gen­satz zu den her­vor­ra­gen­den On­li­ne-Sich­tungs­mög­lich­kei­ten in Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und den USA. Wir ha­ben meist nicht die Zeit und das Geld, zu ei­nem Archiv zu fah­ren und dort nach Fil­men zu su­chen“, nennt De­dio ei­nen wei­te­ren Grund für die­se Aus­wahl. Das hat aus sei­ner Sicht fa­ta­le Kon­se­quen­zen: „Es ist ein Un­ter­schied, ob ein ame­ri­ka­ni­scher oder ein deut­scher Ka­me­ra­mann zum Kriegs­en­de in Ber­lin ge­dreht hat. Wenn man vor al­lem die US-Bil­der zeigt, wird ei­ne be­stimm­te Per­spek­ti­ve fa­vo­ri­siert. Man muss sich fra­gen: Wes­sen Ge­schich­te wird durch wel­ches Ar­chiv­ma­te­ri­al er­zählt?“De­di­os For­de­run­gen: Die Li­zenz­kos­ten für deut­sches Ma­te­ri­al müs­sen

deut­lich ge­senkt und es muss leich­ter zu­gäng­lich wer­den.

Gra­vie­ren­de Män­gel

Der Film­his­to­ri­ker Dirk Alt be­klagt gra­vie­ren­de Män­gel in TV-Ge­schichts­do­ku­men­ta­tio­nen. Als Bei­spiel nennt er das ZDF-Do­ku­dra­ma „Die Su­che nach Hit­lers Volk“von 2015, das der Psy­che der NSTä­ter auf die Spur kom­men will. Dort wer­den ne­ben In­ter­views mit Ex­per­ten his­to­ri­sche Auf­nah­men aus der Kriegs­zeit ge­zeigt, et­wa von ei­nem bren­nen­den Dorf in Ju­go­sla­wi­en. Zu se­hen sind er­schüt­ter­te Dorf­be­woh­ner und deut­sche Sol­da­ten in Uni­form. Im Film wer­tet ein Spre­cher aus dem Off die Auf­nah­men als Be­leg für die Ver­bre­chen der Wehr­macht. Alt prä­sen­tier­te in Han­no­ver

an­de­re Aus­schnit­te aus den Ori­gi­nal­auf­nah­men, die zei­gen, dass die Sol­da­ten ver­sucht ha­ben, den Brand zu lö­schen.

„Es ist die Pflicht von Fern­seh­re­dak­teu­ren zu über­prü­fen, ob die his­to­ri­schen Strei­fen tat­säch­lich die an­ge­ge­be­nen In­hal­te zei­gen. Bei The­men wie Kriegs­ver­bre­chen muss man be­son­ders sorg­fäl­tig sein“, sagt Alt, des­sen Pro­mo­ti­on über frü­he Farb­film­ver­fah­ren und NS-Pro­pa­gan­da un­ter dem Ti­tel „Der Farb­film mar­schiert“ver­öf­fent­licht wur­de. Er plä­diert für den Er­halt der Ori­gi­nal­fil­me. Nur durch das Ori­gi­nal kön­ne ei­ne mög­li­che Ma­ni­pu­la­ti­on ei­ner di­gi­ta­len Ko­pie ent­deckt wer­den.

Alt und an­de­re Ci­ne­as­ten hat­ten lan­ge das Bun­des­ar­chiv

für die Ver­nich­tung von Ori­gi­nal­fil­men kri­ti­siert. Da­bei han­delt es sich um Strei­fen bis An­fang der 50er-Jah­re aus leicht ent­zünd­li­cher Ni­tro­zel­lu­lo­se, die aus Si­cher­heits­grün­den bis vor Kur­zem vom Bun­des­ar­chiv häu­fig zer­stört wur­den. Laut Alt hat­te das Bun­des­ar­chiv zu Zei­ten der Wen­de noch 140 000 Rol­len Ni­tro­fil­me, heu­te sind es nur noch knapp die Hälf­te.

Film­auf­nah­men auch aus Os­na­brück aus der NS-Zeit zeigt Dirk Alt wäh­rend ei­nes Vor­trags am 7. Sep­tem­ber ab 19.30 Uhr im Kunst­ge­schicht­li­chen Mu­se­um Os­na­brück.

Mehr zu his­to­ri­schen Do­ku­men­ta­tio­nen

Schwer er­hält­li­che Bil­der: BDM-Auf­marsch in Laat­zen bei Han­no­ver, fest­ge­hal­ten von ei­nem Hob­by­fil­mer 1940. Fo­to: AKH

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.